Alice Cooper. (Quelle: dpa/Christopher Khoury)
Audio: Inforadio | 11.03.2020 | Bruno Dietel | Bild: dpa/Christopher Khoury

Konzertkritik | "Rock meets Classic" im Tempodrom - Gedämpftes Orchesterfinale vor dem Corona-Lockdown

Rock-"Bad Boy" Alice Cooper trifft auf sanfte Streichermelodien. Kann das gutgehen? Am Dienstagabend gab es den Live-Versuch bei "Rock meets Classic" im Berliner Tempodrom. Dabei war Alice Cooper gar nicht das Highlight, fand Bruno Dietel.

Einige wenige Reihen in den oberen Rängen sind leer. Hat jemand abgesagt oder besorgt nachgefragt, ob "Rock meets Classic" überhaupt noch stattfindet? Kaum, sagen die Veranstalter. Es sei halt Rockpublikum. Trotzdem ist der kulturelle Corona-Lockdown Thema, wenige Stunden vor Konzertbeginn hat Kultursenator Lederer die Schließung der großen Säle aller staatlichen Theater und Opern bis Ende der Osterferien angekündigt. Im Tempodrom wird am Dienstag noch ordentlich aufgefahren: Mit großem Orchester, der Band rund um Rock-Meets-Classic-Leiter Mat Sinner (aka Matthias Lasch) und natürlich den Gaststars.

Der Dirigent klatscht zu "We Will Rock You"

Zum Reinkommen gibt es ein Queen-Medley, die Flammenwerfer werden zur Eingewöhnung schon mal ausgereizt. Der Dirigent grinst breitbeinig Richtung Saal und klatscht zu "We Will Rock You" - und das Konzert läuft gerade mal fünf Minuten. Ein kurzer Downer vom künstlerischen Leiter: Lasst uns zwei Stunden Spaß haben, ruft er, dann sehen wir weiter. Wie es für "Rock Meets Classic" weitergeht, ist unklar, die drei nächsten geplanten Tourtermine in Bayern sind allesamt abgesagt. Deswegen heute Abend nochmal die volle Kraft, als erstes kommen die englischen Hard-Rocker von Thunder. Sänger Danny Bowes wippt mit weißer Jeansjacke auf die Bühne, die Songs kennen nur wenige. Der Applaus kommt viel zu früh, die Leute klatschen ihm in den Schlusspart rein und der Sound zündet nicht so sehr wie die Pyro.

Nur die körperliche Hülle ist gealtert

Dann wird Robert Hart angekündigt, er ist seit 2011 Sänger der Manfred Mann’s Earth Band. Das finden die Leute auch erst irgendwie doof, weil er eben nicht das Original von damals ist. Obwohl sich Hart große Mühe gibt, sich alles aus der Seele röhrt, knackt er das Tempodrom erst in der zweiten Runde deutlich später. Orchester, Showband mit Glamrock-Outfits - zum Angucken gibt das alles im Tempodrom schon was her und da passt Robin Zander gut rein. Die Cop-Mütze tief über die Augen gezogen, dazu ein schwarz-rotes Glitzersakko. Beim Cheap Trick-Sänger ist nur die körperliche Hülle gealtert, er scherzt mit dem Dirigenten, springt hoch zum Schlagzeuger.

Orchester als Beiwerk

Rockmusik "sinfonisieren", ein Orchester als purer Showeffekt und nettes Beiwerk - das ist schwierig. Zum Glück ist im Tempodrom aber noch Joyce Kennedy da, mit ihrer Band Mother’s Finest war sie Dauergast im WDR-Rockpalast. Ihre dramatische Mimik zwischen Genuss und härtester Anstrengung ist ein Film für sich. Die blonden Locken hochgesteckt, im schwarzen Lederoutfit kniet die Frau mit der fabelhaften R&B-Stimme schon nach dem ersten Song nieder, lässt für eine Ballade das Mikrofon ganz weg und schwebt mühelos über dem 40-köpfigen Orchester - sehr stark.

Ein zahmer Alice Cooper

Kurzes Durchatmen mit einer orchestralen Version von Led Zeppelins "Stairway To Heaven", dann geht der Gästerummel von vorne los, eine zweite Runde mit allen Gästen bis auf einen und Cheap Tricks "I Want You To Want Me" als Finale. Fehlt noch was? Ach ja, der Bad Boy des Rock, auf den wirklich alle gewartet haben. Der ehemalige Skandalrocker Alice Cooper präsentiert sich allerdings handzahm, auch im Umgang mit Band und Orchester. Mit einer gespenstischen, blutverschmierten Braut, einem Säbel, einem fuchtelnden Messer, seinem Stab und der immer bösen Attitüde, alles nicht neu. Nicht mal eine Provokation oder ein dummer Corona-Spruch. Aber gut, Alice Cooper gehört mit 71 Jahren selber zur Risikogruppe, da macht man lieber keine Witze. "School’s Out" bekommen wir dann von allen hinter Alice Cooper zusammen versammelt, wie das Finale beim High School Musical. Natürlich mit Pyro und Konfetti. Ein Konzert wie ein Film - schnelle Schnitte, spektakuläre Effekte, aber der Höhepunkt war nicht das Happy End.

Beitrag von Alice Cooper

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren