Der Musiker Lauf singt auf einem Konzert am 03.12.2019 in Texas (Quelle imago images/ZUMA Press)
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US-Musiker Lauv im Interview - "Mich frustriert, wie diese Gesellschaft funktioniert"

“Wo will ich hin?” und “Wer bin ich eigentlich?”, das fragen sich viele Menschen mit Mitte 20. Laut einer Studie durchleben auch viele Mittzwanziger in Berlin eine solche Krise. Im rbb-Interview berichtet Musiker Lauv (25), wie er persönliche Tiefpunkte überwunden hat.

In seiner Musik verarbeitet Lauv seine Depression, seine Zwangsstörungen und Beziehungen. Lauv weiß, dass das eine das andere umso schwerer macht. Wir haben den “I like me better”-Hitmaker, dessen Songs über 250 Millionen Mal in Deutschland gestreamt wurden, in Berlin zum Interview getroffen – über mentale Gesundheit, soziale Netzwerke und die große Frage nach der eigenen Identität.

rbb|24: Seit wann sind Sie in Berlin?

Lauv: Ich bin gestern Abend aus Brüssel gekommen, habe zu Abend gegessen und bin direkt ins Bett gegangen.

Vergessen Sie bei all den Reisen jemals, wo Sie sind?

Ich weiß, wo ich bin, aber ich vergesse manchmal die Reihenfolge, wo ich als nächstes hinfliege. Wenn ich darüber nachdenke, stresst mich das total. Ich muss da locker bleiben.

Das ist nicht Ihr erstes Mal in Berlin.

Nein, als ich damals noch am Studieren war, habe ich eine zeitlang in Prag gelebt und bin mit Freunden hierher gekommen. Wir haben die Mauer und andere Sehenswürdigkeiten erkundet. Und wir sind feiern gegangen. Das war verrückt. 

Haben Sie sonst noch etwas von Berlin gesehen?

Ganz ehrlich? Ich wünschte, ich hätte mehr gesehen. Was ich über die jungen Leute sagen kann, ist, dass sie alle sehr offen und cool wirken. Die Leute tragen immer noch sehr viel Schwarz, ich mag Farben lieber.

Aber Sie kommen auch aus Kalifornien. Das ist ein anderer Vibe.

Ja, das stimmt. Ich liebe den Kebab hier! Ich weiß, das sagen alle, aber ich war heute bei Mustafas. So gut!

Sie haben bereits die jungen Menschen in Berlin angesprochen. Mentale Gesundheit ist ein großes Thema für unsere Generation, aber auch in Ihrer Musik. Wie kam’s dazu?

Ein Freund und meine älteste Schwester haben mich zu einem Psychologen und Psychiater geschickt, nachdem ich einen emotionalen Tiefpunkt erreicht hatte. Ich wusste schon immer, dass ich zu viel nachdenke. Dort wurde ich aber mit Depression und einer Zwangsstörung diagnostiziert, die sich eben in meinen obsessiven Gedanken äußert, die nichts mit der Realität zu tun haben und mich zerstören. Ab da habe ich Medikamente genommen, die mir sehr geholfen haben. Ich konnte mein Leben viel besser reflektieren – und da dachte ich, dass ich anderen helfen kann, indem ich meine Geschichte teile. Mein Song ‘Sad forever’ handelt davon. Die Einnahmen werden bis heute gespendet.

Danke, dass Sie Ihre Geschichte so offen teilen. Die meisten jungen Menschen gerade in Berlin, durchlaufen die erste große Krise und fühlen sich verloren und einsam, die sogenannte Quarterlife-Crisis…

Oh ja! So ging es mir auch.

Und da ist natürlich die Versuchung groß, auszugehen und sich zu betäuben.

Das ist verdammt gefährlich. Ich habe das auch lange gemacht, mich auf Tour zu betäuben.

Konsum allgemein kann zur Droge werden. Ob es nun Alkohol, Shopping oder eben soziale Netzwerke sind – was uns auch immer von unseren tatsächlichen Emotionen trennt, kann eine Sucht werden.

Es ist schwer diese Balance zu finden. Wenn ich über meinen Stil nachdenke, frage ich mich, wieso ich mich nicht einfach weniger für meine Klamotten interessieren kann. Wieso kann ich nicht dieselbe Jeans und dasselbe T-Shirt immer und immer wieder tragen? Was ich machen möchte, ist mein Leben und meine Kunst zu teilen und verwundbar sein und das auch anderen erlauben. Das versuche ich über meine Kleidung zu erreichen. Das Thema wird sehr existenziell für mich. Die Menschheit hat so viel erreicht, dass wir viel zu viele Optionen haben. Ich glaube, wir müssen uns zurückentwickeln, weil wir unser Leben verpassen.

Wenn man mit seinen Gefühlen nicht in Kontakt kommt, weil man die ganze Zeit, durch zum Beispiel soziale Netzwerke, abgelenkt ist, kann man sich nur sehr schwer selbst kennenlernen.

Es ist pure Ablenkung. Das Ganze ist sehr Ego basiert und exzentrisch. Man wird süchtig danach, die perfekte Bildunterschrift zu finden und wie man auf Fotos aussieht, um möglichst viel Anerkennung zu bekommen. Diese Dinge gab es nicht, bevor es nicht soziale Netzwerke gab.

Diese Tools füttern auch den Narzissten in uns.

Exakt, genau das mache ich auch. Es ist eine Droge.

Macht Ihnen das Angst?

Klar! Für mich als Künstler ist das ein Kampf. Ich möchte auf der einen Seite verwundbar sein, auf der anderen Seite heißt es ‘Sex sells’. Wenn du gut aussiehst, hören mehr Menschen deine Musik. Ein heißes Foto bekommt mehr Likes, das ist die menschliche Natur. Wie wirst du die Person, die du sein möchtest und erreichst gleichzeitig mehr Menschen? Das ist abgefuckt. Es frustriert mich, wie diese Gesellschaft funktioniert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Lauv führte Sebastian Goddemeier

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