Archivbild: Der britische Sänger, Komponist und Musiker King Krule, der mit bürgerlichem Namen Archy Samuel Marshall heißt, tritt am 19.08.2017 auf dem Dockville-Festival auf. (Quelle: dpa/Markus Scholz)
Audio: Inforadio | 09.03.2020 | Henrike Möller | Bild: dpa/Markus Scholz

Konzertkritik | King Krule in der Columbiahalle - Verirrt sich ein Punker in eine Jazz-Jam-Session

Der Südlondoner King Krule sprengt Genregrenzen zwischen Jazz, Punk und Hip Hop. In der ausverkauften Columbiahalle erlebte Henrike Möller den britischen Rotschopf als musikalisch spannend, menschlich aber nur schwer greifbar.

Das Bühnenbild will nicht so richtig passen: Hochhäuser auf einer schwarzen Leinwand, minimalistisch gemalt aus weißen Farbtupfern. Das ist viel zu steril, viel zu urban für den Sound des Briten King Krule. Dunkle Gassen mit zwielichtigen Gestalten wären das passendere Motiv gewesen. Aber vielleicht ist der optische Bruch auch gewollt: Widersprüche sind auf jeden Fall King Krules Ding. Seine Musik kann sowohl sanft als auch schroff sein, in sich gekehrt oder aggressiv, mal lebendig und mal erschöpft.

Hinter dem Künstlernamen King Krule verbirgt sich der 25-jährige Rotschopf Archy Samuel Marshall aus Südlondon. 2013 erscheint sein hochgelobtes Debütalbum "6 Feet Beneath the Moon". Mit seiner ungeschliffenen, tief-grölenden Stimme wirkt er wie der Frontmann einer Punkband, der versehentlich in eine Jazz-Jam-Session reingestolpert ist.

Spannender, sperriger Mix

So spannend und individuell King Krules Genre-Mix aus Jazz, Post-Punk, Ambient, Darkwave und Hip Hop auch ist, so sperrig ist er auch. Das gilt vor allem für sein neues Album "Man Alive": Mitsing-Momente gibt es deshalb an diesem Abend nur einen einzigen, bei einem seiner ältesten Tracks "Easy Easy".

King Krule und seine fünfköpfige Band liefern souverän ab. Trotzdem will das Stimmungslevel nicht so richtig ausschlagen. Das recht junge Publikum – im Schnitt Ende 20 – bewegt sich kaum. Dabei haben viele von King Krules Songs definitiv Moshpit- oder Rumspring-Potenzial.

Der Saxophonist geht alleine ab

Auf der Bühne bleibt es genauso statisch. Der einzige, der wirklich leidenschaftlich bei der Sache ist, ist der Saxophonist. Seine Spielfreude und seine mitreißenden Soli trösten ein wenig darüber hinweg, dass King Krule selbst so gar keine Lust auf Interaktion mit dem Publikum zu haben scheint.

Er hätte zum Beispiel erzählen können, dass er gerade von Südlondon aufs Land gezogen ist, dass er vor kurzem Vater geworden ist und seine neugeborene Tochter ihm dabei geholfen hat, seine Depressionen zu überwinden und die Welt mit anderen Augen zu sehen - so wie er es in den letzten Wochen in zahlreichen Interviews getan hat. Macht er aber nicht - so bleibt King Krule das ganze Konzert über ziemlich unnahbar. Das passt zwar zu seiner Musik, diesen einen Widerspruch mehr hätte sich der Brite aber ruhig gönnen können.

Beitrag von Henrike Möller

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1 Kommentar

  1. 1.

    Den Wert und die Qualität eines Konzerts daran zu messen, ob das Publikum ausgelassen und wild tanzt und ob Wohlfühlgeschichten erzählt werden, scheint mir etwas engstirnig. Wie schön vielmehr, daß es auch ruhigere musikalische Nischen gibt (Post-Punk, Ambient und Darkwave sind ja schon traditionell nicht die Domäne der extrovertierten Partypeople). Wenn Künstler auftreten, soll von der Bühne außerdem Kunst kommen; für Privatgeschichten gibt's, wenn der Künstler das will, ja Interviews und Instagram.

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