Wartender Fahrgast liest ein Buch in der U-Bahn (Quelle: imago-images/Dieter Matthes)
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Interview | "Subway Book Review" - "Plötzlich sehe ich nur noch Menschen, die Bücher lesen"

Auch im Smartphone-Zeitalter trifft man in der U-Bahn Menschen an, die völlig vertieft in ihr Buch sind. Ein Instagram-Account aus New York stellt sie vor. Was die Berliner im Untergrund lesen, erzählt Julia Knolle, Berliner Editorin von "Subway Book Review".

rbb|24: Frau Knolle, die Deutsche Uli Beutter Cohen hat "Subway Book Review" in den USA gegründet. Der Instagram-Account ist inzwischen sehr erfolgreich. Wie sind Sie mit Uli Beutter Cohen in Kontakt gekommen?

Julia Knolle: Eines Morgens sah ich eine Mail von Uli Beutter Cohen in meinem Postfach mit einer Anfrage für ein Interview und der Info, dass sie einen neuen "contributing editor" für Berlin sucht. Ich schrieb ihr sofort, dass ich selbst interessiert sei, und nach dem Kennenlerngespräch via Skype war schnell klar, dass wir miteinander arbeiten wollen, weil wir uns auf Anhieb so gut verstanden haben.

Kannten Sie den Account, bevor Sie selbst die Berliner Macherin der "Subway Book Review" wurden?

Ja, ich hatte den Account schon lange vor der Anfrage abonniert, weil mich die Idee, fremde Menschen durch Literatur miteinander zu verbinden, begeistert hat.

Was machen Sie auf Ihrem eigenen Account?

Ich liebe Bücher und darum dreht sich auch alles auf meinem Instagram-Account [instagram.com]. Mittlerweile hat sich eine kleine Nischen-Community aus Gleichgesinnten gebildet, mit denen ich mich dann digital austauschen kann. Dazu kommen noch Print- und Onlineartikel, Podcasts und Dokus. Alles, was mich interessiert und wodurch ich mich bereichert fühle, wird da geteilt.

Was war Ihr erster Post auf "Subway Book Review"?

Mein erster Post ist von Ende Januar 2020, dort sieht man Mosch Khanedani, die ihre derzeitige Lektüre vorstellt: Mary Beard - "Woman and Power".

Wenn man an Berliner U-Bahn-Fahrten denkt, fallen einem eher andere Dinge auf als Literatur: das obligatorische Wegbier am Abend etwa und jede Menge Smartphones vor den Gesichtern. Ist das ein falscher Eindruck?

Mein Blick verändert sich jetzt natürlich und plötzlich sehe ich nur noch Menschen, die Bücher lesen. Manchmal ist es morgens auf dem Weg zur Arbeit allerdings so voll, dass die Mitfahrenden aus Platzgründen gar nicht den Raum haben, um ein Buch aufzuschlagen. Mittags und an Wochenenden ist das anders. Wegbier und Handy-Konsum sind natürlich auch Standard. Dass die Leute sich unterhalten, gibt es unter Umständen auch noch, aber es gibt auch eine erfreulich hohe Anzahl an Leuten, die analog lesen.

Auf welcher Linie sind Sie überwiegend unterwegs?

Das ist vielfältig, Berlin ist groß. Aber mein Weg zur Arbeit ist die U6 - vom Oranienburger Tor bis zum Checkpoint Charlie.

Gibt es spezielle Autoren, die die Menschen lesen, oder ist das im Zweifel ein Auszug aus der deutschen Bestseller-Liste?

Es ist total gemischt. Ich würde aber eher sagen, dass eine Tendenz zu Off-Mainstream-Büchern besteht und weniger zu klassischen Bestsellern.

Wie treten Sie in Kontakt, wie sprechen Sie Berliner Passagiere auf Ihre Bücher an?

So geht es meistens los: "Entschuldigung, darf ich Sie kurz etwas fragen? Ich finde das Buch, das Sie lesen, spannend und würde Sie gerne für 'Subway Book Review' interviewen." Je nach Reaktion steigen wir dann aus, nehmen per Audioaufnahme die Antworten auf und machen ein schnelles Portrait.

Uli Beutter Cohen sagte in einem Interview, dass sie Menschen in den U-Bahnen manchmal bis zu deren Station begleitet, weil sie so ins Gespräch vertieft sind. Haben Sie solche Erfahrungen in Berlin auch schon gemacht?

Bisher noch nicht. Aber es ist ja auch erst Februar und ich habe noch zehn Monate vor mir. Vielleicht passiert das noch.

Sie machen das nur ein Jahr lang?

Wir legen so jetzt erstmal los, für zwölf Monate. Wenn es gut läuft, hoffe ich natürlich, dass es weitergeht.

Hat schon mal jemand zu Ihnen in der U-Bahn gesagt: Ich möchte nicht mit Ihnen sprechen?

Nein, bisher noch nicht. Unsere Absichten sind ja gute. Die gemeinsame Leidenschaft für Bücher verbindet, meistens ist das Grund genug, mitzumachen und dadurch mit den Followern des Accounts in Austausch zu treten.

Ist "Subway Book Review" ein Vollzeitjob, oder machen Sie das auf dem Arbeitsweg oder in der Freizeit auf dem Weg zu Freunden?

Subway Book Review ist ein willkommener Ausgleich zu meinem Vollzeitjob und der tägliche Weg prägt natürlich meine U-Bahnroutine. Aber auch in der Freizeit nutze ich die Bahn und sehe dadurch andere Viertel der Stadt – von unten sozusagen.

Haben Sie sich vorgenommen, künftig ein oder mehrmals pro Woche ein Bild aus Berlin zu veröffentlichen?

Mein Plan ist natürlich, so viele und möglichst verschiedene Protagonisten vor die Handykamera zu kriegen.

Landet alles auf dem New Yorker Account, wo auch andere Städte in den USA und Europa vertreten sind?

Ja.

Auf dem Account finden sich aktuell Bilder von Menschen aus aller Welt. Könnten Sie sich vorstellen, bei großem Erfolg einen eigenen Berlin-Account zu launchen?

Der USP (Anm. d. Red.: Unique Selling Point, auf Deutsch: Alleinstellungsmerkmal) von "Subway Book Review" besteht darin, Menschen, die eine Passion für Bücher und Literatur haben, miteinander über alle Grenzen zu verbinden. Der Ansatz ist global – je mehr, desto besser.

Soll mit dem Account Geld verdient werden oder ist Subway Book Review ein Pro-Bono-Projekt – also Kunst und Kultur für alle?

In erster Linie soll der Account wachsen. Ich kann mir vorstellen, dass es in entfernter Zukunft Ideen und Ansätze geben wird, durch Unterstützung von Partnern das ganze Projekt größer werden zu lassen, aber im Moment liegt erstmal der Fokus darauf, dass mehr Menschen wahrnehmen, dass es dieses tolle Projekt gibt.

Können sich auch Menschen bei Ihnen melden, die in Berlin mit der U-Bahn unterwegs sind und Lust haben, auf dem Account mit ihren Lieblingsbüchern zu erscheinen? Oder soll das dem Zufall überlassen bleiben?

Im Idealfall treffen wir uns zufällig in der U-Bahn, was nicht heißt, dass, wenn jemand das Projekt toll findet, uns nicht anschreiben kann. Dafür ist der Account ja auch da, damit man anfängt, miteinander in Austausch zu treten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Anke Fink, rbb|24.

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2 Kommentare

  1. 1.

    Ich erzähle heute noch gerne die Story aus einem Oktober-Tag 2018 als ich in der oft gescholtenen U8 stehe und mich wundere weil irgendwas anders ist.
    ALLE Mitreisenden (12-15 Leute) hatten ein Buch in der Hand. Keiner ein Handy.
    Wie eine Zeitreise - geil. :D

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