Schauspielerin Sophie Rois bei der Fotoprobe zum Stück <<Sophie Rois fährt gegen die Wand>> im Deutschen Theater unter Regie von Clemens Maria Schönborn, nach dem Roman <<Die Wand>> von Marlen Haushofer im Deutschen Theater in Berlin. (Quelle: imago images/Bildgehege)
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Theaterkritik | "Sophie Rois fährt gegen die Wand" - "Feuilleton, hahahaha"

Sophie Rois legt am Deutschen Theater ein Solo nach dem österreichischen Roman "Die Wand" hin. Ein scheinbar leichter Abend mit den typischen Rois-Zutaten - und einem gigantischen Stück Multifunktions-Erdbeertorte. Von Fabian Wallmeier

Am Anfang stehen alle Zeichen auf szenische Lesung. Nur ein blassgrüner gepolsterter Zweisitzer und ein Sofatisch mit ein paar Teetassen stehen in der Mitte. Dann kommt Sophie Rois in aller Ruhe auf die Bühne, nimmt Platz und beginnt erstmal den Klappentext des Buches vorzulesen, um den es an diesem Abend im Deutschen Theater gehen soll: "Die Wand" von Marlen Haushofer.

In dem österreichischen Klassiker von 1963 wird eine Frau in einem abgelegenen Jagdhaus plötzlich von der Außenwelt abgeschlossen, weil ihr eine unsichtbare Wand den Weg zurück ins Dorf versperrt. Diese Frau legt nun überaus kühl und genau Bericht darüber ab, wie sie fortan allein lebt, nur mit einer Kuh, einer Katze und einem Hund. Sie beginnt ihr Leben im Wald zu organisieren, pflanzt Kartoffeln, geht auf die Jagd, ihr Tagesablauf ist vom Melken der Kuh bestimmt.

Doch obwohl der Solo-Abend größtenteils sehr nah am Romantext bleibt, hat er etwas anderes im Sinn. Er schüttelt schnell den ersten Eindruck ab, man bekomme hier eine szenische Lesung zu sehen - was ja durchaus hätte sein können, denn solche Abende haben Regisseur Clemens Maria Schönborn schon häufiger zusammen erarbeitet, "Have a Cup of Tea mit Sophie Rois" zum Beispiel. Doch Rois liest den Text nicht vor - und hat vor allem wenig von der asketisch ihre überlebensnotwendige harte Arbeit verrichtenden Romanerzählerin.

"Etwas scheint hier möglich zu sein"

Der Hemdsärmeligkeit, zu der sich die Figur im Roman zwingt, stellt Rois schlichte Eleganz mit einer großen Portion Ennui gegenüber. Die Stöckelschuhe tauscht sie nur kurz gegen bergtaugliche Schnürstiefel aus. Wenn sie im typisch roisschen, sich überschlagenden Jammerschmollton über die Eintönigkeit ihrer Nahrung und die Mühsal ihres Alltags klagt, ist das in erster Linie lapidar und witzig, niemals tragisch. Vor allem aber macht es sich die Protagonistin in Rois' Interpretation richtig heimelig in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit. "Kein Mensch weit und breit", schwärmt sie. "Etwas scheint hier möglich zu sein."

Was genau da möglich ist, beantwortet der Abend nicht genau - aber es wird klar: Etwas allzu Schlechtes ist es nicht. Irgendwann schwebt ein riesiges Stück Erdbeer-Sahnetorte herab (Bühne: Clemens Maria Schönborn) und dient fortan multifunktional mal als Gebirgsmassiv, mal als Hütte. Vor allem aber macht es eine Haltung deutlich: Es gibt hier überhaupt keinen Grund zu verzweifeln - es ist ja noch reichlich Torte da, auch wenn sie ziemlich unwirklich erscheint.

Die Konfrontation, die der Titel des Abends, "Sophie Rois fährt gegen die Wand" im Deutschen Theater, vermuten lässt, bleibt bei aller Andersartigkeit der Inszenierung aber aus. Eher verleibt er sich mit heiterer Distanz weite Teile der schmalen Roman-Handlung ein und deutet sie sanft um. Die existenzialistische Kälte, die Haushofers Text auf jeder Seite ausstrahlt, geht dabei weitgehend verloren. Aber in der gemütlichen emanzipatorischen Kraft, die sich der Abend statt dessen auf die Fahnen schreibt, liegt deshalb keineswegs ein Verrat am Text - sie ist im Roman durchaus auch vorhanden.

Schauspielerin Sophie Rois bei der Fotoprobe zum Stück <<Sophie Rois fährt gegen die Wand>> im Deutschen Theater unter Regie von Clemens Maria Schönborn, nach dem Roman <<Die Wand>> von Marlen Haushofer im Deutschen Theater in Berlin. (Quelle: imago images/Bildgehege)

Allein wie ein Stein und ziemlich zufrieden

Rois treibt das lustvoll auf die Spitze, als ihre Figur in einer Zeitung vom 11. April (übrigens dem Geburtstag von Marlen Haushofer) blättert, die sie in einer verlassenen Jagdhütte gefunden hat. "Telefonieren ohne Aufpreis", liest sie amüsiert vor, und lässt ein wunderbar abgründiges "Hahahahaha" folgen. Mit den alltäglichen Dingen der Welt, die sie kannte, hat die Frau hinter der Wand längst abgeschlossen - und erst recht mit allem Hochgeistigen: "Feuilleton, hahahahahaha", lacht sie und blättert gleich weiter.

Am Ende der knapp 70 Minuten kurzen Inszenierung singt Rois (die hier insgesamt viel österreichischer klingt als sonst) eine wienerische Version von Bob Dylans "Like a Rolling Stone". Offenkundig zufrieden damit, dass sie "allaan wia a Staan" ist, tanzt sie lässig die Rampe entlang und von der Bühne, kommt noch einmal zurück und beendet den Abend mit einem dahingeworfenen "That's all folks". Das war's also. Riesig viel war es nicht - aber manchmal sind die leichten, kleinen Inszenierungen, die auf den ersten Blick gar nicht so viel hermachen, ja die, die sich noch viel hartnäckiger im Gedächtnis verhaken als die scheinbar großen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass das auch bei "Sophie Rois fährt gegen die Wand" im Deutschen Theater so sein wird.

Schauspielerin Sophie Rois bei der Fotoprobe zum Stück <<Sophie Rois fährt gegen die Wand>> im Deutschen Theater unter Regie von Clemens Maria Schönborn, nach dem Roman <<Die Wand>> von Marlen Haushofer im Deutschen Theater in Berlin. (Quelle: imago images/Bildgehege)

Sendung: Inforadio, 01.02.2020, 07:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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