Die Theaterschauspieler Regine Zimmermann und Filipp Avdeev spielen am 06.03.2020 in der Fotoprobe des Theaterstückes "Decamerone". (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Audio: Inforadio | 09.03.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Annette Riedl

Theaterkritik | "Decamerone" im DT Berlin - Liebe ist Intrigensport

Sehr klamaukig ist Kirill Serebrennikovs "Decamerone" am Deutschen Theater geraten. Die gezwungenermaßen aus der Ferne inszenierte, erste deutsche Theaterarbeit des Russen ist überlang und findet erst nach der Pause ein bisschen zu sich. Von Fabian Wallmeier

"Free Kirill" steht beim Schlussapplaus auf den T-Shirts des deutsch-russischen Ensembles. Denn Regisseur Kirill Serebrennikov fehlt wie erwartet an diesem Sonntagabend bei der Premiere seiner Inszenierung von "Decamerone" am Deutschen Theater Berlin, seiner ersten Theaterarbeit hierzulande. Weil ein umstrittener Gerichtsprozess gegen ihn wieder aufgerollt wird, darf Serebrennikov derzeit nicht reisen.

Statt der ursprünglich Gastinszenierung am DT entstand so eine Koproduktion mit dem von Serebrennikov geleiteten Gogol-Center in Moskau - mit einem gemischten Berliner-Moskauer Ensemble. Dort fand mehrere Wochen lang auch der Großteil der Proben statt. Die letzten Proben in Berlin steuerte der Regisseur über Mitarbeiter aus der Ferne.

Konfus und lang

Mit seinen dreieinhalb Stunden ist der vielgestalte, konfuse Abend deutlich zu lang. Ob er bündiger geworden wäre, wenn Serebrennikov selbst in Berlin letzte Hand hätte anlegen können, steht in den Sternen. Man kann aber zumindest daran zweifeln, denn das Stück ist schon von seiner Anlage her alles andere als eine Fingerübung.

Serebrennikov hat sich hier viel vorgenommen: Von zehn der 100 Geschichten aus Giovanni Bocaccios Novellensammlung "Decamerone" aus dem 15. Jahrhundert hat er sich zu zehn eigenen Geschichten inspirieren lassen. Inszeniert hat er die Erzählungen über die Liebe in verschiedenen Stilen und Formen - vom schlichten Vortrag bis zur Slapstick-Nummer.

"Atmen, wir atmen"

Das reichte offenbar noch nicht aus als Grundstock für den Abend - Serebrennikov legt ihn noch etwas komplexer an: Strukturiert wird er von den vier Jahreszeiten, die wiederum jeweils von vertonten Gedichten eingeführt werden, gesungen von Georgette Dee. Den Rahmen um das überambitionierte Konstrukt schließlich bilden Gymnastik-Übungen, die ältere Statistinnen unter der Anleitung von Almut Zilcher vollziehen.

"Atmen, wir atmen", beschwört Zilcher die Seniorinnensportgruppe am Anfang - womit ein Leitmotiv der Inszenierung eingeführt ist. Immer wieder werden das Ein- und Ausatmen beschworen. Doch so richtig zum Atmen kommt die rastlose, vollgepackte Inszenierung nur selten.

Früher Pest, heute Corona

In der Rahmenhandlung bei Boccaccio flieht eine Gruppe von Adeligen vor der Pest auf einen Landsitz. Dort verbringen sie zehn Tage mit dem Erzählen von Geschichten - bis sie zurückkehren können. Das wird hier nur angedeutet: Die Statistinnen setzen sich beim Verlassen Atemschutzmasken auf. Gut möglich, dass dieser Aspekt viel zentraler in der Inszenierung zum Tragen gekommen wäre, wenn das Coronavirus Europa ein paar Wochen früher erreicht hätte.

Statt eines Landsitzes hat Serebrennikov eine Turnhalle auf die Bühne des DT bauen lassen, mit Neonröhren an der Decke, Klettersprossen an der einen und Spiegeln an der anderen Seitenwand. Doch in der detailgetreuen, hyperrealistischen Bühne entsteht nach der einleitenden Turnübung kein naturalistisches Tragödientheater, sondern es herrscht der Klamauk.

Dass Deutsch und Russisch gesprochen wird, bremst den Abend nicht aus. Das ist auch einem klugen Trick bei der Übersetzung zu verdanken: Die Übertitel sind nicht nur, wie sonst üblich, nüchtern über der Bühne abgebildet, sondern sie werden zusätzlich Teil der Inszenierung. Auf fahrbaren Videowänden werden sie direkt auf der Bühne angezeigt - in stilisierter Form: pulsierend, in unterschiedlichen Schriftgrößen und mit Sprüngen von einer Wand auf die andere. So sind sie nicht nur notwendiges Hilfsmittel, sondern auch Co-Erzähler und Taktgeber.

Wenn der Stallbursche mit der Königin

Viel lernen lässt sich nicht aus dem ersten Teil der Inszenierung. Außer vielleicht: Die Liebe ist Intrigensport. Zu musikalischer Dauerbeschallung (von einem sehr wandlungsfähigen Trio um Daniel Freitag) und mit viel Körpereinsatz schmeißt sich das zehnköpfige zweisprachige Ensemble in allerlei ermüdende und sehr redundante Albernheiten, in denen es fast immer darum geht, andere in Liebesdingen auszutricksen.

In diversen Dreieckskonstellationen treffen ein listiger Don auf einen zur Askese strebenden Übergläubigen und seine liebesdurstige Frau, ein Stallbursche auf eine ebenso liebesdurstige Frau und ihren wiederum listigen Mann, ein machtgeiler Broker auf seine (ja, genau:) liebesdurstige Frau und seinen ihr verfallenen Stellvertreter. Und ein Chatbot verspricht ewige Jugend, liefert aber nur einen Balsam aus Katzenscheiße.

Stimmungswechsel nach der Pause

Fast zwei Stunden geht das so, mit viel Wille zum Klamauk bei wenig Substanz. Immerhin ist das Ganze teilweise furios gespielt - vor allem von Regine Zimmermann. Sie tritt hier mal als kühle, sonnenbebrillte Femme Fatale auf, mal schwingt sie als liebestolle Geschäftsfrau singend an Gurten durch die Turnhalle - und trifft immer den richtigen Ton.

Nach der Pause ändert sich die Grundstimmung komplett - nach Frühling und Sommer kommen nun Herbst und Winter. Nur in einer der vier noch ausstehenden Geschichten geht es jetzt noch teilweise so albern zu wie zuvor. In der schlichtesten und mit Abstand besten Szene des Abends braucht es nicht mehr als das Vortragstalent von Georgette Dee, die elegant und eindringlich ein erotisches Schauermärchen über Liebhaber und Wölfe erzählt.

Theaterschauspieler Georgiy Kudrenko spielt am 06.03.2020 in der Fotoprobe des Theaterstückes "Decamerone" die letzte Szene. (Quelle: dpa/Annette Riedl)

Mehrere Ausfahrten verpasst

Doch um aus "Decamerone" noch wirklich eindringliches Theater zu machen, ist es da schon zu spät. Es entspinnt sich dann noch eine flach verkitschte, tonnenschwer erzählte Geschichte um einen grausamen Militär-Vater, der seine Tochter die Liebe zu einem musikalischen einfachen Soldaten nicht gestatten will. Dann dürfen auch noch die Statistinnen prägende Männergeschichten zum Besten geben.

Am Ende verpasst der Abend mehrere Ausfahrten, findet aber immerhin ein, für sich genommen, starkes Schlussbild: Ein nackter Mann kriecht und windet sich da in Zeitlupe durch einen vernebelten Glastunnel. Leider ist das nur ein weiteres Einzelteil, das sich in die überfrachtete Gesamtkomposition der Inszenierung nicht einfügen will.

Sendung: Inforadio, 09.03.2020, 7.30 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Viel zu bescheiden berichtet. Was ich im Zuschauerraum durchmachen musste, da ich nicht einfach aufstehen konnte (mittig platziert) war zutiefst kränkend.
    Ich habe fast geweint vor Zorn. Der Gemeinheit ausgeliefert, hier gezwungenermaßen diesen an Trash nicht zu überbietenden 2 Stündigen ersten Teil albernen Schauspiels zu folgen, bedeutete für mich nichts weiter als Qual und trieb mich in Richtung Wahnsinn.
    Gefangen in der Comedy Quatsch Show. Die aneinander gereihten Gags, denn aus nichts anderem bestand dieser Abend, waren aufs billigste ausgelegt, um die ganz simpel Gestrickten und ihre peinlichen Pruster abzufangen.
    Ich habe mich wirklich geschämt in solch einer Inszenierung zu sitzen.

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