Der schweizerische Sänger Faber bei einem Konzert im November 2019 (Bild: imago images/Rudi Keuntje)
Audio: Inforadio | 04.03.2020 | Hans Ackermann | Bild: imago images/Rudi Keuntje

Konzertkritik | Faber in der Columbiahalle - Fürsorgliche Lichtgestalt

Der Schweizer Sänger Faber hat am Dienstagabend in der ausverkauften Columbiahalle sein aktuelles Album "I fucking love my life" vorgestellt. Hans Ackermann hat ein überraschend intensives Konzert miterlebt - und einen Künstler, der mit seinen Fans verschmilzt.

"Ich weiß nicht: Soll ich kotzen oder weinen, wenn mir einer sagt, ich soll bitte so bleiben, wie ich bin?" Zimperlich ist er nicht in seinen Versen, dieser Faber, der mit Liedern wie "Jung und dumm" nach eigenen Worten doch nur "Akustik-Punk" präsentiert.

Doch was heißt hier Punk? Im strahlend weißen Anzug vor dem Publikum stehen, von einem einzelnen hellen Scheinwerfer angeleuchtet aussehen wie eine Mischung aus Gilbert Bécaud und Elvis Presley, dabei stimmlich von Rio Reiser und Jacques Brel gleichermaßen beeinflusst - genau so will er es. Faber ist eine Lichtgestalt für sein Publikum um die 20, das sich in seinen Texten an vielen Stellen wiederfindet, etwa wenn der Sänger trotzig feststellt: "Die Alten sagen ständig, wir seien jung und dumm - immerhin jung!"

"In Züri regnets oft"

Faber ist eigentlich kein Sänger, sondern ein singender Dichter, der seine Gedanken und Gefühle, Wut und Frust mit ungekünstelter Sprachkunst vielschichtig artikuliert. Diese Texte singt, schreit und flüstert er mit vor Überzeugung bebender Stimme in sein stylisches Mikrofon. Kein Wunder, dass man ihn schon mit dem großen französischen Chansonnier Serge Gainsbourg verglichen hat. 

Fabers Vater ist allerdings kein Franzose, sondern einer der bekanntesten italienischen Liedermacher: Pippo Pollina. Er hat seinen Sohn ursprünglich Julian getauft - was im Publikum natürlich alle wissen und beim betreffenden Lied kräftig mitsingen: "Oh, Julian, auch wenn es draußen regnet - und in Züri regnets oft - oh, Julian, du hast meinen Segen, doch erwarte nicht zu viel von Deinem Leben."

Kampfansage gegen "besorgte Bürger"

"Züri brennt nicht mehr, Züri kauft ein", heißt es spöttisch in einem anderen Song. Fabers zornige Auseinandersetzung mit der verspießten, zugleich geliebten Geburts- und Heimatstadt gehört fest ins Repertoire des Dichter-Sängers. Ebenso seine Wut über politische Ungerechtigkeit, wie sie besonders in der Flüchtlingsfrage zum Vorschein kommt. Im Song "Das Boot ist voll" wird der populistische Slogan entlarvt und Faber warnt nach rechts: "Besorgter Bürger, ich besorg’s Dir auch gleich, wenn sich 2019 ’33 wieder einschleicht!"

Der liebevolle Kümmerer

Wer im dichten Gedränge des vollständig ausverkauften Konzertes "ein Problem" bekomme,  hatte der Sänger schon nach dem ersten Song per Mikrofon verkündet, solle nicht zögern, Sanitätern oder Sicherheitsleuten Bescheid zu geben.  Nach dieser schlichten, ernsthaft-besorgten Durchsage versteht man plötzlich, warum die Fans "ihren Faber" derart verehren - er singt für sein Publikum nicht nur wahrhaftige Lieder, sondern kümmert sich auch ganz praktisch um seine Leute. Auch damit wird das Konzert zu einem wirklich großen Erlebnis, das kaum ein anderer deutschsprachiger Sänger in dieser Aufrichtigkeit und künstlerischen Intensität so schnell übertreffen wird.

Faber tritt am Mittwochabend noch einmal in der Berliner Columbiahalle auf. Sein Zusatzkonzert beginnt um 20 Uhr.

Beitrag von Hans Ackermann

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