Die Laterne mit dem Kreuz für die Kuppel des Berliner Stadtschloss der Stiftung Humboldt Forum steht auf der Baustelle des Berliner Stadtschloss; © dpa/Britta Pedersen
Video: Abendschau | 30.05.2020 | A. Tiemeyer | Bild: dpa/Britta Pedersen

Streit um Kreuz auf Berliner Stadtschloss - "Das ist preußisches Staatschristentum"

Ein riesiges goldenes Kreuz wurde am Freitag auf dem Berliner Stadtschloss errichtet. Es ist heftig umstritten, schließlich ist das Schloss - oder besser gesagt das Humboldt-Forum - keine Kirche. Maria Ossowski über die Hintergründe.

Das goldene Kreuz ist vier Meter hoch und wiegt 310 Kilogramm. Gemeinsam mit der goldenen Kuppelhaube ist das Gebilde auf dem Humboldt-Forum fast 17 Tonnen schwer. Das barocke Stadtschloss trug kein Kreuz. Erst Friedrich Wilhelm IV. ließ es 1854 über der damaligen Kapelle errichten, als Ausdruck seines preußisch-monarchischen Herrscherwillens.

Der Bundestag hatte die Rekonstruktion des Stadtschlosses ohne Kuppel und Kreuz auf den Weg gebracht. Anonyme Großspender haben die Kuppel finanziert, die Witwe des Versandhausgründers Otto spendete eine Million Euro für das Kreuz. Es wurde im Norden Berlins, in Weißensee geformt und vergoldet. Nun wird es über dem Humboldtforum glänzen, einem Ort, an dem Exponate außereuropäischer Kulturen ihre neue Heimat finden sollen - und um den die Kolonialismus-Debatte tobt.

Das Kreuz als Anregung zur Debatte

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht das Kreuz daher als Gesprächsimpuls: "Dieses Kreuz ist allemal eine Einladung zum Dialog über Nächstenliebe, Toleranz, Weltoffenheit und über die Rolle von Religionen in unserer heutigen globalen Gesellschaft. Ich bin froh, dass andere Religionen uns in unserer Haltung auch ausdrücklich unterstützen."

Der Vorsitzende des Vereins der Muslime in Deutschland habe sie ermutigt, zu den christlichen Wurzeln zu stehen. Der jüdische Publizist und Rabbiner Andreas Nachama sieht das Kreuz in einem Kommentar der Jüdischen Allgemeinen sehr viel kritischer. Dieses Kreuz sei ein Symbol der Berliner Intoleranz, ein Rückfall in die Gedankenwelt eines Preußenkönigs.

Ist das Kreuz ein Zeichen des Alleinanspruchs der christlichen Religion? Grütters verneint. "Davon sind wir in dieser sehr säkularen Stadt Berlin und auch in einem Deutschland, was sehr genau unterscheidet zwischen der Rolle der Glaubensgemeinschaften und dem Staat weit entfernt", so die Kulturstaatsministerin: "Insofern ist die Provokation, die in dieser Frage liegt, vielleicht eine gute Stimulanz für eben die Kontroversen und die Auseinandersetzung, die wir dazu führen werden."

Preußisches Staatschristentum zeigt sich unter dem Kreuz

Auch die Hausherrin des Humboldtforums, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, distanziert sich von allen Macht-, Alleingültigkeits- oder Herrschaftsansprüchen, die das Kreuz einst symbolisierte. Ist seine Rekonstruktion nur der historischen Authentizität geschuldet? Warum gibt es dann zur Spree hin eine moderne Fassadenseite? Sie ist auch nicht historisch. Das Kreuz als kulturelle Metapher unserer spirituellen Tradition, das wäre allein noch vertretbar.

Nicht aber, und hier haben offensichtlich alle Kritiker zu spät reagiert, die Inschrift unter dem Kreuz, Gold auf blauem Grund und weithin zu lesen. Eine von Friedrich Wilhelm dem IV verfasste Zusammenstellung mehrerer Bibelzitate, die dazu auffordert, "dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Das ist nicht nur verschwiemelt formuliert, das ist preußisches Staatschristentum, das Unterordnung und Gehorsam verlangt.

Eine Ausstellung zur Aufklärung genügt nicht

Auch die Staatsministerin sieht den Text kritisch: "Die Inschrift ist natürlich problematisch und atmet einen monarchischen Geist, von dem wir uns nicht nur in jeglicher Form heutzutage distanzieren, sondern die einmal mehr ein Schlaglicht darauf wirft, was wir überwunden haben und wie glücklich wir mit der heutigen Demokratie sein können."

Eine Ausstellung über diese Zeit im Humboldtforum soll aufklären. Aber reicht das? Nein, aber heute ist es zu spät, um diese ziemlich unerträgliche Kombination aus Inschrift und Kreuz fundamental neu zu diskutieren und eventuell zu verhindern.

Sendung: Inforadio, 29.05.2020, 07:20

Beitrag von Maria Ossowski

97 Kommentare

  1. 97.

    Viel Spaß beim verhindern, der Turm wird bereits gebaut und ich habe gerne dafür gespendet. Der Turm war stadtbildprägend und er wird inner als Versöhnlicher Ort konzipiert.

  2. 95.

    Zustimmung "Auch die Garnisonkirche in Potsdam muss verhindert werden. Sie ist ein Symbol des NS-Staates und Preussen." Was heute eben vergessen wird, Preußen steht für den ersten deutschen Völkermord. Die Nazikirche in Potsdam ist ein weiter dieser Orte dieser Geschichtsumdeutungen.

  3. 94.

    Der Bibelspruch ist anmaßend und erdrückend. Das Kreuz steht dagegen für christliche Nächstenliebe (Solidarität, Mitgefühl, aktive Toleranz, Respekt vor dem Anderen, Hilfe für die Armen), die vielen Religionen eigen ist. Für ein weltoffenes, dialogfähiges Humboldt-Forum!

  4. 93.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wenn man die Berichterstattung in den Medien über die Rückkehr des Kreuzes auf das Stadtschloss verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, die Bevölkerung Deutschland war gegen das Aufsetzen dieses christlichen Symbols auf das Stadtschloss.

    Wenn Sie aber die Kommentare in den verschiedenen sozialen Netzwerken verfolgen oder die Kommentare unter dem Artikel im ZDF sieht das nämlich ganz anders aus.

    Man sollte die Meinung einzelner Kritiker nicht so darstellen als würde dies die Meinung der überwiegenden Bevölkerung darstellen. Eine Diskussion in der Bevölkerung fand nämlich garnicht statt, sondern bei einigen Historikern oder "Experten" und diese ist sicher nicht die Meinung des Volkes.

  5. 92.

    "denn eine widersprüchliche oder problematische Geschichte lässt sich nicht durch Schleifung ihrer Bauwerke auslöschen. "

    Danke gerade für diesen Satz.
    In der Tat liegen Welten in der Umgangsweise damit. Die einen: Alles Unliebsame wird einfach wie ein Möbelstück weggeschoben, die anderen: Nur aus einer Annäherung und einem gebührenden Abstand heraus lässt sich Geschichte begreifen.

    Selber hätte ich allerdings nichts dagegen gehabt, Teile des Palastes der Republik auf der modernen Ostseite stehenzulassen. Das ist das m. E. einzige Manko. Für die "Linden" auf der Westseite ist das Humboldt-Forum ein hervorragender und zugleich geschichtlich überlieferter Auftakt. Alles andere als die gleiche Formensprache wie die "Linden" scheidet hier nach meiner Empfindung aus.

  6. 91.

    Danke für Ihren Beitrag. Ich gebe Ihnen recht. Dort steht der Name Jesu, und wer ordentlich recherchiert, sollte merken, was dieser Jesus vertreten hat.
    Was immer Menschen in diesem Namen an Furchtbarem angestellt haben - man kann alles mißbrauchen. Auch den Namen Jesu.
    Ich wünschte, die "Aufgeklärten" würden für sich mal klären, wofür und wogegen es sich lohnt, sich so aufzuregen.

  7. 90.

    Der Palast der Republik hatte seine Probleme, genau wie die Republik für die er stand. Aber was ihn ersetzt hat, der Palast der Einprozenter, ist nicht besser. Die Hälfte der Bevölkerung muss fürchten, ihre Wohnung zu verlieren, während reiche Stifter Preußenkönig spielen dürfen. Da passt das Untertanen-Christentum wie die Faust aufs Auge. Die Symbolik des Stadtklotzes war von Anfang an reaktionär, und die wohlhabenden Finanziers haben auch nie einen Hehl daraus gemacht. Berlin von oben halt. Aber das Knie beugt sich so lange, bis es tritt.

  8. 89.

    Es ist erstaunlich wie wichtig sich die Berliner selbst und Ihr Disneyschloss nehmen.
    Das ganze Schloss ist Verschwendung von Steuergeldern, Christen sind in Deutschland nur noch eine Minderheit, wie andere Religionsanhänger auch und das Schloss interessiert die meißten Nichtberliner auch nicht sonderlich.

  9. 88.

    Ich wundere mich über die vielen Kommentare gegen die Rekonstruktion des letzten historischen Bauzustands, der von den Nazis (2. Weltkrieg) und Ulbricht zerstört wurde. Ulbrichts Motivation war, gebaute Geschichte auszulöschen. Das ist aber eine Illusion geblieben, denn eine widersprüchliche oder problematische Geschichte lässt sich nicht durch Schleifung ihrer Bauwerke auslöschen. Was Ulbricht gelang, ist, ein einzigartiges Kunstwerk auszulöschen. Dies wurde nun, Gott sei Dank, zum Teil geheilt. Jetzt hat man wieder die Möglichkeit, sowohl an der Schönheit der Architektur zu erfreuen, sich aber auch an den problematischen Teilen der Geschichte, von denen das Bauwerk erzählt, auseinanderzusetzen. Für mich persönlich überwiegt die Freude an einem Bauwerk, das seine Historie nicht verleugnet, seine Baumeister Schlüter, Eosander und Stüler ehrt, aber durch die modernen Bauteile die historischen Brüche nicht verwischt.

  10. 87.

    Gegebenenfalls noch einmal über die Gestaltung der Kuppel selbst hinausgehend:

    Ein Stadtschloss hat Berlin nie besessen, vielmehr war es das einzige Schloss, was zu Bauzeiten existierte. Alle anderen Schlösser - Charlottenburg, Steglitz und Köpenick bspw. - waren zu jeweiligen Schlösser-Bauzeiten eigenständige Gemeinden. (In Potsdam verhielt es sich anders: Sanssouci, das Neue Palais und das Marmorpalais lagen schon zu Bauzeiten auf Potsdamer Stadtgebiet, neben dem bezeichneten Stadtschloss, heute in Funktion des Landtags.)

    Die Straße Unter den Linden kann nicht verstanden werden, ohne ihren Anfang und ihr Ende mitzudenken. Das Ende, sozusagen "das Finale", ist sichtbar und weltbekannt in Form des Brandenburger Tores, der Anfang allerdings ist trotz Wiederaufbaufähigkeit gesprengt worden. Dieser Anfang, dieser Auftakt, wird jetzt in Gestalt des Schlosses und in Funktion des Humboldt-Forums errichtet. Kein Venedig ohne Markusplatz und ohne Markusturm, kein Prag ohne Karlsbrücke.

  11. 86.

    Na was haben Sie denn für ein Problem. Ich sage doch: Tut es - setzt die Imitation aufs imitierte Schloss.
    Das gibt der peinlichen Demonstration falschen und peinlichen Bürgerstolzes den krönenden, folgerichtigen und weithin sichtbar protzig blinkend-güldenen Abschluss. Las Vegas für die Banausen, die sich für die Kunstmäzene der Stadt halten wollen. Was die für schön halten, kann man in den besseren Vorstadtsiedlungen bestaunen: Dorische Säulen am Eingang des Fertighaus-Eigenheims. Und darüber ein barockes schmiedeeisernes Imitat des Romeo-und-Julia-Balkons. Und falls man es sich leisten kann - gekrönt von einem Reet-Walmdach. Und bitte auch möglichst viele Butzen-Scheibchen.

    Ansonsten lesen Sie noch mal den Kommentar auf den ich reagierte. Der will mir nämlich nahelegen, ich müsste das alles selbstverständlich gut finden. Sonst sei ich kein "klar denkender Mensch"
    Kriegt man auf so was Polemik ist man noch gut weggekommen. Mit seinem falschen anmassenden Bürgerstolz.

  12. 85.

    Wer muss sich denn für "seine" Religion entschuldigen? Um Religion geht es hier auch gar nicht. Es geht um Kirche. Geht um den Nachbau der güldenen Leuchtlichtlaterne, mit der die Wilhelms zusammen mit der preussisch-protestantischen Staatskirche den Obrigkeitsstaat einforderten und behaupteten.
    Geht darum das einem eine Schmuckfassade vor Beton- Plattenbau angedreht wird, weil der Provinz-Kleiner-Gerne-Grossbürger Berlins auf Repräsentation steht.
    Und dann auch noch die entlarvende Tatsache als seinen Verdienst vorbringt - nur die Fassade sei vom restaurativen Disney-Land-Grossbürger finanziert worden.
    Ja das ist klar und auch nicht neu: Für den Inhalt, das wahre Gemeinwohl sind dann andere zuständig. Fürs finanzieren sowieso. Frau Otto hat sich für die Schlossimitation halt die Imitation des güldenen Dachabschlusses für die Stadtmöblierung geleistet, die auf der Spritzbeton-Imitation der Kuppel ganz oben aufsitzt.
    Und sie verteidigen diese Imitation als Ausdruck von Identität.

  13. 84.

    Das empfinde ich als reichlich weise Aussage. Gleich, was oben drauf ist und drauf steht, es ist keinesfalls Bekehrung. Die Zeiten gegenseitiger Beschimpfung dürfte lang vorbei sein. Aber eben nicht bei allen.

  14. 83.

    Wenn es nach Ihrer Mehrheit ginge, fände Ostern garnicht statt. Das ist der Punkt. Nicht, an welchem Wochenende das liegt. Und wenn Ostern und Pfingsten nicht stattfindet, ist auch der arbeitsfreie -Montag futsch. Konsequent für Anti-Christen (keinesfalls Atheisten oder Agnostiker) wäre, den arbeitsfreien Montag nicht in Anspruch zu nehmen.

  15. 82.

    Es ist zumindest ehrlich, die Koloniale Raubkunstausstellung mit denn Christenkreuz zu markieren und damit die Beteiligung der Kirche an den kolonialen Verbrechen und Völkermorden zu zeigen. So werden Inhalt und Form doch noch miteinander verbunden.

  16. 81.

    Es ist schon traurig, dass wir uns für unsere Religion entschuldigen müssen.
    Vor lauter politischer Korrektheit biedern wir uns jetzt Jeden an und verleugnen unsere Identität.

  17. 80.

    Was soll denn Ihr polemischer "Kommentar"?
    Hat denn Bürgerstolz behauptet, Mitglied einer exklusiven Gruppe sogenannter "klar denkender Menschen" zu sein?
    Nach der gestrigen rbb-Umfrage repräsentiert er übrigens tatsächlich eine Mehrheit von mehr als zwei Dritteln der Befragten 5.000 Menschen.
    Wenn Sie das anders sehen, dann ist das Ihr gutes Recht, aber das gilt eben nicht nur für Ihre Meinung.

  18. 79.

    Ein echt gutes Statement von Ihnen:
    Es ist ein städtebaulicher Fehler, dass dieses Schloss dort steht. Und noch ein größerer Fehler ist es, dass reiche Mäzene in Berlin bestimmen, wie und was mit welcher Symbolik gebaut wird. Ohne diese wäre das Schloss nie entstanden, Bundestagsbeschlus hin oder her. Die Aussagen von Kulturstaatsministerin Grütters tun weh beim Lesen, da sagt sie das Kuppelkreuz stünde für Toleranz und gleich das fundamentalistisch-christliche Spruchband an der Kuppel widerspricht ihr vehement. Wie kann man sich nur so verbiegen und meinen, die Öffentlichkeit nehme einem das ab? Und nein, es ist nicht zu spät, die Kuppelgestaltung neu zu diskutieren. Wenn Berlin es will, dann gibt es Mittel und Wege, sowohl Kreuz als auch Fundi-Spruch wieder zu entfernen. Dann kostet es eben Geld. Und dass Millionen für das Schloss von Privaten fließen können, zeigt ja, dass Geld da ist.

  19. 78.

    Selten so gelacht über solchen Unsinn. Was würden sie dazu sagen wenn eine Mehrheit der Bürger Ostern lieber später hätte weil das Wetter dann besser ist? Andere nehmen Rücksicht auf Christen. Warum nehmen Sie keine Rücksicht auf andere?

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