Sebastian Szary und Gernot Bronsert von Modeselektor im Jahr 2014 (Quelle: imago images/Jakob Hoff).
Audio: Radioeins | 09.05.2020 | Bild: imago images/Jakob Hoff

Konzert-Stream-Kritik | Modeselektor - Who Else? - Rückkehr mit Electrobeats zwischen Abluftrohren

Modeselektor gaben ihr erstes Konzert des Jahres auf Radioeins. On Air und Online mit dem nötigen Abstand und einem Set, das im Wohnzimmer, aber auch Garten funktioniert. Von Laurina Schräder

Gernot Bronsert und Sebastian Szary stehen zwischen Synthesizern, Mikros und Boxen in ihrem Produktionsstudio in Mitte. Die Farbe des Lichts wechselt von Grün zu Rot zu Blau. Die elektronischen Sounds rattern wie eine alte Filmrolle. Als wäre man für einen Moment in einem Schwarz-Weiß-Film gelandet.

Geredet wird nicht. Nur zu Beginn des Sets kündigt Modelselektor an: "Es ist übrigens unser erstes Konzert - 2020." Geplant war an diesem Samstag eigentlich ein Auftritt auf dem Pitchfork Music Festival. Weshalb das nicht stattfindet, braucht an dieser Stelle nicht mehr erklärt werden. Auch nicht wie viele Musiker sich per Stream in unsere Wohnungen und auf unsere Laptops und Smartphones beamen und versuchen, den Club- oder Konzertbesuch auf eine kreative Weise zu ersetzen. So schalten sie sich auch bei Radioeins seit Schließung der Clubs immer wieder ins Programm und präsentieren Sets und Konzerte, die es so nie gegeben hätte.

Transformation von Moderat zurück zu Modeselektor

Über mehrere Bildschirme flackern während des 55-minütigen Sets von Modeselektor Flaggen aller möglichen Länder auf, abstrakte Pixelgrafiken oder die Schlagworte einzelner Lyrics. Modeselektor - Who Else.

Nach acht Jahren Pause haben Modeselektor ihr neues Album im letzten Jahr veröffentlich. Acht Tracks, 35 Minuten. Es ist kurz, aber intensiv. Wie ihr virtueller Gig am Samstag. Dass es so lang gedauert hat, um ein neues Album rauszubringen, hat nichts damit zu tun, dass die beiden vielleicht eine Pause von der Musik gebraucht hätten. Szary und Bronsert hatten sich zeitweise mit Sascha Ring alias Apparat zusammen getan und wurden zu Moderat. Dass ihr Projekt zu dritt damals so einschlagen würde, hatten sie so nicht vorhergesehen, und die Pause von Modeselektor verlängerte sich.

Schließlich kam die Zeit, sie zu beenden, und sich wieder auf das Musikmachen als Modeselektor zu konzentrieren. Doch der Übergang von Moderat zurück zu Modeselektor ließ sich nicht ganz einfach umsetzen. Ein Vakuum musste gefüllt werden, erklärten Szary und Bronsert in Interviews. Zuerst waren sie nur unterwegs, haben aufgelegt, sich umgesehen, sich als Duo wiedergefunden - und sich schließlich zwei Jahre Zeit genommen, um das neue Album zu produzieren.

Mit dem Gesang der Nachtigall entsteht ein neuer Sound

"Who Else" ist nicht nur klassischer Techno Sound. Auch wenn ein erster Blick auf das Album Cover die Befürchtung nach oben schnellen ließ, es könnte sich um ein schlichtes Revival aus den 90ern handeln. Doch zu hören sind Einflüsse von Rap, Grime - Modeselektor haben zusammen mit der Londoner MC Folio oder dem estländischen Rapper Tommy Cash zusammengearbeitet.

In ihrem Studio flackern an diesem Samstag im Strobo-Licht immer wieder Bilderrahmen auf. Auszeichnung von Alben. Schallplatten, oder kleine Männchen, die aussehen wie Playmobil-Figuren. Das Studio - kein überwältigender Raum, in dem zwei große Fenster mit einfachen weißen Jalousien den Raum offenbar abdunkeln, und die weiße Decke auf unterschiedliche Stufen abgehängt ist, um den Schall abzufangen. Es fallen die Abluftrohre auf, die mit Silberfolie isoliert sind. Je länger man Modeselektor aber auf dem Bildschirm folgt, desto mehr Details entdeckt man, die auf keinem Konzert, in keinem Club zu sehen gewesen wären. Man kann den Verläufen der Kabel folgen und beobachten wie das Duo arbeitet, wie sie zwischen Synthies und Reglern hin und her wechseln.

Wen das Bild nicht interessiert, kann die Augen schließen - aufdrehen und sich in der Musik verlieren. Zu Hause in der Wohnung und sich in die Halle des Berghain denken, wo Modeselektor vergangenes Jahr das Album vorgestellt haben. Oder man steht wie gestern in der Sonne, draußen, vielleicht mit Kopfhörern im Park oder Garten, wo sich unter den Sound von Modeselektor der Gesang der Nachtigall mischt und zu einem neuen Track verschwimmt.

Nächste Woche geht's nach Toronto

Das Set von Modeselektor ist weiterhin online nachzuhören und nachzusehen auf radioeins.de - wie auch alle anderen Wohnzimmerkonzerte. Darunter Knorkator, William Fitzsimmons, Celeste, Isolation Berlin oder Dota. Kommende Woche Dienstag folgt das nächste Wohnzimmerkonzert: Die Elektroband Austra sendet live aus ihrem Wohnzimmer in Toronto.

Sendung: Radioeins, 09.05.2020, 15 Uhr

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