Jasmin Tabatabai steht mit Band auf der Bühne (Quelle: Jens Müller)
Bild: Jens Müller

Porträt | Jasmin Tabatabais neue CD "Jagd auf Rehe" - Sei mal verliebt!

Sie wagt sich an die Knef, an die Beatles, an Annie Lennox: Jasmin Tabatabai macht auf ihrer neuen CD "Jagd auf Rehe" statt auf Mörder. Ein verjazzter Trip durch die Zeit - und zu sich selbst. Von Hans Ackermann

Gleich drei Titel von Cole Porter hat sich Jasmin Tabatabai für ihr neues Album ausgesucht. Darunter "Let's do it" in der Fassung, die auch schon Hildegard Knef als "Sei mal verliebt!" gesungen hat: Ochs tut es, Kuh tut es…, tu Du es - sei mal verliebt! heißt es in dem unverwüstlichen Song, mit dem Jasmin Tabatabai trotz ihrer wesentlich helleren Singstimme dem Vorbild die Ehre erweist. "Wenn man Lieder neu aufnimmt, ist das immer eine Verbeugung. Vor denen, die das bekanntgemacht haben. Und die Knef ist toll."

Lieder der Knef, "Hey Jude" von den Beatles, Nick Drakes "Riverman" oder "Why" von Annie Lennox, ob Popsong, Jazzstandard oder französisches Chanson: Jasmin Tabatabai präsentiert unterschiedlichste Lieder in fünf verschiedenen Sprachen und mit größter Stilsicherheit. Auch das "Ständchen" von Franz Schubert bei dem David Klein, der Schweizer Bandleader und Album-Partner sie auf seine typische Art und Weise von allen Zweifeln befreit hat. "Vor diesem Lied habe ich wirklich Respekt gehabt, da ich überhaupt nicht aus der klassischen Richtung komme. Aber David hat gesagt, 'natürlich kriegst Du das hin, das ist Jazz, wir machen es ganz einfach. Bloss nicht versuchen, das irgendwie klassisch zu singen'".

Band trägt die Sängerin wie auf Wolken

Sie habe immer das Gefühl, wenn sie mit David Klein arbeite, alles hinzukriegen, sagt Jasmin Tabatabai über den Schweizer Saxophonisten, der als musikalischer Kopf für den hervorragenden Sound  dieser CD verantwortlich ist. Seine Arrangements und die vorzügliche Band tragen die Sängerin wie auf Wolken durch das abwechslungsreiche Programm. Mit solchen Jazzmusikern zu arbeiten, erzählt Jasmin Tabatabai, sei immer wieder faszinierend für sie. "Als Autodidaktin, die komplett aus einer anderen Richtung kommt".  Gemeint ist ihr musikalischer Hintergrund als Sängerin in verschiedenen Rockbands.

Rauhe Klänge gibt es auf diesem Album nicht, dafür mit dem Titelstück "Jagd auf Rehe - Shekare Ahoo" sanfte persische Poesie. Geboren 1967 in Teheran hat Tabatabai dort bis 1979 gelebt, mit ihrem iranischen Vater  und ihrer deutschen Mutter. Der persische Text, erklärt die Sängerin, enthalte allerlei Geheimnisse und Doppelbedeutungen: "Jemand ist verletzt worden durch den Blick des geliebten Menschen und kündigt an, dass er oder sie ins Gebirge geht, um Rehe zu jagen. Wie das gemeint ist, erfahren wir nicht. Ist es sinnbildlich gemeint, will jemand wirklich auf die Jagd gehen, will er jemanden verletzten - wir wissen es nicht."

"Zum Songwriting braucht man viel Zeit"

Unter den 15 Titeln des Albums findet  sich mit "Anymore" nur ein einziges von ihr selbst geschriebenes Lied. Ein Scheidungslied, wie Tabatabai den Song nennt, der mit einem melancholischen Trompetensolo beginnt und die Sängerin in einem leeren, einem empty house nach ihrer verlorenen Liebe suchen lässt. Warum sie keine weiteren Lieder mit dieser besonderen, intimen Stimmung geschrieben habe? "Zum Songwriting braucht man Solitude und viel Zeit. Und die habe ich einfach nicht, mit drei Kindern und zwei Berufen. Deswegen gibt es da jetzt nicht so einen Wahnsinns-Output."

Auch Wohnzimmerkonzerte wird man von Jasmin Tabatabai eher nicht erwarten können, betrachtet sie diese Aktivität  vieler ihrer Musikerkollegen doch mit Skepsis. Man müsse aufpassen, dass sich das kostenlose Online-Konzert nicht von der Notwendigkeit zur Gewohnheit entwickelt. "Dass wir, die sowieso im Moment ziemlich alleingelassen sind, mit unseren Nöten und Sorgen, in Zukunft einfach immer umsonst von zuhause aus die Inhalte liefern. Das darf sich jetzt nicht etablieren, dass Musiker noch mehr umsonst arbeiten sollen, als sie es sowieso schon tun."

Wenn ich singe, dann ist alles 100 Prozent ich. Das ist keine Rolle, die man spielt.

Jasmin Tabatabei, Schauspielerin und Sängerin

Job als Schauspielerin ruht erstmal

Jasmin Tabatabais drei Kinder -  der jüngste Sohn ist 6 Jahre alt, die große Tochter wird im Dezember volljährig - fordern zuhause in Berlin-Pankow ganztägig die volle Aufmerksamkeit. Ihren Hauptberuf als Schauspielerin wird sie wegen der Pandemie wohl erst Ende Juli wieder ausüben können. "Wahrscheinlich unter Sicherheitsmaßnahmen und mit Abstand und Masken", vermutet Tabatabai. Gedreht wird dann die 10. Staffel der erfolgreichen ZDF-Serie "Letzte Spur Berlin".

Dort vor der Kamera, sagt Jasmin Tabatabai, könne sie immer eine gewisse Distanz zum Charakter wahren. Am Mikrofon, als  Sängerin, gebe es diese Distanz nicht. "Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich Jasmin. Wenn ich singe, dann ist alles 100 Prozent ich. Das ist keine Rolle, die man spielt."

Als Sängerin fühle sie sich wie im Urlaub, sagt Jasmin Tabatabei, "wo ich mit guten Musikern und schönen Melodien zwei Stunden mit dem Publikum ein Liebesfest feiern kann". Sie brauche diesen  Ausgleich zum harten Alltag beim Film. "Wo man immer entweder zu müde ist oder friert oder es ist zu heiß oder man hat Hunger - so ist das glamouröse Filmleben."

Authentisch sein und im direkten Kontakt zum Publikum - Jasmin Tabatabai freut sich schon, wenn sie mit ihrer Band irgendwann wieder auftreten kann. Die CD sei jetzt nur eine Momentaufnahme. "Richtig, richtig toll wird es meistens, wenn man das Programm zwei, drei Jahre gespielt hat."

Sendung: Inforadio, 22.05.2020, 08:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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