Audio: rbb 88.8 | 03.05.2020 | Frauke Gust | Bild: rbb/Arnim Thomaß

Polizeiruf 110: "Heilig sollt ihr sein" - "Es sprengt die Grenzen des 'Polizeirufs' und ist trotzdem einer"

Eine ungewollte Schwangerschaft, Glaube, Fanatismus und ein schockierender Einsatz für das Ermittlerduo Lenski und Raczek - der neue "Polizeiruf" aus Brandenburg ist harte Kost, aber unbedingt faszinierend, sagen die Hauptdarsteller Maria Simon und Lucas Gregorowicz. 

Im "Polizeiruf 110 - Heilig sollt ihr sein" am Sonntag beschäftigen sich Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und ihr Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) mit dem mysteriösen Fall einer 16-Jährigen, die ungewollt schwanger wird. Ein junger Mann, der glaubt, er habe heilende Kräfte, will helfen. Zudem hat Kommissar Adam Raczek private Probleme: Seine Mutter, die sich fünf Jahre lang nicht bei ihm gemeldet hat, steht plötzlich vor der Tür. Olga Lenski erkennt ihren Kollegen kaum wieder.

rbb: Dieser "Polizeiruf" ist ein ziemlicher Schocker – was haben Sie gedacht, als Sie die Story zum ersten Mal gelesen haben?

Maria Simon: Ich war völlig baff und fasziniert. Ich fand es unglaublich gut geschrieben, sehr eindringlich und irre Themen, die mich total bewegt haben – Glaubensfragen, und dass viele Dinge keine Antwort haben. Vieles können wir nicht greifen mit unserem Verstand. Das finde ich auch für mich persönlich ganz wichtig, weil ich mich seit Längerem mit der geistigen Welt beschäftige. Mit der Welt, die wir nicht sehen und nicht begreifen können – und die doch da ist.

Lucas Gregorowicz: Ich dachte: endlich ein super Drehbuch, sehr komplex und sehr gut. Es sprengt ein bisschen die Grenzen des Polizeirufs und ist trotzdem einer. Das finde ich eine gute Richtung. Ich mag die Geschichte sehr, ich finde sie relevant und wichtig und hoffentlich gut erzählt.

Für wie realistisch halten Sie diesen religiösen Fanatismus, um den es im Polizeiruf geht, in der polnischen Gesellschaft?

Gregorowicz: In erster Linie ist es eine fiktive Geschichte. Aber ich glaube, der Boden dafür ist schon da in der Realität. In einem Land, wo der Katholizismus eine ganz andere Basis hat als bei uns, ist so eine Geschichte schon sehr, sehr nah am Möglichen, auch daran, wie das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Was war bei diesem "Polizeiruf" die größte Herausforderung für Kommissar Adam Raczek?

Gregorowicz: Die Szenen mit seiner Mutter, weil das 'Springen' zwischen Deutsch und Polnisch immer ein Erlebnis ist – und weil die Kollegin Malgorzata Zajaczkowska, die meine Mutter spielt, eine fantastische Schauspielerin ist. Diese Szenen zu spielen, ist zum einen eine große Herausforderung und zum anderen eine große Freude.

Olga Lenski hat eine gewisse Coolness. Sie ist immer ruhig angesichts des Irrsinns in der Welt, und davon gibt's jede Menge zu sehen in diesem "Polizeiruf". Hilft das der realen Maria Simon auch? Können Sie sagen, jetzt geh ich hier mal ein bisschen Olga-Lenski mäßig durch?

Simon: Na ja, ich strebe auch nach einer gewissen Form von Bodenhaftung und Neutralität. Die Dinge so auf mich zukommen zu lassen, wie sie sind. Mich nicht zu verschließen oder sie zu bewerten, sondern zu erforschen.

Adam Raczek lebt jetzt allein in einer ziemlich unrenovierten Wohnung ohne Tapeten, ohne Tisch und Stühle. Wie ist das bei Ihnen privat, wenn Sie umziehen? Könnten Sie sich auch auf so ein Provisorium einlassen?

Gregorowicz: Ich kenne den Zustand ganz gut. Ich finde es zwischendurch mal ganz befreiend, im Provisorium zu leben und auch Gegenstände loszuwerden, Sachen wegzuwerfen und zu reduzieren. Das finde ich gerade jetzt sehr befreiend.

Helfen die starken Nerven, die Sie als Schauspieler in Ihrer Rolle als Kommissar Adam Raczek performen auch ein bisschen im echten Leben – vor allem in so einer Ausnahmezeit wie mit Corona – , starke Nerven zu bewahren?

Gregorowicz: Das ist eine gute Frage. Ich weiß nicht, ob das starke Nerven sind, aber wir Schauspieler sind es auf jeden Fall gewohnt, nicht zu wissen, was als nächstes kommt, in Bewegung zu sein und keine Routine zu haben. Starke Nerven, die brauchen wir jetzt alle, um auszuhalten, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.

Was wäre Ihr Tipp für uns, gut durch die Coronazeit zu kommen?

Simon: Vielleicht ist es gar kein falscher Zeitpunkt, wie sich diese Situation so platziert hat, und dass man mal rauskommt aus dem Rad. Und ich finde es wirklich notwendig, nach innen zu schauen und zu sortieren und auch zu sehen: Was für eine Welt stelle ich mir eigentlich vor? Und was ist mein Beitrag dazu? Für mich ist Innenschau wichtig, und die ist nicht immer schmerzfrei. Da kommen schon Dinge hoch, Denkmuster, Verhaltensmuster, die man nicht so gerne haben will. Deswegen braucht Innenschau auch Zeit.

Und was ist die beste Ablenkung?

Gregorowicz: Auf jeden Fall aus dem Kopf raus, sich irgendwie bewegen, soweit das geht, nicht zu viel nachzudenken. Wenn die Gedanken düster und schwer werden, sind vielleicht ein paar Kniebeugen ganz gut. Aber wenn die Knie das nicht mitmachen, dann vielleicht ein paar Hampelmänner. Ich versuche, am Tag hundert Hampelmänner hinzukriegen. Das reicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Frauke Gust, rbb88,8.

Sendung: Das Erste, 03.05.2020, 20:15 Uhr

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ist doch bei Filmen immer so; sollte man nicht zu ernst nehmen. Es war ja nun keine Reportage. Zum Film selbst: Obwohl ich dieses Ermittlerteam sehr mag; gerade die deutsch-polnischen Beziehungen, hat mir dieser Film nicht gefallen. Da muss ich 1. zustimmen. Der Plot mit dem religiösen Fanatiker hat doch vollkommen ausgereicht. Da dann zum Schluss noch eine Geiselnahme mit ranzuhängen fand ich echt schlecht. Trotzdem würde ich das Duo gerne öfter sehen. Ich habe noch einen Vorschlag an den rbb: Ich vermisse aktuelles von dem von mir geliebten Michael Kessler sehr. Wie wäre es, einen deutschen "Dexter" in Serie zu bringen? ;))))

  2. 3.

    Erstaunlich wie schnell der Kommissar von Frankfurt/oder zum Urban-krankenhaus und wieder zurück war!!?

  3. 2.

    Schlimm, solche Fanatiker. Im Namen der Religion. Den Teufel austreiben. Wie im Mittelalter.
    Passt in diese Hysterie der Virenfanatiker.
    Do widzenia!

  4. 1.

    Was für ein Unsinn. Tatort und Polizeiruf werden durch dämliche Drehbücher immer mehr ruiniert. Gute Darsteller, aber schwachsinnige Handlungen.

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