Marlene Dietrich in "Der bleue Engel" (Quelle: imago images/United Archives)
Audio: Radioeins | 28.03.2020 | Interview mit Edgar Rai | Bild: imago images/United Archives

90 Jahre Filmpremiere "Der blaue Engel" - Die Geburt der Lola - und der Marlene Dietrich

Vor 90 Jahren wurde auf dem Ufa-Gelände in Potsdam-Babelsberg Filmgeschichte geschrieben: Josef von Sternberg drehte "Der blaue Engel". Marlene Dietrich wurde durch den Film zum Weltstar - dabei hätte sie die Rolle fast nicht ergattert. Von Knut Elstermann

"Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt..." Glaubt man der Legende, dann sind Text und Melodie dieses weltberühmten Liedes, das die Lola aus dem "Blauen Engel" singt, nichts weiter als Provisorien gewesen. Für den Film fehlte noch ein zündender Hit. Friedrich Hollaender, der geniale Komponist vieler unvergessener Lieder, klimperte im Studio auf dem Klavier herum, einen möglichen Melodiebogen skizzierend. Marlene Dietrich improvisierte einige Zeilen dazu, etwas mit Liebe sollte es natürlich sein, etwas Ausschließliches, Absolutes und "sonst gar nichts".

Aus diesem Spiel mit Worten und Noten wurde einer der größten Filmhits aller Zeiten, musikalisches Emblem des ganzen Films. Aber auch der Startpunkt der Weltkarriere von Marlene Dietrich, die das Lied ein Leben lang sang. Der Film feierte am 1. April 1930 im heute nicht mehr existierenden Gloria-Palast am Kurfürstendamm Premiere.

Sternstunde der deutschen Filmgeschichte

Der Berliner Autor Edgar Rai hat diese Babelsberger Szene in seinem 2019 erschienen Roman "Im Licht der Zeit" über die Entstehung des Films so anschaulich beschrieben, als sei er dabei gewesen. Als erfahrener Erzähler betrieb er zwar intensive Recherchen, nahm sich aber auch die künstlerische Freiheit der fantasievollen Ausgestaltung des Faktischen. Er wisse bei einigen Episoden inzwischen selbst nicht mehr, ob er sie sich ausgedacht habe oder ob sie sich so zugetragen hätten, wie er im Interview auf Radioeins erzählte.

Bei einem Roman ist diese Freiheit geradezu eine Bedingung für das lebendige Erzählen. Rai steht dabei allerdings auch in der Tradition seiner Figuren, der Schöpfer des "Blauen Engels". Fast alle Beteiligten an dieser Sternstunde der deutschen Filmgeschichte haben an der Mythenbildung mitgewirkt, haben fabuliert und farbig ausgemalt, was da Ende 1929 und Anfang 1930 im Babelsberger Tonstudio geschah.

Emil Jannings und Marlene Dietrich in "Der blaue Engel" (Quelle: imago images/Mary Evans)
Der strenge Professor Immanuel Rath (Emil Jannings) ertappt seine Schüler im Varieté "Der blaue Engel" und verliebt sich prompt in die Sängerin Lola (Marlene Dietrich). | Bild: imago images/Mary Evans

Eine Unbekannte in der Rolle der Lola

Das Filmstudio Ufa brauchte damals dringend einen Erfolg. Das Tonfilm-Zeitalter war gerade angebrochen. "Der Blaue Engel" sollte den Anschluss an internationale Entwicklungen ermöglichen und auch ein anspruchsvolles Publikum für die neue Erfindung begeistern. Wohl nur so ist zu erklären, warum der erzreaktionäre Medienmogul und Hitler-Wegbereiter, Alfred Hugenberg, zu dessen Konzern die Ufa gehörte, einwilligte, den Roman "Professor Unrat" des als links geltenden Autors Heinrich Mann zu verfilmen.

Der Film geht sehr frei mit der Vorlage um. Als Regisseur wurde der Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, Josef von Sternberg, verpflichtet. Ein hochbegabter Mann, dessen Adelstitel auch ins Reich der Legende gehört. Sternbergs sicherem, visuellem Stilempfinden ist es zu verdanken, dass der "Blaue Engel" ein atmosphärisches Meisterwerk geworden ist, mit dieser stickigen Kleinstadtstimmung, dem staubigen, angeschlagenem Charme der Kaschemme, der brütenden Erotik. Er hatte den Mut, eine Unbekannte als Lola zu besetzen, obwohl zunächst Stars wie Lucie Mannheim oder Trude Hesterberg vorgesehen waren.

Literarisches Denkmal für Produzent Volmöller

Der Schriftsteller Edgar Rai nähert sich in seinem Roman dem "Blauen Engel" aus zwei Richtungen. Zum einen begleiten wir die bisher erfolglose Marlene Dietrich, die sich mit kleineren Schauspieljobs durchschlägt, als schwer zu fotografieren gilt und nicht gerade den besten Ruf im Berliner Nachtleben hat. Ihre karge Künstlerinnen-Existenz würde man heute als prekär beschreiben. Das ändert sich, als sie mit der frivolen Kneipensängerin Lola im "Blauen Engel" endlich den Durchbruch schafft.

Die zweite Hauptfigur des Romans ist der umtriebige Autor, Produzent und Dramaturg Karl Vollmöller, der nicht nur am Drehbuch mitschrieb, sondern der gute, inspirierende Geist des ganzen Projekts war. Ihm hat Edgar Rai, der von Vollmöller fasziniert ist, ein überfälliges, literarisches Denkmal gesetzt: "Das ist jemand, der in unserem Bewusstsein überhaupt keine Rolle mehr spielt," sagt Edgar Rai.

"Aber aus dem Berliner Kunstleben der Weimarer Jahre war er überhaupt nicht wegzudenken. Er hat einfach alles gemacht und war überall, hatte wahnsinnig viele Verbindungen, auch ins Ausland. Er war selbst Theatermacher, hat ein Stück geschrieben, das sogar am Broadway lief. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, diesen Film zu machen, ohne selbst davon zu profitieren und zwar mit den Leuten, die er sich dafür gedacht hat. Er hat diesen Film möglich gemacht."

Marlene Dietrich, Hans Albers und Emil Jannings in "Der blaue Engel" (Quelle: imago images/Mary Evans)
Neben Emil Jannings (r.) spielte auch Hans Albers (m.) an der Seite von Marlene Dietrich | Bild: imago images/Mary Evans

Marlene Dietrich erspielte sich den Weltruhm

Emil Jannings, der damalige deutsche Schauspiel-Gott, war für die Rolle des Professors Rath ohne jede Diskussion gesetzt. Doch es war Vollmöller, der den Regisseur Sternberg auf Marlene Dietrich, mit der er gut bekannt war, aufmerksam machte. Sternberg sah sie in der Revue "Zwei Krawatten" auf der Bühne, doch erst bei Probeaufnahmen in Babelsberg verfiel er ihrer Aura, ihrer natürlichen Sinnlichkeit, ihrer Berliner Frechheit und Schnoddrigkeit, die sie mit noch heute spürbarer Modernität völlig unverkrampft auf die Leinwand brachte.

Während die Dietrich sich den Weltruhm erspielte, geriet der Koloss Jannings ins Wanken, wie Rai es beschreibt: "Er wurde bis ins Mark erschüttert. Es war ihm erst völlig egal, wer mit ihm spielen sollte und er glaubte, die Rosa Fröhlich, wie sie im Roman heißt, sei nur eine kleine Rolle, einfach jemand, den er mühelos an die Wand spielen würde. Abgesehen davon, dass ihre Rolle ursprünglich kleiner gedacht war", so Rai. "Dann merkte er während der Dreharbeiten, wie sehr das Ganze kippt, wie sehr plötzlich die Journaille an ihr interessiert ist und nicht mehr an ihm. Plötzlich ist da dieses Gefühl und es schwappt bis Berlin, dass in Babelsberg etwas Unfassbares geschieht und dass ein neuer Star geboren wird, der ihm die Show stehlen würde. Das hat ihn mehr als verunsichert."   

Würgeszene gerät außer Kontrolle

Jannings bekämpfte Marlene Dietrich mit allen Mitteln. In der Würgeszene soll er die Beherrschung verloren und so fest zugedrückt haben, dass der Dreh abgebrochen werden musste und die Würgemale an ihrem Hals noch lange zu sehen waren. Dennoch würdigt Edgar Rai in seinem Roman völlig zurecht die schauspielerische Leistung von Jannings, der den Niedergang seiner Figur, die Demütigung, den absoluten Prestigeverlust des Professors zu einer großen, menschlichen Tragödie macht.

"Der blaue Engel" ist eine sehr deutsche Geschichte, die genüssliche Demontage von scheinbar ewigen Autoritäten durch die Waffen der Sinnlichkeit. Professor Rath verbietet seinen Schülern, Lola auf der Bühne des "Blauen Engels" zu bewundern, doch er erliegt ihrer erotischen Attraktion selbst, gibt seine bürgerliche Existenz auf, zieht mit ihr durch die Lande und macht sich auf der Bühne zum Gespött der Leute bis zu seiner völligen Vernichtung.

Marlene Dietrich machte sich später selbstironisch über ihren Auftritt auf der Tonne lustig, den sie vulgär fand, über ihre drallen Schenkel. Dennoch dürfte ihr bewusst gewesen sein, dass sie ein geradezu revolutionäres Bild entfesselter Sinnlichkeit geschaffen hatte, wie es Edgar Rai in seinem Buch beschreibt: "Sie war diejenige, die diese Figur ganz nach vorn gespielt hat, ganz offensiv vorgegangen ist. Im gewissen Sinne war das damals bildungsbürgerlicher Intellektuellen-Porno, was man da gesehen hat. So etwas gab es vorher noch nie. Sie hat sich das Kostüm für die berühmte Szene auf der Tonne selbst geschneidert, sie hat ja kaum was an. Dieser Zylinder, aber nackte Beine – das war eine Unverfrorenheit. Man machte so etwas nicht, sich halbnackt auf eine Tonne zu setzen. Alles, was der 'Blaue Engel' geworden ist, dass sie überhaupt zur Hauptfigur geworden ist, das ging nur durch ihr Zutun."

Dietrich war nie wieder so sehr Berlinerin wie im "Blauen Engel"

Edgar Rais Roman ist das lesenswerte Buch der Krise, künstlerisch und politisch. Während sich der Film damals mit dem aufkommenden Ton neu erfinden muss, was mit dem "Blauen Engel" glänzend gelang, zieht in Deutschland der Faschismus herauf, untergräbt die schwankenden Grundlagen der Demokratie. Deshalb sei auch der Zeitpunkt der Entstehung des "Blauen Engels" ein Glücksfall, meint Rai. Ein Jahr zuvor wäre er vermutlich noch nicht, ein Jahr später nicht mehr möglich gewesen.

Jannings stellte seine große Kunst als privilegierter Staatsschauspieler in den Dienst der neuen Machthaber. Marlene Dietrich trat noch in der Premierennacht ihre Reise in die USA an, wo sie später die Nazis mit ihren künstlerischen Mitteln bekämpfte.

In Hollywood drehte sie sechs weitere Filme mit Sternberg, darunter große Werke wie "Marokko" und "Der Teufel ist eine Frau", der übrigens ihr Lieblingsfilm war. Sternberg stilisierte sie meisterhaft zu einer kühlen Ikone von vollkommener Eleganz und zeitloser Schönheit, hinter der die freche Göre Lola verschwand. Nie wieder war die Dietrich so sehr Berlinerin wie im "Blauen Engel".

Sendung: Radioeins, 28.03.2020, 13:40 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

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