Außenansicht Museum für Kommunikation. Die Ausstellung "Briefe ohne Unterschrift - Sendung aus London von und für DDR-Bürger" ist ab Dienstag nicht nur virtuell sondern auch im Museum zu besuchen. Quelle: Britta Pedersen/dpa
Audio: Inforadio | 18.05.2020 | Maria Ossowski | Bild: Britta Pedersen/dpa

Ausstellung "Briefe ohne Unterschrift" - Was DDR-Bürger der BBC über das Regime verrieten

In der Ausstellung "Briefe ohne Unterschrift" präsentiert das Museum für Kommunikation Briefe von DDR-Bürgern an den britischen Sender BBC, in denen Bürger das Regime teils deutlich kritisierten. Die gleichnamige Sendung war in der DDR berühmt. Von Maria Ossowski

Jeden Freitagabend um 20:15 Uhr erklang die Stimme von Austin Harrison. 25 Jahre lang im German Service, via Kurz- und Mittelwelle. 1949 bis 1974. Briefe ohne Unterschrift. Die Menschen in der DDR forderte er in der Sendung auf, anonym an Deckadressen in West-Berlin über ihre Sorgen und Nöte, ihren Alltag oder einfach ihre politischen Ansichten zu berichten: "Und hier noch einmal unsere Berliner Adressen, über die uns Ihre Briefe erreichen. Horst Krüger, 1 Berlin 12, Niebuhrstraße 7."

Die Deckadressen wechselten mit jeder Sendung. Montag früh hatten die meisten Hörerinnen und Hörer schon geschrieben, bevor die Stasi in den Postämtern alle fingierten Adressen verteilt hatte. Derweil schickte das BBC-Büro Berlin-West die Briefe nach London, wo sie das Redaktionsteam um Harrison auswählte.

Gedanken über den Einmarsch in Prag 1968

Ein Schüler aus Greifswald hörte diese Sendung. Die Autorin Susanne Schädlich hat viele der 40.000 Briefe in den Archiven der BBC gelesen. Noch bis Ende Oktober zeigt das Museum für Kommunikation in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte diese Briefe in einer Ausstellung - und es erzählt die Geschichten, die hinter diesen Briefen stehen [mfk-berlin.de]:

"Der Impuls, an die BBC zu schreiben, kam für ihn 1968 mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag, in der Tschechoslowakei. Er war 16 Jahre alt", erzählt Schädlich, "er hat einfach seiner Luft Wut gemacht in den Briefen, und warum eine freiheitliche Bewegung unterdrückt wurde auf diese Art und Weise."

Am 10. September schreibt Karl Heinz Borchardt seinen ersten Brief. Sachlich strukturiert, klug formuliert, Zitat: "Ich bin der Meinung, dass der Westen nicht scharf genug gegen diese Intervention eingeschritten ist. Muß denn ein Land, das sich etwas Freiheit schwer erkämpft hat, immer den alten Weg unter Moskauer Herrschaft weiter marschieren? Es grüßt Sie herzlich Ihr schreibenden Schüler".

Verhaftung kurz nach dem 18. Geburtstag

Drei weitere Briefe schreibt Karl Heinz Borchardt. Sein Notizbuch aus dieser Zeit ist ausgestellt. Die Kuratorin Katharina Schillinger sagt: "Hier sieht man BBC 20.15 Uhr, er hat hier unten den Namen von Austin Harrison aufgeschrieben. Oder eben auch Deckadressen oder besser fingierte Adressen, an die man Briefe richten konnte." Nach zwei Jahren hatte die Stasi es geschafft, Borchardt zu enttarnen.

Susanne Schädlich war die erste, die die Briefe gesichtet und in ihrem Buch "Briefe ohne Unterschrift" kompetent und präzise ausgewertet hat. Sie sagt, man habe Borchardt irgendwann identifiziert aufgrund einer Schriftanalyse: "Er wurde kurz nach seinem 18. Geburtstag verhaftet, kam für acht oder neun Monate in Untersuchungshaft und wurde dann zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er auch größtenteils abgesessen hat."

Ein Denkmal für die Absender

Viele der 40.000 Briefe thematisieren die Mangelwirtschaft, die meisten jedoch - als wichtige Zeitzeugnisse - die fehlende Meinungsfreiheit.

Die Ausstellung zeigt die Briefe, die Umstände, unter denen sie entstanden, die phantasievollen Unterschriften wie "Klabautermann", "Mauerblümchen" oder "Ihre alte Eiche" und die Stasimethoden, um die Briefverfasser zu identifizieren. Die Tondokumente hat die BBC gelöscht. Die Stasi nicht, deshalb gibt es noch neun Sendungen, und deshalb kann man hören, welche Schlagworte in den Sendungen vorkamen und wie die Briefeschreiber grüßten: "Freiheit den Polen und Tschechen...der Ausdruck Ostdeutschland...Notruf 2...per aspera am astra...nächstes mal mehr..in großem Vertrauen...eine wehrlose Frau."

Die Ausstellung setzt Absendern, die mutig ihre Meinung schieben, ein Denkmal und sie zeigt die brutale Verfolgung durch die Stasi. Und macht auch deutlich, in welcher Freiheit sich die Menschen in Deutschland heute bewegen.

Sendung: Inforadio, 18.05.2020, 17:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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6 Kommentare

  1. 6.

    Der World Service, um den es hier geht, ist aus dem Empire Service für die britischen Kolonien hervorgegangen.
    Also warum sollte der spätere World Service die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien unterstützen?
    Die Sache mit den Briefen lief über den German Service des World Service.
    Ähnlich lief es beim RIAS.
    Im Vereinigten Königreich werden die Leute über den Home Service mit Radio und Fernsehen versorgt.

  2. 5.

    Interessant wäre es zu wissen ob die BBC auch die Unabhängigkeitsbewegungen in Indien und Afrika so unterstützt hat. Andernfalls könnte man auch glauben, die Briten hätten so ihre eigenen Interessen verfolgt.

  3. 4.

    Naiv? Sind Sie, wenn Sie diese Informationen als bedrohlich empfinden. Wenn Sie sich die Datenmassen vor Augen führen, die nur noch durch selbstlernende KI's durchforstet werden können und wie wenig IT-Kompetenz deutsche Bundesbehörden besitzen, dann sollte einem klar sein, dass man sich mit den Sicherheitsmethoden von 2010 noch die nächsten 20 Jahre unproblematisch durch das Internet bewegen kann. Die Masse an Mediennutzern ohne jegliche Medienkompetenz ist einfach nicht erfassbar, man kann die Leute mit Kompetenz ja an einer Hand abzählen und demnach ist das Internet weder als feuchter Traum der Stasi zu betrachten noch sind wir naiv, weil die Rechtslage durch die "Verfassungschützer" und Juristen immer noch erörtert wird.

  4. 3.

    Interessant dazu auch das aktuelle Urteil des BVG: "Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit, aber tatsächlich stellt das Bundesverfassungsgericht zum ersten Mal fest: Deutsche Behörden müssen auch im Ausland die Grundrechte beachten. ... Die Kläger kommen aus Ländern wie Kroatien oder Aserbaidschan und berichten dort über Menschenrechtsverletzungen. Sie befürchten, durch das BND-Gesetz nicht mehr frei arbeiten zu können. Dabei geht es nicht nur um die Überwachung durch den deutschen Geheimdienst. Sie fürchten auch den Austausch von Informationen mit den Nachrichtendiensten in ihren Ländern. Das Verfassungsgericht sagt jetzt, dass die heimliche Überwachung im Ausland für die betreffenden Menschen dort ein schwerer Eingriff sein kann. Aber das sei grundsätzlich zulässig." www.tagesschau.de/inland/bnd-gesetz-109.html
    Vgl. dazu auch den aktuellen Berliner VS Bericht ;)

  5. 2.

    Der Hinweis auf die Nachrichtendienste ist zwar wichtig, sehen muss man allerdings die unterschiedliche Konsequenz im Vergleich zur Stasi. Wie täglich tausende - öffentliche - Faecebook-Beiträge dokumentieren, darf man im Rahmen der Meinungsfreiheit hierzulande eine ganze Menge fragwürdige Sachen ohne Konsequenzen sagen und zeigen. Insofern ist der zitierte Satz so falsch jetzt nicht.

  6. 1.

    "macht auch deutlich, in welcher Freiheit sich die Menschen in Deutschland heute bewegen" @rbb Vielleicht etwas naiv ;)
    "Landefeld, Beirat der DE-CIX Management GmbH, berichtete am 26. März 2015 im NSA-Untersuchungsausschuss von der Praxis des BND am DE-CIX seit 2009, da ... der BND neue Möglichkeiten zur Überwachung des Internets suchte... , dass der BND sich ... auch für innerdeutsche Leitungen interessiere, auf denen über 90 Prozent des Verkehrs grundrechtsgeschützt sei. Es ließe sich „absolut nicht trennscharf“ entscheiden, was im Netz „deutsch ist oder nicht“. Auch die 20-Prozent-Regel, nach der Nachrichtendienste ein Fünftel der Leitungskapazität ausleiten dürfen, würde nicht real praktiziert ... Die Provider legen ihre Leitungen so an, dass sie in der Regel nur zu 30 oder 40 Prozent ausgelastet seien. Mit der 20-Prozent-Regel lande man bei 50 bis 60 Prozent des durchgeleiteten Verkehrs, was nicht im Sinne des Gesetzes sei."
    wikipedia.org/wiki/DE-CIX#Fernmeldeaufklärung

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