Archivbild: Mabel bei einem Live-Auftritt bei den Brit-Awards. (Quelle: dpa)
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Konzertkritik | Mabel im Kesselhaus - Selbstbewusster Pop ohne Aussage

Die vergangenen Jahre waren für Mabel eine Aneinanderreihung von musikalischen Meilensteinen, ihre Single "Don't Call Me Up" blieb fast ein halbes Jahr in den Charts. Im Kesselhaus präsentierte sie sich starwürdig, allein die Tiefe fehlte. Von Dave Rossel

Komplett in weiß gekleidet tritt Mabel McVey zusammen mit zwei Tänzerinnen durch eine Nebelwand auf die Bühne des ausverkauften Kesselhauses. Mit vollbesetzter Live-Band im Hintergrund und umrandet von knapp zehn blinkenden Neonröhren begrüßt sie am Dienstagabend eine Masse an jubelnden Smartphones. Von Beginn an zeigt die Pop-Sängerin mit beeindruckender Selbstsicherheit, wo sie hin möchte - ganz nach oben zu den Pop-Ikonen.

Und aus der Luft gegriffen ist diese Annahme nicht. Die letzten Jahre waren für die Britin eine beständige Aneinanderreihung von musikalischen Meilensteinen. Über 500 Millionen Spotify-Streams für ihren Song "Don't Call Me Up", Tourneen mit Größen wie Khalid und Harry Styles, oder der Erhalt des Brit Award für "Best Female Solo Artist", den sie erst vor zwei Wochen einheimste. Da scheint es nur passend, dass sie ihr 2019 erschienenes Debutalbum mit "High Expectations" betitelte.

Ein Debutalbum voller Pop-Hits und Charme

Mit "Mad Love" und "Bad Behaviour" führt Mabel dem Publikum direkt zwei der insgesamt vier Singles des Debütalbums vor, die nahtlos in jede Pop-Hits-Playlist der vergangenen Jahre passen. Eingängige Gesangsmelodien aus dem R'n'B werden mit tanzbaren Beats aus dem Reggaeton oder Hip-Hop gemischt. Klare Einflüsse sind hier Alicia Keys und Destiny's Child, denen sie im Verlauf ihres Sets sogar ein Cover von "Say My Name" widmet. Essentiell bleibt aber für Mabel, das kaum einer ihrer Songs aus einer klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Struktur ausbricht.

Außer Frage steht an diesem Abend die Performance der Britin. Neben ihrem großen stimmlichen Talent, das sie trotz zweimonatiger Tour aufrecht erhält, zeigt die Pop-Künstlerin eine Ausstrahlung, die es irgendwie schafft gleichzeitig bestimmt, locker und lasziv zu sein. Ständig umgarnt von ihren beiden Tänzerinnen, bewegt sie sich zwischen blitzender Light-Show mit so viel Charme über die Bühne, dass man annimmt, eine langjährig erfahrene Pop-Sängerin vor sich zu haben. Dabei ist Mabel, für die diese Bühne fast schon zu klein erscheint, erst 24 geworden.

Archivbild: Mabel bei einem Live-Auftritt in der O2-Arena in London. (Quelle: dpa/I. Infantes)
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Träge trotz Live-Musikern

Unterstützt wird sie dabei, anders als auf Platte, von einer Live-Band, bestehend aus Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Ein Anblick der in diesem Genre selten ist, aber im Kesselhaus überaus gut funktioniert. Die Instrumentierung lockert Songgerüste auf, die selbst auf dem Album eher starr wirken und bringt musikalische Abwechslung in einen sonst durchgetakteten Abend. Besonders deutlich wird das im mittleren Teil des Konzertes, als Mabel älteres Material spielt, das mehr auf elektronische Musikelemente verzichtet. Da kann sich auch der Gitarrist bei "Thinking Of You" ein kleines Gitarrensolo nicht verkneifen.

Trotz dieses erfrischenden Einsatzes von Live-Musikern werden die Songs jedoch durch ihre formalistische Struktur und die häufige Verwendung von ähnlichen musikalischen Ideen zunehmend träge. Das Konzert wirkt nach beinahe der Hälfte mehr wie eine bloße Aneinanderreihung von in sich ähnlichen Hit-Singles, als ein stimmiges Live-Konzept.

Stil ohne Substanz?

Das Verharren bei klassischen Pop-Konzepten drückt sich ebenfalls in Mabels Texten aus. Während sie nahezu ausschließlich über ihren Umgang mit Liebe und Beziehungen spricht, wie in "Finders Keepers", "Don't Call Me Up", "Mad Love", "Selfish Love", "One Shot", beschränkt sich ihre Lyrik oft auf klischeehafte Beschreibungen wie "You come over we could chill / Tell each other how we feel". Auch gibt es Momente, in denen ihre Aussagen kaum auf die Instrumentierung passen. So stehen Sätze wie "I'm not a people pleaser" neben einem musikalischen Hintergrund, der offensichtlich massentauglich ist und Hit-Potential wecken möchte. Die einzige Ausnahme hierzu bleibt "OK (Anxiety Anthem)", in der Mabel über Selbstliebe spricht und ihre Fans mit "try to be ok, the way you are" aufmuntert.

Trotz einer technisch beeindruckenden Darbietung von "High Expectations" ist Mabel an diesem Abend vielmehr eine Mainstream Pop-Künstlerin, der es an tiefgreifender Originalität und dem Brechen von Bewährtem mangelt.

Sendung: Fritz, 02.03.2020, 14.00 Uhr  

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1 Kommentar

  1. 1.

    Wer is'n dis?
    Juhuu, ich hörte noch nie Mainstream.

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