Eine Zuhörerin hört einer Cello-Spielerin zu (Quelle: 1:1 Concerts/Astis Krause)
Audio: rbb Kultur | 22.05.2020 | Henrike Möller | Bild: 1:1 Concerts/Astis Krause

Konzertreihe mit einem Zuschauerplatz - Intensiver Blickkontakt beim kleinsten Konzert der Welt

Ein Person spielt ein Instrument, eine hört zu - dazwischen zwei Meter Platz; wer spielt und welches Stück zu hören sein wird, ist eine Überraschung. Das sind die Prinzipien der neuen, Corona-kompatiblen Konzertreihe 1to1 Concerts. Ein intensives Erlebnis. Von Henrike Möller

Ich bin ein bisschen aufgeregt. Mein erstes Konzert in fast drei Monaten! "Wenn es dir emotional zu viel wird, kannst du jeder Zeit den Raum verlassen", erklärt mir Keiran. Er ist Gastgeber des 1to1-Concerts in der Basalt-Bar im Wedding, fünf weitere Locations machen ebenfalls mit. Ich schaue ihn irritiert ihn. Naja, setzt er nach, es seien schon Leute mit Tränen in den Augen wieder herausgekommen: "Weil die Musik Erinnerungen hervorgerufen hat, Emotionen hochgekocht sind." Nun bin ich nervös. Ich will auf keinen Fall vor einer fremden Person weinen! "Bereit?", fragt Keiran.

Ich folge ihm ins Innere der schummerigen Bar in eine Art Hinterzimmer. Keiran bedeutet mir mit einem Finger auf dem Mund, dass ich ab jetzt nichts mehr sagen darf. Absolutes Sprechverbot. Ich lasse mich auf einem Holzhocker nieder. Um mich herum lauter Kerzen. Mir gegenüber sitzt schon der Musiker. Wie er heißt, bei welchem Orchester er spielt, welches Stück er ausgewählt hat – all das werde ich erst nach dem Konzert erfahren.

Unbekümmert, heiter, für andere traurig und doch dasselbe Stück

Der Musiker schaut mich an. Freundlich, sanft, aber dennoch eindringlich. Fünf Sekunden, zwanzig Sekunden, sechzig Sekunden. "Man versucht sich mit dem Zuhörer oder der Zuhörerin zu verbinden", erklärt mir Richard Obermayer später. Er spielt Klarinette am Deutschen Symphonieorchester. "Für mich ist dieser Blickkontakt am Anfang sehr intensiv und sehr schön." Je länger er anhält, desto herausfordernder wird er für mich. Ich fühle mich von Sekunde zu Sekunde nackter. Meine Stimmungskurve bewegt sich von gut gelaunt in Richtung traurig.

Dann beginnt Richard Obermayer zu spielen. Mozart, Klarinetten-Konzert, 2. Satz. Es ist ein angenehmes Stück, unbekümmert, heiter. Es passt zur fast schon lauen Sommernacht, die an diesem Abend herrscht. Andere Konzertbesucher – drei hat Obermayer an diesem Abend schon vor mir empfangen – hätten das Stück als traurig beschrieben, erzählt er: "Und das ist vielleicht genau das Persönliche an diesem Konzert: Wie diese Verbindung aufgebaut wird. Was will man als Musiker übermitteln?"

Plötzlich wird der Blick zur Bühne erwidert

Jedes 1to1 Concert ist für Obermayer einzigartig. Denn jede*r seiner Zuhörer*innen ist einzigartig. Von der Idee sei er sofort begeistert gewesen, sagt er. Endlich wieder Konzerte spielen: "Das macht nämlich keinen Unterschied, ob ich ein Konzert für 2.000 Personen spiele oder für eine." Als Zuhörer*in macht es allerdings durchaus einen Unterschied. Ich bin es gewöhnt, Künstler*innen auf der Bühne anzustarren. Dass sie meinen Blick erwidern, ist neu. Und seltsam. Ich habe Angst zu kritisch zu gucken. Angst, dass Richard Obermayer denken könnte, es gefällt mir nicht, was er spielt. Also schließe ich die Augen.

"Ich lasse mich einfach treiben, ohne Gedanken im Idealfall", antwortet Obermayer, als ich von ihm wissen will, ob er seine Zuhörer während der Konzerte groß wahrnimmt: "Raum und Zeit verschwinden". Für mich anscheinend auch. Denn als ich Obermayer frage, wie lange das Stück gewesen sei, das er gespielt hat, sagt er: "Sieben, acht Minuten." Ich bin überrascht. Ich hätte drei geschätzt.

Eine Frau hört einem Orgelspieler zu (Quelle: 1:1 Concerts/Astis Krause)

Die Konzerte sind umsonst. Es wird aber um eine Spende gebeten für die den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung. Er setzt sich für freischaffende Musiker*innen ein, die wegen der Corona-Krise in finanzielle Nöte geraten sind. Alle weiteren Infos finden Sie auf den Seiten des Veranstalter [1to1concerts.de/berlin].

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1 Kommentar

  1. 1.

    Eine tolle Idee und es finden sich bestimmt viele Zuhörende (m/w/d). Allen Beteiligten viel Vergnügen.

    Zitat:"Das macht nämlich keinen Unterschied, ob ich ein Konzert für 2.000 Personen spiele oder für eine."
    Das hat mich sofort an ein Interview von Herbert Grönemeyer erinnert.
    In seiner Anfangszeit kam wohl bloß eine Handvoll Gäste und sein Manager meinte, dass er das Konzert abgesagen wird. H. Grönemeyer hat sich geweigert, denn er trete selbst dann auf, wenn nur eine Person im Publikum sitzt.

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