Emilia von Senger (Quelle:rbb/Carla Spangenberg)
Audio: Fritz | 02.03.2020 | Bild: rbb/Carla Spangenberg

Interview zum Frauentag | Autorinnenbuchhandlung - "Vielleicht haben wir zu lange seine Version der Geschichte gehört"

Jedes Buch eröffnet eine neue Sicht auf die Welt. Viel zu selten werden die Sichtweisen von Frauen abgebildet, findet Emilia von Senger. Deshalb bietet sie in ihrer Buchhandlung fast nur Bücher von Frauen und queeren Autor*innen an.

rbb|24: Frau von Senger, Sie werden im September eine Buchhandlung für Autorinnen in Neukölln eröffnen. Was wird das für ein Ort?

Emilia von Senger: Meine Buchhandlung wird ein Ort der Entdeckungen: Ich verkaufe fast nur Bücher von Frauen und queeren Autor*innen. Mir ist es total wichtig, die Bücher dieser Teile unserer Gesellschaft in den Vordergrund zu stellen. Bei mir stehen die Bücher nicht einfach von A bis Z alle nebeneinander im Regal, sondern ich will sie thematisch ordnen und auch die Buchcover frontal auf Tischen und in Regalen präsentieren. Das macht es einfacher, Neues zu entdecken. Es wird aber auch ein Ort des Austauschs. Deswegen wird es ein Café geben, in dem man die Bücher aus dem Laden lesen und miteinander ins Gespräch kommen kann. Außerdem werde ich Lesungen, Diskussionsgruppen und Lesekreise veranstalten. 

Sie beschränken sich aber nicht nur auf Bücher von Frauen, sondern weiten Ihr Angebot auf queere Autor*innen aus. Wen fassen Sie darunter?

Das gute an queer ist, dass es ein sehr weit gefasster Begriff ist. Generell handelt es sich um Menschen, die in ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht von den klassischen Normen abweichen. Ich fasse darunter also homosexuelle Menschen, aber auch Menschen die nicht-binär leben oder gender-fluid sind. Das finde ich wichtig, da ich glaube, dass das zweigeschlechtliche System überholt ist.

Sie sagen, Sie nehmen auch vereinzelt männliche Autoren mit in Ihr Sortiment auf. Was muss ein Mann haben, um es in Ihr Bücherregal zu schaffen?

Ich behalte mir vor, nicht hundert Prozent streng zu sein. Damit ein Mann in meinen Buchladen aufgenommen wird, muss er über ein zeitgenössisches Thema schreiben, das ich gerade wichtig finde. Vielleicht schaffen es sogar heterosexuelle Männer in meine Buchhandlung. Zum Beispiel schreibt Ben Lerner in seinem aktuellen Buch “The Topeka School” über toxische Männlichkeit und die Frage, wie so etwas in einer amerikanischen Kleinstadt entstehen kann. Solche Bücher sind auch wichtig, um Ungerechtigkeiten zwischen Geschlechtern zu verstehen.

In den Regalen stehen also fast nur Frauen - wie stellen Sie sich das Publikum und die Kunden der Buchhandlung vor?

Ich spreche Frauen, Männer und alle non-binary Personen an. Das Publikum sollte bestmöglich aus allen Menschen bestehen, die in Berlin wohnen. In den Achtzigern gab es Frauenbuchläden, in denen Männer explizit nicht erwünscht waren - sogenannte Schutzräume. Aber ich eröffne die “Frauenbuchhandlung 2.0”. Das bedeutet, ich möchte ein möglichst breites Publikum ansprechen, aber die Bücher sind eben ausgewählt. Jeder Mensch kann hierherkommen, Bücher von Frauen kaufen und mitdiskutieren.

Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Projekt?

Ich habe mit Mitte Zwanzig Sylvia Plath gelesen und gemerkt, dass ich sowas in der Art noch nie gelesen habe. Sie schreibt anders als die Männer, die ich bisher in Schule und Universität gelesen hatte. Weil sie als Frau anders aufwächst und die Gesellschaft etwas anderes von ihr erwartet als von Männern. Dann habe ich mir selbst vorgenommen, mindestens die Hälfte meiner Bücher von Autorinnen zu kaufen. Das war damals zum Teil schwierig, weil ich gar nicht so viele Autorinnen kannte. Aber durch Austausch, Zeitungen und Instagram habe ich ein weites Feld entdeckt. Mit meiner Buchhandlung will ich andere Leser*innen an diesen Entdeckungen teilhaben lassen.

Ihr Buchladen wird “She Said” heißen. Was hat es mit diesem Namen auf sich?

Im Englischen gibt es die Redewendung “He said - She said”. Das bedeutet, in Konflikten gibt es immer die Perspektive des Mannes und die Perspektive der Frau. Die Idee ist dem Vorwort zu “Sagte Sie” von Lina Muzur entnommen, in dem sie schreibt: Vielleicht haben wir zu oft seine Version der Geschichte gehört. Die Idee ist, dass jetzt die Frauen sprechen, öffentlich zu Wort kommen und wahrgenommen werden. Ich habe mich für diese englische Formulierung entschieden, weil sie griffig ist und ich auch viele englischsprachige Bücher verkaufen werde.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter kommt zunehmend in der Gesellschaft an - vor allem Berlin ist da fortschrittlich. Wieso braucht es hier einen Buchladen, der sich auf Literatur von Frauen und queeren Personen fokussiert?

Es gab im letzten halben Jahr mehrere Studien, die gezeigt haben, dass es immer noch eine Geschlechterungerechtigkeit im Literaturbetrieb gibt. Zum einen bei den Verlagen: je höher das literarische Prestige eines Verlages, desto weniger Autorinnen führen sie. Zum anderen besprechen Tageszeitungen häufiger Bücher von Männern und es gibt mehr männliche Kritiker. Also es gibt auf vielen Ebenen ein Ungleichgewicht. Das kann ein Buchladen zwar nicht auffangen, aber er kann etwas anstoßen. Was die Debüts, also die Erstromane, angeht, sind Frauen deutlich besser vertreten. Es bewegt sich also etwas und ich denke, dass ich mit meinem Buchladen Teil dieser Welle sein werde.

Büchertipps von Emila von Senger (Quelle: rbb/ Carla Spangenberg)
Bild: rbb/ Carla Spangenberg

Buchtipps von Emilia von Senger

Emilias aktuelles Lieblingsbuch: Maggie Nelson - Die roten Stellen

Das sollten Männer lesen: Margarete Stokowski - Untenrum frei

Das sollten junge Frauen lesen: Mackenzi Lee - Kick-Ass Women

Das sollten alle lesen: Kübra Gümüşay - Sprache und Sein

Roman: Cemile Sahin - Taxi

Essays: Enis Maci - Eiscafé Europa

Comic: Liv Strömquist - Der Ursprung der Welt

Sendung: Fritz, 02.03.2020, xx:xx Uhr

Beitrag von Carla Spangenberg

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7 Kommentare

  1. 7.

    Ja, einen ähnlichen Gedanken zu Gender-Stereotypen hatte ich auch nach der Lektüre des Interviews: Dass im Jahre 2020 jemand mit akademischem Hintergrund formuliert, es gebe DIE männliche Sicht der Dinge, der DIE weibliche Sicht entgegengesetzt werden musste, erschreckt und ärgert (!) mich zutiefst; nicht zuletzt, wenn sowas Leitbild eines Erwerbsbetriebs werden soll. Schon vor Jahrzehnten habe ich mich zusammen mit anderen dafür eingesetzt, dass sich Menschen nicht so verhalten müssen, wie es Geschlechter- und sonstige Klischees von ihnen verlangen. Und nun wird hier eine Schubladen-Kategorisierung reinsten Wassers vorgenommen: Mario Barths seit eigentlich seit 100 Jahren überkommenes "Frauen denken so, Männer dagegen so" - nur mit mit Regenbogen-Lackierung.

  2. 6.

    Ich wollte mich ja bei diesem Beitrag mit Kommentieren zurückhalten, da ich in besagtem Laden (btw extrem schlechtes Timing für so ein werbliches Interview, es sei denn, da käme in sechs Monaten noch ein Reminder) sicherlich keine Lektüre für mich fände, mich das andererseits aber auch nicht so emotionalisiert wie Kommentator #1.

    Aber das ist nun doch zu komisch: "wo doch das Sprachliche weibliche Domäne ist"

    Was soll denn das sein? Genderstereotypen, nein danke, außer wenn's positiv klingt?

  3. 5.

    Gut, wenn die Frauenbuchszene sich öffnet und eine überarbeitete Neuauflage erfährt, sich neu findet! In der Literatur schreiben vor allem Männer über Männer, sind Frauen benachteiligt - wo doch das Sprachliche weibliche Domäne ist. Da ist es gut, wenn jungen Autorinnen ein Forum geboten wird - und allen, die etwas anderes als Männerdominanz fortschreiben wollen. Gerade Berlin spiegelt die gesellschaftliche Veränderung gut wieder: Ein Frauenfeiertag - anstelle dass immer nur Männer und ihre vermeintlich geschichtlich großen Heldentaten gefeiert werden sollen! In der Kinder- und Jugendliteratur gibt es viele mutige weibliche, selbstbestimmte und unverkrampfte Protagonistinnen. Das lässt für eine gleichberechtigtere, weiblichere literarische und gesellschaftliche Zukunft, Überwindung von Sexismus hoffen!

  4. 4.

    Kommentator Sebastian, sagt, dass er sich nicht wahrgenommen und ausgegrenzt fühlt. Wie jeder psychisch gesunde Mensch reagiert er auf Ausgrenzung mit Wut. M.E. nur, weil er männlicher Durchschnittsdeutscher ist, wird ihm nun Neid vorgeworfen und Toxizität nahegelegt.

  5. 3.

    Vielleicht sollten Sie darüber nachdenken, warum Sie das aggressiv macht, und ob das eine angemessene und gesunde Reaktion ist. Und kann es nicht auch sein, daß aggressive Leute häufiger abserviert und als Gefahr wahrgenommen sowie weniger auf Partys eingeladen werden als andere?

    Es klingt zumindest, als ob ein Buch über toxische Männlichkeit lesenswert für Sie wäre. Auch wenn es erstmal vielleicht wie ein persönlicher Angriff wirkt. Wo Sie eins herbekommen könnten, steht ja im Artikel.

  6. 1.

    Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass es mich zunehmend nervt und auch inzwischen richtig aggressiv macht, dass bestimmte Leute ihre sexuelle Orientierung so dermaßen in die Öffentlichkeit tragen müssen. Zwischen "nicht diskriminiert werden" und "maximale Öffentlichkeit einfordern" liegt meiner Meinung nach immer noch ein großer Unterschied. Im Prinzip kann man sich ja für jeden freuen, der die Möglichkeit hat, sein Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten, aber mir fehlt wirklich das gesellschaftliche Mitgefühl für diejenigen, denen das nicht möglich ist. Männliche Langzeitsingles werden nirgendwo ernstgenommen, und niemand stört sich daran, dass sie jeden Tag von Frauen auf übelste Weise abserviert werden. Männliche Langzeitsingles werden nicht mal auf Partys eingeladen, weil sie ja dort eine Gefahr darstellen, da sie stets und ständig auf der Suche sind. Mein Mitleid gegenüber den angeblich so diskriminierten Frauen hält sich da wirklich in sehr engen Grenzen.

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