Comic-autor und Zeichner Flix beim RadioEins Berlinale Nighttalk (Bild: imago images/T. Seeliger)
Audio: Inforadio | 28.04.2020 | Interview mit Flix | Bild: imago images/T. Seeliger

Interview | Comiczeichner Flix - "Wenn der Stift anfängt zu zeichnen, beobachte ich, was er macht"

Schon im Studium hat Felix Göhrmann alias Flix seine Autobiografie geschrieben - inzwischen zählt der in Berlin lebende Comiczeichner zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Im Interview spricht der 43-Jährige über Träume, Zeichnungen und das Tourleben.

rbb: Hallo Flix, mit 26 Jahren haben Sie als Diplomarbeit ein autobiografisches Werk abgegeben. Wie selbstbewusst oder wie größenwahnsinnig muss man sein?

Felix Göhrmann alias Flix: Das hat schon was von einer Hybris der Jugend. Ich wollte mich mit diesem Buch selber beruhigen. Das war eine Phase, wo ich nicht so genau wusste, wo es im Leben hingeht. Auch wenn es kompliziert, schwierig, traurig und blöd ist, dass alles am Ende des Lebens einen Sinn ergibt. Da es so ein Buch nicht gibt, habe ich mir das selber geschrieben. Die Beruhigung hat sogar einigermaßen funktioniert, weil das Buch mein erster Erfolg wurde.

Hat sich Ihr Leben bisher so entwickelt, wie Sie es gezeichnet haben?

Es sind manche Dinge erstaunlich nah dran, was ich lustig finde. Es gibt Sachen, die ich mir damals ausgedacht habe und die ganz weit weg waren, wie zum Beispiel Kühlschränke, die selbstständig Milch nachbestellen, wenn sie leer sind. Inzwischen kann man sowas kaufen. In dem Comic habe ich auch geschrieben, dass ich mal für die "FAZ" arbeiten werde - und heute habe ich diesen Job. Es lohnt sich, zu träumen.

Sind AfD, Corona oder Hate Speech auch Themen für Flix?

Klar, das sind auch Themen für mich. Das beschäftigt mich wahnsinnig. Ich lese sehr viel Zeitungen, Newsblogs, Interviews und höre Podcasts. Es interessiert mich, was in der Welt los ist. Das verarbeite ich auch, allerdings anders als manche Karikaturisten-Kollegen, die eins zu eins Statements zur politischen Lage abliefern. Ich versuche, das auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Das heißt nicht konkret über die AfD zu berichten, sondern über Leute, die ein verschrobenes Weltbild oder auch einen Realitätsverlust haben. Das finde ich spannend. Oder ich berichte nicht über den Coronavirus, sondern über die Angst, die dahinter steckt. Damit schaffe ich Werke, die für den Moment aktuell sind, aber auch noch in zehn Jahren lesbar.

Sie haben mal gesagt, Zeichnen ist Nachdenken mit dem Stift. Wie entsteht bei Ihnen aus dem Gedanken eine gezeichnete Geschichte?

Das Nachdenken mit dem Stift ist etwas sehr Intuitives. Ich setze mich mit dem Stift an ein leeres Blatt und weiß selber noch nicht, was da draufkommt. Wenn der Stift anfängt zu zeichen, beobachte ich, was er macht. Dann versuche ich gedanklich auf das zu reagieren, was meine Hand tut. Aus einer Skizze wird eine kleine Szene oder eine Geschichte, von der ich vorher gar nicht wusste, dass ich die in mir habe. Das finde ich immer wieder sehr faszinierend. Wenn ich morgens ins Atelier komme, habe ich keine Idee. Ich weiß nicht, was ich machen werde. Und dann fange ich an und nachmittags denke ich, dass ist wie Harry Potter mit dem Zauberstab.

Sie performen Ihre Comics auch live auf der Bühne. Sind Sie Flix, die Rampensau, die vom einsamen Zeichnen im Atelier die Schnauze voll hat?

Ich merke, dass ich unterschiedliche Seiten in mir habe. Es gibt Phasen - wie jetzt: Ich schreibe und entwickle eine neue Geschichte, wo ich wahnsinnig gerne im Atelier bin, hier Stunden verbringe und auch mitunter tagelang niemanden sehe. Das finde ich toll. Irgendwann ist dieser Teil in mir aber wieder gesättigt. Und ich habe Bock rauszugehen.

Deshalb habe ich irgendwann für mich diese Lesungen entdeckt, um meine Comics auf diesem Weg einem Publikum näherzubringen. Dabei bekommen ich das, was ich im Atelier nicht bekomme, nämlich Reaktionen. Da lerne ich für mich, fürs Schreiben, wahnsinnig viel. Applaus zu erhalten ist einfach großartig.

Flix an seinem Arbeitsplatz (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Flix an seinem Arbeitsplatz | Bild: Wolf Siebert

Auf Ihrer Website gibt es Duschvorhänge oder Kaffeetassen mit ihren Motiven und Figuren. Hat Flix das nötig oder ist es ein ganz normaler Prozess des Merchandisings?

Das ist ziemlich lustig. Ich betreibe den Shop gemeinsam mit einem Freund, der Produktdesigner ist. Wir sitzen oft zusammen und überlegen, was man machen könnte. Das meiste sind Quatschgeschichten, wie die Duschvorhänge. Wir können aber nur Sachen machen, die wir in geringen Stückzahlen produzieren lassen können. Wir können nicht in China produzieren. Alles, was wir machen, wird in Deutschland hergestellt. Viel davon auch in Handarbeit in Kleinstauflagen. Das macht uns einfach Spaß. Manche Dinge laufen richtig gut, wie beispielsweise der Duschvorhang. Das hätten wir nicht gedacht. Wir haben mal Tassen produziert, wobei wir uns völlig verkalkuliert hatten. Heute sitzen wir immer noch auf vielen Tassen. Es wird bestimmt noch ungefähr 15 Jahre dauern, bis wir alle verkauft haben.

Wie wäre es, wenn Du nicht zeichnen würdest?

Dann wäre er traurig. Ich habe keinen Plan B. Das ist manchmal auch erschreckend. Es gibt manchmal Phasen, wo ich denke, willst du das wirklich? Immer so weitermachen? Es ist auch manchmal körperlich durchaus anstrengend, viel zu sitzen, vorgebeugt zu sitzen, viel mit der rechten Hand zu machen. Und das wird mit dem Alter auch nicht besser. Aber auf der anderen Seite: Ich liebe es. Und wer kann das von seinem Job schon sagen?

Ich darf mit dem arbeiten, was mir einfällt. Ich hab es geschafft, dass es dafür ein Interesse gibt. Also ich hab quasi den Beruf Flix erfunden, und das ist ein Riesengeschenk. Das muss ich mir auch immer wieder klarmachen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass das so läuft. Das ist mit ein Grund, warum ich jedes Jahr an Silvester mit mir selber anstoße und sage: Cool, du hast es wieder geschafft, ein Jahr als Comiczeichner zu existieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Felix Göhrmann führte Wolf Siebert, Inforadio.

Bei dem Text handelt es sich um eine redigierte und gekürzte Fassung. Das vollständige Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 28.04.2020, 10:45 Uhr

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