Archivbild: Blixa Bargeld bei einem Live-Auftritt mit der Band Einstürzende Neubauten. (Quelle: dpa)
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Interview | Blixa Bargeld über das neue Neubauten-Album - "Als erstes habe ich Helium ins Studio bestellt"

Zwölf Jahre haben die Einstürzenden Neubauten nichts mehr einstürzen lassen. Nun erscheint im vierzigsten Jahr ihres Bestehens das Album "Alles in Allem". Blixa Bargeld spricht im Skype-Gespräch über Ökonomie, über Berlin - und neue Rhytmusgeräte. 

Sie waren die Bilderstürmer der Rockmusik: Mit Schrottteilen, Presslufthammern und auf Mülltonnen machte die Westberliner Band "Einstürzende Neubauten" Anfang der 80er Jahre Musik. Krach und Avantgarde trafen bei der Band um Sänger Blixa Bargeld zusammen. Die Neubauten ließen Punkbands wie brave Schülercombos aussehen. Nach langer Pause haben sie nun ein neues Album vorgelegt, aber die artgerechte Präsentation dieser Arbeit der Band muss erstmal warten, wie Blixa Bargeld im Interview sagt.

rbb|24: Die Neubauten gibt es seit vierzig Jahren. Seit zwanzig Jahren in der Fünfer-Besetzung mit Alexander Hacke, NU Unruh, Rudolf Moser, Jochen Arbeit und Blixa Bargeld. Die Gründungsband oder die heutige Formation - welche sind die originalen Neubauten?

Blixa Bargeld: Das jetzt ist die beste Formation. Und auch die stabilste und glücklichste. Es ist auch die einzige, die wirklich abliefert. Vorher war alles immer sehr offen und unbestimmt. Man wusste nie, wo man ein Album aufnehmen würde oder wann. Keiner wollte Geld in diese Band investieren, von Studio bis Equipment war immer alles nur gemietet. Das war früher sehr unökonomisch und chaotisch.

Jochen Arbeit (l-r), Rudolf Moser, Blixa Bargeld, N. U. Unruh und Alexander Hacke von der Band Einstürzende Neubauten, Ausgabe 28.04.2020. (Quelle: dpa)
Einstürzenden Neubauten - eine Band, die Webcast praktizierte, bevor es ein Wort dafür gab. Bild: dpa

Seit zwölf Jahren gab es kein Album. Warum jetzt?

Ich bin Januar 2019 aus Hongkong zurück nach Berlin gekommen und lag im Jetlag sozusagen. Und da wurde mir nachts beim Grübeln klar: Ich muss noch ein Neubauten-Album machen. Jedes Mal habe ich das immer vor mir hergeschoben und abgewehrt, weil ich nicht den Drang verspürt habe. Ich kann ein Album nur machen, wenn ich fühle, dass ich es machen muss. Das Konzept war aber: Wir gehen ins Studio, hundert Tage im Zeitraum eines Jahres, und wir schauen, was dabei rauskommt.

Kein Neubauten-Album hat auch nur annähernd so viel Berlin-Bezüge wie dieses. In "Am Landwehrkanal" sitzt Du an der Stelle, wo Rosa Luxemburg umgebracht wurde.

Am Anfang dieser Arbeit hat mich Alex Hacke gefragt, ob es etwas gäbe, irgendein ein Konzept oder eine Idee, an dem man sich entlang hangeln könnte. Ich habe zu ihm gesagt: Vielleicht hat es etwas mit Berlin zu tun! Warum ich das gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Es gab ein Stück namens "Welcome zu Berlin". Das war auch eine ganze Zeit lang immer der Kandidat für den Albumtitel. Aber letztendlich ist genau dieses Stück nicht auf der Platte gelandet. Es gibt sicher eine Anhäufung von Referenzen, aber ohne Absicht. Das Album heißt ja auch nicht "Berlin". Die einzige wirkliche Referenz an Berlin ist "Grazer Damm", das ist tatsächlich für mich autobiografisch. Meine Schwester lebt immer noch da, ich habe die ersten 17 Jahre meines Lebens dort verbracht.

Archivbild: Rosa-Luxemburg-Denkmal am Landwehrkanal in Berlin Tiergarten. (Quelle: dpa)

Es ist ein romantisches melancholisches Album, ohne sentimental zu sein. Die Neubauten müssen sich nicht mehr durch wildes Töpfeschlagen beweisen.

Ich bin mit jedem Album von uns glücklich, aber mit diesem besonders. Es ist stimmiger und besser als irgendein Album, das wir früher gemacht haben, ist auch viel unaufgeregter. Früher hatte ich immer den Drang, da und da muss noch etwas passieren, sonst wird das langweilig. Jeden freien Platz eigentlich zugemöbelt. Und das ist jetzt nicht mehr so. Wir lassen den Platz zu.

Der Weg der Neubauten, nicht nur musikalisch, war immer eigen.

Bis hin zur ganzen Produktionsweise und den ganzen Supporters. Als wir 2002 angefangen haben mit Crowdfunding, da gab es den Begriff noch gar nicht. Das hat meine Frau [die Mathematikerin Erin Zhu - Anm. d. Red.] quasi erfunden, sie hat den Code dafür geschrieben und hat die ganze Plattform für uns gebaut. Es gab damals keine Worte für viele dieser Dinge, wie Webcast. Wir haben die Kameras aus unserem Studio gestreamt für unsere Follower. Aber dafür haben wir Kabel über den Hinterhof gehängt rüber ins Internetcafe, denn unser Studio im Wedding hatte keinen Internet-Empfang.

Das Hauptgebäude des Flughafens Berlin Tempelhof. (Quelle: dpa)

Der Song "Tempelhof" führt uns an einen legendären Berliner Ort, das Flughafengebäude.

Eigentlich heißt das Stück aber Pantheon. Es geht darin um eine Kuppel, der Flughafen Tempelhof hat gar keine Kuppel. Der Song begann im Halbtraum mit Wortfragmenten: "da, wo die Nacht am flachsten und voller Türen ist". Dann wurde der Titel Pantheon zu Tempelhof. Wobei die Betonung auf Tempel-Hof liegt, der Bezirk ist ja eine Gründung des Templerordens. Das Pantheon in Rom hat eine Vorhalle, mit einem bunten Marmorboden. Genauso wie der Flughafen Tempelhof, da verschränken sich die beiden Gebäude. Aber es geht nicht wirklich um den Flughafen Tempelhof, es geht um einen Zustand der Liminalität, eines Schwellenzustandes. Wobei wir in der Band natürlich alle eine persönliche Verbindung mit Tempelhof haben. Die Band Die Haut [in ihr spielten Jochen Arbeit und Rudolf Moser - Anm. d. Red.] hatte mal ein Übungsraum im Flughafen Tempelhof, drei Stockwerke unter der Erde. Es ist ein musikalischer Ort und ein magischer Ort.

Im Song Taschen benutzt Ihr Plastiktüten als Rhythmusgeräte. Das sind diese Tüten in rot und blau, das, was der Berliner Volksmund "Migrantenkoffer" nennt.

Für jede Albumproduktion haben wir immer wir versucht, einen Schrottplatz zu finden. Aber heute lässt dich niemand mehr auf einen Schrottplatz, das ist versicherungstechnisch nicht mehr möglich. Ich habe also lange rumtelefoniert, an der polnischen Grenze in Brandenburg haben wir einen Schrottplatz gefunden. Dann sind wir da hingefahren und haben gefragt, ob sie Edelstahl haben. Ja, aber sie verkaufen nicht. Das war sehr ärgerlich, weil es immer darum geht, irgendwie Gegenstände zu finden, die eine Geschichte haben, die man irgendwie so überlisten kann, dass sie etwas von sich preisgeben.

Dann fielen mir die Taschen wieder ein, mit denen wollte ich schon lange arbeiten. Die springen dich aber nicht an als Musikinstrumente. Da muss man schon eine Strategie entwickeln, wie man mit diesem Material umgehen soll. Als erstes habe ich Helium ins Studio bestellt und wollte zum Fliegen bringen, das hat aber nicht funktioniert. Dann wollte ich sie mit Styropor füllen. Aber dann gab es gleich diese Nachhaltigkeitsdiskussion in der Band, ob wir denn überhaupt noch mit Verpackungsmaterialien arbeiten sollten. Wir haben uns dagegen entschieden und haben die Taschen stattdessen mit Lumpen gefüllt, und innendrin sind die Mikrofone rein. Lumpen in den Taschen, das ist schon irgendwie treffend.

Du bist um die Welt gereist, hast lange im Ausland gelebt. Aber ein Berliner bleibt dann doch in Berlin.

Ich war lange in San Francisco, dann in Peking und bin ja erst 2010 wieder hier bodenständig geworden. Und jetzt mit einer schulpflichtigen Tochter bin ich auch stärker an einen Ort gebunden. Aber was heißt, wieder in Berlin zu sein? - Ich bin 1959 geboren, West-Berliner. Ich lebe jetzt aber im Scheunenviertel, mitten im gentrifizierten Zentrum. Ich bin hier in einer der innerstädtisch teuersten Wohngegend Berlins, mit der ich keinerlei Erinnerungen verknüpfe. Wenn ich durch den Tiergartentunnel fahre, dann komme ich sofort in ein Territorium, wo ich endlose Geschichten erzählen kann über meinen Zahnarzt, meine erste Freundin, meine Grundschule. Mit der anderen Seite des Tiergartens verbindet mich nichts. In meiner Erinnerung, als ich wegging, sah es noch so aus, als wäre der Zweite Weltkrieg vorige Woche zu Ende gegangen.

Bleibt Berlin trotz Gentrifizierung die beste Stadt der Welt?

Naja, schauen wir mal, wie alles aussieht, wenn wir mit der Corona-Krise durch sind. Das ist jetzt schon unser Zweiter Weltkrieg hier. Das wird hinterher nicht mehr so sein wie vorher.

Das Virus hat auch alle Eure Pläne zum neuen Album umgeworfen.

Wir hatten zwei spezielle Konzerte für den April geplant in Potsdam und in Berlin auf dem Gendarmenmarkt. Dann sollte es eine Bustour geben mit mir durch das Berlin der Einstürzenden Neubauten. Wir hatten den Meister Saal im Hansa-Studio gemietet, um eine Listening Session durchzuführen, und es war eine Party geplant. Für diesen ganzen Zeitplan hatten sich bereits 500 unserer Supporter aus dem Crowdfunding in Berlin Flüge und Hotels gebucht. Das sollte die Krönung werden. Das ist bitterer als die Tournee, die uns unter den Füßen weggezogen wurde. Weil wir diese Festivitäten nicht nächstes Jahr wiederholen können.

Wir versuchen so viel wie möglich zu machen in unserer Isolation. Jochen macht Wohnzimmerkonzerte. Alex hat eine Bass-Schule. Wir haben auch zweimal versucht, die Listening Session nachzuholen. Aber erst ist der Server zusammengebrochen, weil sich 300 Leute gleichzeitig angemeldet haben. Dann haben wir es als Zoom-Konferenz gemacht. Das hat dann geklappt und wir waren alle glücklich damit, die Band und unsere Supporter.

Blixa Bargeld, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Johannes Paetzold, Radioeins.

Sendung: Radioeins, 15.5.2020, 21 Uhr

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Beitrag von Johannes Paetzold

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