Archiv - Konzert der Surf-Band "The Growlers" am 16.08.2019 auf dem Lowlands Festival 20019 in Biddinghuizen in den Niederlanden (Bild: dpa/Roberto Finizio)
Audio: Inforadio | 08.02.2020 | Bruno Dietel | Bild: dpa/Roberto Finizio

Konzertkritik | The Growlers im Astra - Kette rauchen bis zum Tinnitus

Eigentlich könnte The Growlers eine typisch Surfband sein - wären da nicht diese spärischen, psychedelischen Sounds, die Musik der Band durchziehen. Beim Konzert fielen zudem Parallelen zu Pete Doherty auf, was nicht nur am Zigarettenkonsum lag. Von Bruno Dietel

The Growlers - das soll so viel bedeuten wie "auf's Klo gehen". Die Band hat sich zu ihrer Gründung so genannt, weil sie sich damals selbst ziemlich mies fanden. Das erste Konzert fand in einer Strandbar für TaucherInnen in Kalifornien statt. Das ist jetzt 14 Jahre und sechs Alben her. Mittlerweile wird die Band als kalifornische Arctic Monkeys gehandelt.

Am Freitagabend ist nicht zum ersten Mal eines ihrer Berlin-Konzerte restlos ausverkauft. Das Publikum im Astra erscheint mit betontem Understatement und extrem lässig. Ähnlich wie die Bandmitglieder, die zu Beginn der Show ohne großes Spektakel auf die Bühne schleichen. Meditativ, fast schon passiv wirkend, fangen sie an zu spielen. Die Outfits bestehend aus Rollkragenpullovern und Hemden sind ebenso zurückhaltend. Ganz im Gegensatz zu dem Make-Up und den Perücken.

Eine gewisse selbstzerstörerische Ausstrahlung

"Wir haben uns für die neue Platte eine Pause genommen, eine Spandau-Ballet-Doku geguckt und jetzt klingt es halt mehr nach Disco, noch energetischer und noch mehr nach Funk", sagt Growlers-Sänger Brooks Nielsen über das neue Album "Natural Affair". Die Band habe es fernab der Pazifikküste in den Bergen aufgenommen. Live hört sich das dann wie folgt an: Kreischende 80er-Synthies mit ausgedehnten Soli, manchmal scheinen sogar die Reggae-Wurzeln des Sängers mitsamt Gitarren-Offbeats durch. Und für klassischen kalifornischen Surfrock klingt das Konzert anfangs viel zu psychedelisch, später zu bluesig.

Einige Fans haben Pappschilder mitgebracht und Sänger Brooke Nielsen verspricht, dass alle auf die Bühne geworfenen Kleidungsstücke von der Band als wärmende Schicht drübergezogen werden. Leider fliegen an diesem Abend nur Becher. Die Schilder nimmt Nielsen aber dankend entgegen und versucht sie vorzulesen.

Mit seiner leidenden, tiefen, unverkennbaren Stimme – Nielsen raucht angeblich schon, seit er elf oder zwölf Jahre alt war – erinnert der Growlers-Sänger an Pete Doherty. Auf der Bühne raucht er ununterbrochen; trinkt viel gegen die Müdigkeit, wie er sagt; und spielt Luftgitarre auf seinem Mikrofonkabel. Er tänzelt locker. Irgendwann nimmt ein Stück Papier, wohl die Setlist auf, und trocknet sich damit den Schweiß von der Stirn. Dann steht er lange mit dem Rücken zum Saal und wandelt, benommen wie ein Gespenst, über die Bühne. Dieser Mann hat eine gewisse selbstzerstörerische Ausstrahlung.

Tinnitus auf dem Nachhauseweg

Sich einfach gehen lassen, gilt auf wie vor der Bühne. Auch wenn es erstaunlich lange dauert, irgendwann haben sich Band und Publikum gefunden und feiern jedes Synthie-Solo intensiv. Nach gut zwei Stunden kann sowohl der Sänger nicht mehr, als auch die unauffällig im Hintergrund schuftende Band.

Wäre bloß der Tinnitus nicht so heftig, den man mit nach Hause nimmt. So einen brachial lauten, schwammigen Sound gab es im Astra lange nicht mehr: knallende Boxen, die Stimme verzerrt. Hoffentlich hat die Band das auf der Bühne nicht mitbekommen.

Sendung: Inforadio, 08.02.2020, 7:55 Uhr

Beitrag von Bruno Dietel

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich finde, auch Bands sollten sich gefälligst an die Einhaltung der Nichtraucherschutz-Gesetze halten. Es ist immerhin eine öffentliche Veranstaltung in geschlossenen Räumen, da muss keine (Dauer-)Qualmerei auf der Bühne sein.

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