Ausstellung C/O Berlin: "Linda Mc Cartney - The Polaroid Diaries" 04/05: London, England, 1970s / Location unknown, 1980s
C/O Berlin
Audio: Inforadio | 06.03.2020 | Barbara Wiegand | Bild: C/O Berlin

Ausstellung | "Linda McCartney" im C/O Berlin - Ungeschminkte Polaroid-Melodien

Linda McCartney wurde als Ehefrau der Beatles-Ikone Paul weltweit bekannt, aber auch mit ihren Fotografien. Die Ausstellung "Linda McCartney. The Polaroid Diaries" zeigt ihr vielfältiges Werk und gibt intime Einblicke in ihr Familienleben. Von Wilhelm Klotzek

Am Eingang des C/O Berlin grüßt Paul McCartney überlebensgroß, im Mantel und Moonboots vor einem roten Sportwagen, man ist kurz irritiert. Denn eigentlich soll es doch um die Fotografin Linda McCartney und nicht um die Ehefrau an der Seite des Beatles-Stars Paul McCartney gehen.

Und das tut es auch: Mit den ersten Schritten durch die Ausstellung begegnen einem Linda McCartneys "Roadworks": Intuitive Schnappschüsse aus dem Auto durchs Seitenfenster, die auf ihren unzähligen Reisen als Musikerin in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden sind. Im Gegensatz zu den Porträts von berühmten Persönlichkeiten wie Bob Dylan oder Jimi Hendrix aus ihrer Anfangszeit als Fotografin handeln die "Roadworks" von alltäglichen Straßenszenen und unbekannten Menschen. Mit den gefüllten Einkaufstüten in der einen, dem Kind an der anderen Hand, stehen sie auf Gehsteigen im England der 1970er-Jahre vor frisch getünchten Ladenzeilen.

Ausstellung C/O Berlin: "Linda Mc Cartney - The Polaroid Diaries" 06: Campbeltown, Scotland, 1970s
| Bild: C/O Berlin - Linda Mc Cartney - The Polaroid Diaries

Der Weg zu ihrem eigenen Schaffen

Der Kurator der Ausstellung, Felix Hoffmann, spricht von einem "goldenen Käfig", in dem sich die Fotografin Linda McCartney nach ihrer Heirat mit dem weltberühmten Musiker Paul McCartney wiederfand. Man merkt den Bildern an, dass Linda, selbst nun eine Berühmtheit, in dieser eingeengten Situation einen Weg suchte, ihr fotografisches Schaffen weiterzuentwickeln. Und so entstehen zufällige Bildkompositionen mit der Kleinbildkamera, die immer ein wenig schräg angeschnitten und entrückt wirken und eben nicht der klassischen "Street Photography"-Perspektive des spazierenden Beobachters entsprechen.

Erstmals Polaroidbilder aus privatem Archiv

Den weitaus größten Anteil der Ausstellung bilden aber ihre Polaroidaufnahmen. Mit über 5.000 Sofortbildern, die das Archiv der 1998 verstorbenen Künstlerin beherbergt, kann man ihre fotografische Tätigkeit mit diesem Medium durchaus als obsessiv bezeichnen. 250 Aufnahmen aus dem privaten Archiv haben Paul McCartney und ihre Tochter Mary ausgewählt und dem Kurator zur Verfügung gestellt.

Erstmalig werden fotografische Reproduktionen dieser Polaroidbilder überhaupt in einer Ausstellung gezeigt. Und tatsächlich ist das Medium der Sofortbildfotografie das, was der Fotografin Linda McCartney am nächsten kommt. Die Stärke ihrer Aufnahmen besteht nicht aus peniblen Kompositionen und inszenierten Bildwelten, sondern aus dem intuitiven und improvisierten Einfangen von Situationen. Sie lebte nicht für die Fotografie, sondern mit ihr.

Ausstellung C/O Berlin: "Linda Mc Cartney - The Polaroid Diaries" 11: Saga, 1978
| Bild: C/O Berlin - Linda Mc Cartney - The Polaroid Diaries

Im ersten Raum setzt der Kurator Felix Hoffmann den Schwerpunkt der Polaroidauswahl auf das "Berufsleben" des Paares: Paul McCartney am Filmset von "Papillion" irgendwo in Jamaika im Jahre 1973 mit dem bärtigen Steve McQueen; ein Selbstportrait auf irgendeiner Bühne mit Keyboard und Fotoapparat; ein Flugzeug spiegelt sich in der Scheibe eines Autos und beim genaueren Hinsehen erkennt man den Gatten mit Oberlippenbart. Beim weiteren Abschreiten der Hängung werden die Bildmotive der Ausstellung immer experimenteller. Linda McCartney kratzt in ihre Polaroids oder führt Doppelbelichtungen aus, wodurch die Motive immer abstrakter werden.

Die Fotografin Linda McCartney

Linda McCartney, geborene Eastman, kam durch einen Nebenjob bei einem Lifestyle-Magazin zur Fotografie. Durch Zufall gelang ihr während einer Pressekonferenz der Rolling Stones 1966 in New York, Fotos der jungen Musiker zu machen, die so ganz anders aussahen als die üblichen Posen halbstarker Gitarrenhelden. Fortan fotografierte sie alle Größen der damaligen Popkultur - von Aretha Franklin im weißen Federkleid bis Janis Joplin mit Band am Hintereingang des New Yorker Nachtclubs Filmore East. Heute sind diese Aufnahmen Bildgedächtnis der 1960er-Popkultur. Als erste weibliche Fotografin überhaupt war sie 1968 für das Cover des Rolling Stone-Magazine verantwortlich - ein Porträt von Eric Clapton. 1998 starb sie an einer Krebserkrankung.

"Sie haben ihre Schatzkiste geöffnet"

Im letzten, dem größten Raum der Ausstellung, breitet der Kurator nun das Gros der Polaroids aus. "Das ist ein absoluter Glücksfall, sie haben ihre Schatzkiste geöffnet," erklärt Felix Hoffman während er durch den Raum läuft. Die Polaroids sind unverkennbar aus dem Privatarchiv der Fotografin. Man sieht sehr intime Szenen einer Familie, Szenen am Abendbrottisch, wie der Vater bei den Hausaufgaben hilft, bis hin zu Bildern, die die Fotografin - gezeichnet von ihrer Krebserkrankung - in ihren letzten Lebensjahren zeigen.

Sicherlich sind diese Bilder nicht von Anfang an für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, weshalb diese Aufnahmen sehr natürlich und intuitiv wirken. Die Ausstellung schafft es, der Fotografin ein Stück näher zu kommen - gerade in den brüchigen, unklaren Motiven glaubt man, das Wesen der Künstlerin zu erkennen. Und so schreitet man während der Ausstellung nicht nur durch das Familienalbum der McCartneys, sondern auch durch das Werk einer selbstbestimmten Fotografin.

Sendung: rbb24, 06.03.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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