Traditioneller Sederabend zur Eröffnung des Pessachfests (Quelle: dpa)
Audo: Inforadio | 08.04.2020 | Maria Ossowski | Bild: dpa

Jüdische Künstler vor dem Sederabend - Eine besondere Nacht - in besonderen Zeiten

Viele jüdische Künstler leben in Berlin - Schriftsteller, Theatermacher, Musiker. An diesem Mittwoch beginnt mit dem Sederabend eines der größten Feste im jüdischen Kalender: Pessach. Maria Ossowski hat zwei Musiker in Charlottenburg getroffen.

Ma Nishtana - was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Das fragt die kleine Tochter von Sarah und Jascha Nemtsov in der Sedernacht. Es ist jene Nacht, in der Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt immer im großen Kreis der gesamten Familie und der Freunde an den Auszug Israels aus Ägypten erinnern.

In Charlottenburg am Lietzensee wird dies für die Komponistin Sarah Nemtsov ein Abend im kleinen Kreis. Sie feiert ihn mit ihrem Mann und den zwei Kindern - anders als sonst. "Ich merke selber, dass ich keine so große Vorfreude habe wie sonst, nicht so hin fiebere, nicht so lange vorher mit den Vorbereitungen begonnen habe", sagt Nemtsov. "Ich bin eher ein bisschen knapp dran dieses Jahr. Ich hab auch ein bisschen Angst davor, weil so viele Menschen fehlen und ich noch nicht so richtig weiß, wie wir diese Nacht feiern können. Ich hoffe, dass ich dann durch das Fest wieder Kraft bekomme und dass ich mir der Freiheit bewusst werde, die bei einem selbst anfängt. Die Hoffnung ist, dass es vorüberzieht und dass eine neue Zeit kommt."

Sarah Nemtsov (Quelle: Camille Blake)
Die Berliner Komponistin Sarah Nemtsov. | Bild: Camille Blake

"Pessach ist für mich ein Fest der Freiheit"

Für ihren Mann Jascha Nemtsow, Pianist und Professor für Geschichte der jüdischen Musik in Weimar, bedeutet dieser Abend Freiheit - seine Familie hat in der Shoah und im Gulag furchtbar gelitten. "Pessach ist für mich ein Fest der Freiheit. Befreiung aus der Sklaverei. Es geht ja nicht nur um die physische Sklaverei, sondern und vor allem um die Sklaverei des Geistes", sagt Nemtsov. "Man muss seinen eigenen Geist befreien, sich selbst aus der Sklaverei hinaus führen. Das ist ein sehr wichtiger Gedanke des Pessachfestes. Der andere ist im Abschlussatz vernehmbar: nächstes Jahr in Jerusalem. Für mich ist die Verbundenheit mit dem Land Israel sehr wichtig."

In Israel haben die Nemtsovs Freunde, mit denen sie nicht feiern können. Das geht vielen so: dem in Berlin lebenden Mandolinenvirtuosen Avi Avitall, dem Solobratscher der Berliner Philharmoniker, Amihai Grosz - sie alle müssen dieses Fest, das die Verbundenheit der Generationen betont, allein feiern. "Alle jüdischen Feste sind eine solche Verbundenheit von Generationen", sagt Jascha Nemtsov, "und die Verbindung von Generation zu Generation wird auch in den täglichen Gebeten thematisiert. Das ist im Judentum existentiell."

Immerhin zu viert

Sarah Nemtsov ist in der Familie zuständig für die religiösen Riten und Traditionen. Sie achtet auf die Ordnung des Abends - Seder heißt Ordnung - auf die Lesung der Haggadah, der Geschichte vom Auszug des Volkes Israel: "Die Haggadah ist eine Erzählung, aber auch eine Sammlung von Segenssprüchen, die wir singen."

Vier Gläser Wein oder Traubensaft, rituelle Speisen um die Mazzot, die ungesäuerten Brote, all das  auf einem festlich gedeckten Tisch. Immerhin zu viert. Sarah gedenkt all der Alleinstehenden, die Pessach nirgendwo feiern können. Und sie hofft wie alle Freunde und Verwandten auf einen richtig fröhlichen, großen Sederabend... nächstes Jahr.

Sendung: Inforadio, 08.04.2020, 16:55 Uhr

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