Der Schriftsteller Peter Schneider am 19.01.2014 in Köln (Bild: imago images)
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Audio: Inforadio | 21.04.2020 | Ute Büsing | Bild: imago images

Schriftsteller Peter Schneider wird 80 - "Wie gehen eigentlich Intellektuelle mit ihren Irrtümern um?"

Er war schon als 68er ein Freigeist und ein Querdenker. Diese Eigenschaften hat sich der Berliner Schriftsteller Peter Schneider bewahrt. Anlässlich seines 80. Geburtstags erscheint am Dienstag ein neuer Essayband mit alten Schriften - die er neu querdenkt. Von Ute Büsing

So freundlich-aufgeschlossen, unverkrampft und unideologisch wie Peter Schneider Menschen auf Augenhöhe begegnet, sind auch seine Essays aus 30 Jahren. Sie dokumentieren überwiegend in international renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie "New York Times", "Guardian", "Zeit" und "Spiegel" erschienene Denkanstöße. Er habe dabei praktisch in alle großen Debatten eingemischt.

Das Neue an dem Band "Denken mit dem eigenen Kopf", der bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, sei nicht die Zusammenführung dieser Essays, vielmehr habe er die Essays mit Anmerkungen versehen: "Das heißt, was hat das damals für Streit ausgelöst, wie waren die Fronten, wie habe ich mich damals befunden", erklärt der Autor.

Die sehr kurzweilige Quintessenz von Peter Schneiders Denken mit dem eigenen Kopf beginnt bei der Auseinandersetzung mit der "deutschen Frage" und der Wiedervereinigung. Die hieß er schließlich anders als die Mehrheit west- und auch ostdeutsche Intellektuelle gut. "Heute würde sich keiner mehr gerne daran erinnern, dass er dagegen war. Und das ist jetzt ein anderes Leitmotiv meiner Essays: Es taucht immer die Frage auf: Wie gehen eigentlich Intellektuelle mit ihren Irrtümern um? Wie bin ich mit meinen Irrtümern umgegangen?"

"Wie kann ich Handke am besten ärgern?"

Seherische Fähigkeiten hatte Peter Schneider bereits mit "Der Mauerspringer" von 1982 bewiesen. Dieser Roman zählt wie sein Debüt von 1973, die Erzählung "Lenz", der spätere Roman "Paarungen" oder die 68er-Abrechnung "Rebellion und Wahn" zu den bekanntesten Büchern des Autors, der sich immer wieder auch politisch einmischte – wie im belagerten Sarajewo während der Bosnien-Kriege: "Ich fühlte mich kompetent, weil ich zu jener Zeit mehrfach in Sarajewo gewesen bin, während und nach dem Krieg. Ich kannte mich da sehr gut aus, weil ich die Bombardierung Sarajewos mit erlebt habe."

Mit Peter Handke, dem heutigen Literaturnobelpreisträger, geriet Peter Schneider in Streit über dessen seitenlange Bosnien-Reportagen, aus seiner Sicht eine Reinwaschung der serbischen Massenmörder. Von Handke stammt dann auch eine abfällige Charakterisierung des "ewigen Altundsechzigers", zu der Schneider selbst die Steilvorlage geliefert hatte: Zum Schreiben zog er nur eine hautenge Jeans an und blieb oberkörperfrei.

Damit wollte er Handke provozieren: "Ich schaue in dieses Seminaristengesicht und denke: Wie kann ich den am besten ärgern? Und das hat er dann, als wäre das sozusagen die unverfälschte Wahrheit, ohne jede Ironie erzählt nach unserem Bosnien-Streit. Er glaubte wirklich, er könnte mich damit diskreditieren. Das heißt, mit einer idiotischen Herrengeschichte über Hosen versuchte er einen Streit über einen Massenmord zu seinen Gunsten zu entscheiden."

Bildungsroman des Verstandes

In seinem "Bildungsroman des Verstandes" dokumentiert Peter Schneider auch ein Stück bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte im Spiegel seiner Positionen und Positionswechsel. Er schreibt über seine Freundschaft mit Gerhard Schröder – und die Abkehr davon, als der Ex-Kanzler sich immer mehr auf Geschäfte mit dem russischen Präsidenten Putin einließ. Er reflektiert über die Flüchtlingskrise, Pegida und die AfD und auch über die maoistische Umklammerung aus der Spätphase der Studentenrevolte, aus der sich etliche seiner Mitstreiter bis heute nicht gelöst hätten.

"Man muss sich das mal vorstellen! All diese hochbelesenen, klugen 68er, die sich plötzlich in den Wahn steigerten, dass ausgerechnet von Deutschland eine Weltrevolution ausgehen muss und wird und dass die sowohl mit dem Weltkapitalismus wie mit dem schändlichen sowjetischen Revisionismus ein Ende machen wird. Und dass man sich zu diesem Zweck in einer Art Arbeiterkaderpartei organisieren muss und Berufsrevolutionär werden muss."

Auch mit 80 begegnet er vereinfachten Denkmustern mit eigenem Kopf

Peter Schneiders Buch spricht auch von seiner frühen Amerika-Begeisterung. Seine Lehrverpflichtungen an US-Universitäten ab den 1990er Jahren kamen ihm vor wie "Kuraufenthalte" fern der Häme zuhause. Und jetzt in Trumps "Make America great again", dem Land der Fake News und der wiederaufgerüsteten evangelikalen Heilsbotschaften? Er habe damals stattdessen das großzügige Amerika kennengelernt.

"Ich habe mich aber auch schon früh darum bemüht, die großen, auch strukturellen Unterschiede zwischen Amerika und Europa herauszuarbeiten, also Gesundheitssystem, Todesstrafe, die ganze soziale Struktur, die es so gut wie gar nicht gibt, in Amerika. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Europa im Gegensatz zu dem Amerika von heute eigentlich ein besseres Zivilisationsmodell hervorgebracht hat, vielleicht das Beste, das der Planet bisher überhaupt zu bieten hat." Das werde gerade jetzt in der Corona-Krise besonders brutal sichtbar, sagt der Schriftsteller.

Peter Schneider war und ist kein Freund übereifriger "political correctness". Im titelgebenden aktuellen Schlusskapitel seines Essaybandes spricht er sich gegen "Groupthink", aus und bemüht dazu Kant. Vereinfachten Denk-, Formulierungs-und Verhaltensmustern in der globalisierten Welt der Netzwerkfamilien begegnet er auch mit 80 wie gewohnt – mit dem eigenen Kopf.

Sendung: Inforadio, 21.04.2020, 14:55 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Das ist schon wahr: Wenn der Kopf in gewissem Ausmaß zur Waffe wird, weil andere Waffen völlig zu recht nicht mehr getragen werden, dann muss es Menschen geben, die sich dem entziehen. Lagermentalitäten haben immer nur dazu gedient, dass sich Menschen - spezifisch auch und gerade Intellektuelle - selbst einsperrten, anstatt den Geist in einen weiten Raum zu stellen.

    Herzlichen Glückwunsch in diesem Sinne

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