Verhüllungskünstler Christo (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Verhüllter Reichstag 1995 - Aktionskünstler Christo ist tot

Wer sich heute den Reichstag vorstellt und damals dabeigewesen ist, der bekommt die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Dick eingepackt in hellen Tüchern stand er da, wochenlang bestaunten ihn Gäste aus der ganzen Welt. Nun ist der Schöpfer dieser Idee gestorben.

Der Aktionskünstler Christo ist gestorben. Das teilte das Büro von ihm und seiner Frau und Partnerin Jeanne-Claude am Sonntagabend auf seiner Homepage mit [christojeanneclaude.net]. Demzufolge starb der als Christo Vladimirov Javacheff in Bulgarien geborene Künstler am Sonntag im Alter von 84 Jahren in seinem Haus in New York City eines natürlichen Todes. Er besaß die bulgarische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Christo und seine Frau Jeanne-Claude wurden mit Installationen auf der ganzen Welt berühmt - auch in Berlin. Wer glaubte, dass Christo in seinem silbern verpackten Berliner Reichstag oder seinen leuchtend gelben, schwimmenden Stegen auf einem See in Italien irgendeine tiefere Bedeutung sah, der irrte.

"Es ist total irrational und sinnlos", sagte der Verpackungskünstler 2014 über seine Arbeiten. Doch die Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften faszinierte Millionen. Zu Deutschland hatte Christo eine besondere Beziehung, weil er 1961 seine erste Einzelausstellung überhaupt in Köln hatte - schon damals verhüllte er gerne Alltagsgegenstände und machte sie so zu Kunstobjekten.

Bild: imago
Vor fast genau 25 Jahren: Der Reichstag, wie man ihn nie erlebte. | Bild: imago

Letztes Projekt: Verhüllung des Arc de Triomphe

Seit 1971 arbeitete er mit seiner französischen Ehefrau (1935 - 2009) an dem Projekt in West-Berlin. Doch es dauerte bis 1995, nach einer emotional geführten Debatte im Bundestag, bis die Künstler die Erlaubnis bekamen. Zwischen dem 24. Juni und dem 7. Juli 1995 konnten Besucher die Fassade des heutigen deutschen Parlaments nur erahnen - das ganze Haus war in helle, aluminiumbedampfte Tücher gekleidet.

Etwas mehr als fünf Millionen Menschen sahen sich dieses Spektakel damals an. Durch das Zusammentreffen der vielen Menschen auf den Wiesen vor und neben dem Haus wurde das tote Objekt zu einem lebendigen Happening. "All diese Projekte haben eine starke Dimension des Fehlens, der Zurückhaltung", sagte Christo zur Reichstagsverhüllung. "Sie werden verschwinden, wie unsere Kindheit, unser Leben." Erst das mache die Erfahrung so intensiv.

Zu den berühmtesten seiner anderen weltweit realisierten Projekte zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park ("The Gates"), die schwimmenden, mit Nylongewebe bezogenen Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei ("Floating Piers") sowie die verpackte Brücke Pont Neuf in Paris.

Christo war bis zum letzten Tag seines Lebens umtriebig und voller Fantasie: Er und sein Büro planten mehrere Großprojekte, zum Beispiel "The Mastaba". In einer Wüste im Emirat Abu Dhabi soll eine Skulptur aus 410.000 liegend gestapelten Ölfässern entstehen.

Seinen lange gehegten Traum aber konnte sich Christo nicht mehr erfüllen: Die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris. Schon 1962 fertigte er mehrere Fotomontagen des Denkmals an. Dieses Jahr im Herbst sollte es endlich soweit sein, doch Corona vereitelte das Projekt.

In dem Tweet mit Christos Todesnachricht aber heißt es, es habe immer festgestanden, dass die Kunst von ihm und Jeanne-Claude auch nach ihrer beider Tod fortgesetzt werden solle. Das nächste Projekt, die Verhüllung des Arc de Triomphe im Herbst 2021, werde deshalb wie geplant weiter vorangetrieben. Der Triumphbogen wird in 25.000 Quadratmeter recyclebaren silberblauen Stoff gehüllt, gehalten von roten Seilen.

8 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 7.

    Wunderbar ehrliche Worte. Besser kann man es nicht beschreiben. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.

  2. 6.

    Das war eine unvergessliche, absolut magische Zeit, die ich nie im Leben vergessen werde. Dieses Deutschland, dieses Berlin, dieser düstere Kasten Reichstag, für Jahrzehnte genau an der Mauer, der Schnittkante der westlichen Welt, alles mit schwerer, dunkler Geschichte beladen, fing plötzlich an zu schweben, wurde leicht und heiter. Die vielen Menschen, die täglich kamen und schauten und blieben, oft rund um die Uhr, waren heiter und offen und freundlich, den Mitmenschen und vielen Besuchern zugewandt, gastfreundlich und hilfsbereit. Es war ein Traum, ein einmaliges, unwiederholbares und unvergessliches Erlebnis. Danach war der Reichstag ein anderes Gebäude als zuvor und wurde dann auch folgerichtig umgebaut zu dem hellen, freundlichen, demokratischen, transparenten Gebäude mit der wunderbaren gläsernen Kuppel, wie wir es heute kennen
    Danke, Jeanne-Claude und Christo, für die Verhüllungen, die ja immer auch Enthüllungen waren. Sie haben der Welt viele große, magische Momente geschenkt

  3. 5.

    Liebe Heike. Auch ich bin immernoch sehr angetan und fasziniert von diesen großartigen Künstler. Bin damals fast täglich nach der Nachtschicht zum Reichstag gefahren mit dem Fahrrad, um den weiteren Verlauf beim Verhüllen beizuwohnen. Habe viele Photos geschossen und noch immer hängen die besten davon in meinem Wohnzimmer. RIP lieber Christo. Nun kannst Du ja mit Deiner Frau zusammen die Wolken einpacken.

  4. 4.

    Er hat wirklich Großes vollbracht und Kunst auch Menschen näher gebracht, die damit sonst kaum etwas am Hut haben. Der Name Christo sagt wirklich fast jedem etwas. Solch eine Wirkung haben nicht viele Künstler.

  5. 3.

    Liebe Alt-West-Berlinerin, was war das für eine wunderbare Zeit, als der Reichstag verpackt wurde. Auch wir haben dort gestanden, gesessen Bier getrunken und die Stimmung einfach nur genossen. Ich werde diese Momente nie vergessen.
    Danke Christo und Jeanne- Claude für diese Bereicherung.

  6. 2.

    Danke für dieses tolle Projekt. War damals total fasziniert, als ich davor gestanden hatte. Das war Kunst, mit der ich etwas anfangen konnte. Berlin wird Christo und Jean-Claude nicht vergessen. Vielleicht verpacken sie oben jetzt ein paar Wolken. Merci.

  7. 1.

    Ich bekam Anfang dieser Woche ein Tshirt mit verhülltem Reichstag geschenkt, ein Erbstück. Da sagte ich, das könne ich kaum tragen, es sei historisch... da unten auf dem "Foto" hätte ich auch gestanden... ich ahnte nicht, dass Christo nun auch tot ist....

    Tschö Christo, Grüßle Jeanne-Claude, ihr wart visionäre Künstler, habt uns bereichert. Ruht Euch nun gemeinsam aus, Ihr habt so viel geschafft!

Das könnte Sie auch interessieren