Der Schauspieler Lars Eidinger (als Peer Gynt) steht bei der Fotoprobe in der Schaubühne auf der Bühne. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 13.02.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Britta Pedersen

Theaterkritik | "Peer Gynt" an der Schaubühne - Mach keinen Umweg mehr, Peer!

Lars Eidinger und der Künstler John Bock nehmen sich an der Berliner Schaubühne Henrik Ibsens "Peer Gynt" vor. Die Bühne ist zwar spektakulär, doch der Solo-Abend fahrig und zerdehnt. Von Fabian Wallmeier

"Lars - ein Name wie ein Gähnen", sagt Lars Eidinger irgendwann. Da ist er, gegen Ende dieser "Peer Gynt"-Premiere an der Berliner Schaubühne am Mittwochabend, endlich bei der berühmten Szene des Ibsen-Dramas angekommen, in der es um die Schichten der Zwiebel geht. Außenrum der Mensch, drinnen der Lars mit dem Gähn-Namen, dann der Schauspieler, seine Rolle Peer Gynt und die Rollen, die der wiederum spielt. "Aber wo ist der Kern?"

Es gibt diesen Kern an diesem Abend nicht. Es gibt eher ein heilloses Durcheinander, das vieles anreißt, zitiert und vermengt, aber nichts konsequent zu Ende denkt. Es gibt das ziemlich spektakuläre Wimmelbild-Bühnenbild und die Trash- und Strick-Kostüme des Künstlers John Bock - und es gibt Lars Eidinger., der hier zum ersten Mal seit "Richard III." vor fünf Jahren wieder eine Premiere feiert.

Vor fast 50 Jahren gab es eine legendäre "Peer Gynt"-Inszenierung an der Schaubühne, damals noch am Halleschen Ufer. Peter Stein teilte sie auf zwei Abende auf und ließ die Titelrolle von mehreren Schauspielern und Schauspielerinnen übernehmen. Auf der Bühne standen dabei unter anderem Theater-Stars wie Bruno Ganz, Angela Winkler, Otto Sander und Edith Clever.

Kein Ensemble, keine starke Regie

An diesem Abend nun ist Lars Eidinger ganz allein auf der Bühne. Doch so gern man ihm auch im spielwütigen Ausgestalten verschiedenster Assoziationen zusieht: Das ist keine uneingeschränkt gute Idee. Denn Eidingers Rampensau-Qualitäten kommen so richtig erst dann zur Geltung, wenn sie Schlaglichter bleiben, wenn er, unter Anleitung einer starken Regie, ausbricht aus dem Gefüge des Ensembles - und dann wieder zurückkehrt.

Hier aber gibt es kein Ensemble, aus dem Eidinger ausbrechen könnte - und eine Art Regie führen er und John Bock selbst. Was dabei herauskommt, ist eine fahrige, zerdehnte, zweieinviertelstündige Aneinanderreihung von "Peer Gynt"-Versatzstücken. Ibsens weitschweifiges dramatisches Gedicht über das Leben eines Mannes, der sich in seinen eigenen Lügengeschichten verliert, ist zwar noch sehr präsent, wird aber immer wieder durch- und unterbrochen, gespiegelt und übertragen - und dient als Schablone für ein wüstes Sammelsurium an Ideen.

Der Schauspieler Lars Eidinger (r, als Peer Gynt) steht bei der Fotoprobe in der Schaubühne auf der Bühne. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)

Den Finger abgeschnitten?

Am witzigsten ist dabei noch ein verstecktes Zitat, das zu Anfang Irritationen auslöst. Da kommt eine Mitarbeiterin auf die Bühne, sagt den in solchen Situationen üblichen Satz, es sei ja nie ein gutes Zeichen, wenn eine Mitarbeiterin zu Beginn eine Ansage mache, - und behauptet dann: Lars Eidinger habe sich bei der Probe am selben Tag den Finger abgeschnitten, sei in der Charité operiert worden und könne nun zwar spielen, aber nur unter Schmerzmitteln.

Doch diese Anspielung auf eine Grabszene im Drama, in der ein Priester von einem mit der Sense abgeschnittenen Finger berichtet, wird nicht weiter aufgegriffen. Man sieht später, als Eidinger seine Handschuhe ausgezogen hat, dass offenbar alle Finger intakt sind, und der Effekt verpufft.

Bock und Eidinger verrühren Ibsen unter anderem mit Pop-Zitaten von A-Ha bis Kanye West, Bert Brecht und dem unvermeidlichen Heiner Müller. Nach dem Monolog über einen angeblichen Jagderfolg Peer Gynts singt Eidinger etwa mit Vocoder-Stimme A-Has "Hunting High and Low". Ähnlich kalauerhaft sind auch einige anderen der Assoziationen, mit denen Eidinger aufwartet. "Peer Rücke", sagt er, als er sich eine Perücke aufgesetzt hat, und dann geht es eine Weile so weiter: Peer Einschreiben. Rap Peer. Peer Vers.

Green-Screen-Porno und Riesen-Euter

Auf einer Leinwand gibt es Video-Ausschnitte und Live-Projektionen mit Green-Screen-Technik zu sehen. Mal steigt Eidinger dabei in einen Porno-Film ein, mal tanzt er mit der ganz in Grün gekleideten Kamerafrau, die deshalb dann auf der Leinwand nur zu sehen ist, wenn Eidinger zwischen ihr und dem Green Screen steht.

Diese Leinwand übrigens besteht übrigens aus aneinandergenähten weißen Herren-Schlüpfern. Passend dazu wurde dann auch kein klassisches Programmheft gereicht, sondern ein von John Bock gestalteter, in einen grünen Umschlag gelegter Schlüpfer [twitter.com]. Warum auch immer.

Bock sorgt immerhin dafür, dass es an diesem Abend eine Fülle an Ungewohntem zu sehen gibt, Seine mit eine Fülle an Requisiten und Kram vollgestellte Bühne ist im Kern eine Art Melkanlage. In der Mitte ist ein begehbares, mit Stoffen verkleidetes Riesen-Euter, an dem lauter kleinere Euter hängen. Was das soll, wird nicht klar, es sieht immerhin ziemlich toll aus.

Der Abend dagegen zieht sich ziemlich. "Mach einen Umweg, Peer", heißt es immer wieder. Doch ein paar Umwege weniger hätten ihm gut getan.

Sendung: Inforadio, 13.02.2020, 07:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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2 Kommentare

  1. 2.

    der Kommentar passt zur Inszenierung. Banal und nichtssagend. Und hat wahrscheinlich irgendwas mit den "Grünen" zu tun. Alice Ströver ist ja bekanntlich als Geschäftsführerin bei der Besucherorganisation Freie Volksbühne Berlin tätig und wird desöfteren auch im Foyer der Schaubühne oder anderswo gesichtet.

  2. 1.

    Lars Eidinger ist immer eine Bank. Geile Sau!!!

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