Jörg Pose am 26. Februar 2020 als Jedermann bei der Fotoprobe zu "Jedermann stirbt" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. (Quelle: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 02.03.2020 | Ute Büsing | Bild: imago images/Martin Müller

Theaterkritik | "Jedermann (stirbt)" im Deutschen Theater - Formstrenger Totentanz mit Liveband

Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" hatte der Dramatiker Ferdinand Schmalz ins 21. Jahrhundert übertragen - nun hat Data Tavadze das Stück am Deutschen Theater in Szene gesetzt. Von Ute Büsing

Bei "Jedermann (stirbt)" geht es, das sagt schon der Titel, um den Tod von allem und jedem: von der Figur - dem reichen Jedermann - wie von uns. Katharsis ist ausgeschlossen. Es gibt kein Erbarmen mehr durch die Gnade Gottes. Der Tod holt sich, was ihm zusteht.

Jahrelang lief Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" als Weihespiel zur moralischen Aufrüstung im Berliner Dom, bei den Salzburger Festspielen hat es einen Stammplatz. Die Übertragung ins 21. Jahrhundert durch den vielfach preisgekrönten österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz - "Jedermann (stirbt)" - hat nun Data Tavadze aus Tiflis an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Szene gesetzt.

Schmalz dekonstruiert das moralische Mysterienspiel von Hofmannsthal. Er skizziert in durchgängig formbewusster Kunstsprache eine ganze Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs. Der Raubtier-Kapitalismus gebiert den Bankrott und der neoliberale Geschäftsmann Jedermann muss als Sündenbock sterben. In einer stark stilisierten Mischung aus Lehrstück und Oratorium bringt der junge georgische Regisseur DataTavadze den Stoff in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zum Klingen. Bei zwei Gastspielen ("Prometheus", "Trojanische Frauen") des Royal District Theaters Tiflis hatte er bereits Zeugnis von seiner tiefschwarzen Bildsprache abgelegt.

Reduktion der leitmotivischen Figurenhülsen

Jedermanns Todesstunde wird bei einem Gartenfest mit Liveband gefeiert. Schnell wird klar, dass die "teuflisch gute Gesellschaft", die hier aufläuft, eine Gauklertruppe ist, die das Stück Jedermann nur spielt. Vielleicht zum letzten Mal, wie es heißt. In roter Leuchtschrift werden die Mottos der Szenen zwischen dem - auf fünf multiple Ideenträger reduzierten - Spiel über eine sandige Freifläche mit ein paar Grünpflanzen geworfen. Dort tummeln sich, meist an Mikrophonständern gruppiert, die leitmotivischen Figurenhülsen. Lorena Handschin verkörpert Jedermanns Frau und seine Mutter. Natali Seelig tritt als Buhlschaft, Tod, Mammon und Gute Werke auf. Paul Grill ist der Teufel und der dicke Vetter und Niklas Wetzel gibt den dünnen Vetter und den armen Nachbarn Gott. Die Reduktion des Personals funktioniert überzeugend als Verdichtung.

Jedermann als geld- und machtgeiler Geschäftsmann

Schon dem Anfang wohnt das Sterben inne. Da ringen Gott und Teufel - beide sind hier jung und viril - um die Hinterlassenschaft, auch wenn der alte Jedermann sich noch im vollen Lebenssaft wähnt und glaubt, mit seinem Reichtum bestechen und protzen zu können. Jörg Pose gibt einen bewusst deklamierenden Jedermann im dreiteiligen Anzug, der aus seinen Machenschaften um Geld und Macht kein Hehl macht. Aber er tänzelt auch, wie mit angezogener Handbremse, verunsichert durch sein Gartenreich, von dem die Unruhen und die Unkultur draußen vor der Tür ausgesperrt bleiben. Dem "armen Nachbarn Gott" leiht er sein Jackett. Der Teufel hat ihn schon mal probehalber in einen Leichensack gepackt. Ein Leichentisch wird zur Totenfeier bereitet. Es ist angerichtet mit Buhlschaft, Mammon und Gute Werke.

Die große Party ist vorbei

Zunehmend wird das Schauspiel zum Totentanz. Kontrabass, Posaune und Klarinette mischen sich mit immer mehr Dissonanzen ein, am sandigen Boden umschlingen die Musiker die Schauspieler. Die Party ist vorbei – und Data Tavadze vom Royal District Theater in Tiflis lässt mit seiner DT-Inszenierung wenig Zweifel daran, dass es unsere große Sause ist, die hier auf der Bühne ihr stilisiertes Ende findet. Formstreng und überzeugend.

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