Der Dramatiker Rolf Hochhuth nimmt am 27.02.2017 an der Sitzung des Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses zu den Kudammbühnen in Berlin teil (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: rbbKultur | 14.05.2020 | Oliver Kranz | Bild: dpa/Britta Pedersen

Nachruf | Dramatiker Rolf Hochhuth - Ein Leben voller Kampfgeist und Gerechtigkeitssinn

Dass Theater nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern politische Prozesse beeinflussen kann, hat Rolf Hochhuth mit seinen Stücken eindrucksvoll bewiesen. Jetzt ist der Dramatiker im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Oliver Kranz

Durfte der Papst während des Zweiten Weltkriegs zur Vernichtung der europäischen Juden schweigen? Für Rolf Hochhuth war die Antwort klar. Mit 28 schrieb er das Stück "Der Stellvertreter", das ihn nach der Uraufführung 1963 auf einen Schlag berühmt machte.

"Natürlich hat man sich schon manchmal gefragt: Wie konnte der, der im Ernst glaubt, er sei Stellvertreter Christi auf Erden, zu Auschwitz die Schnauze halten? Obwohl ja auch in Rom unter den Fenstern des Vatikan viele italienische Juden zur Tötung nach Auschwitz gebracht worden sind. Das ist eine unbegreifliche Frage ja noch heute", sagte Hochhuth einmal dazu.

Unglaubliches Gespür für brisante Zusammenhänge

Das Stück zitiert historische Dokumente und bindet sie in eine fiktive Handlung ein. Diesem Erfolgsrezept blieb Hochhuth auch bei seinen folgenden Stücken treu. Er hatte ein unglaubliches Gespür für brisante Zusammenhänge. 1978 löste er mit der Erzählung "Eine Liebe in Deutschland", die Filbinger-Affäre aus, in deren Folge der baden-württembergische Ministerpräsident zurücktreten musste.

"Er zeigte mich ja an, ich sollte ihm zahlen 250.000 D-Mark, ersatzweise Haft und eine Quittung lag dieser Klage bei. Ich sollte unterschreiben, dass ich diese Behauptung, er hätte noch in britischer Kriegsgefangenschaft deutsche Mitgefangene ermordet, nie wiederhole. Ich musste also kämpfen", erinnerte sich Hochhuth.

Kampfgeist und Gerechtigkeitssinn

Rolf Hochhuth hatte Kampfgeist und einen unbezwingbaren Gerechtigkeitssinn. Gern verfasste er offene Briefe. 1965 wurde er vom damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) als Pinscher bezeichnet. Doch das konnte ihm kaum schaden. Im Gegenteil. Er wurde noch berühmter.

Er kam 1931 im hessischen Eschwege zur Welt. Zum Ärger seines Vaters weigerte er sich das Abitur zu machen - mit einer einfachen Begründung: "Der Hauptmann, der Thomas Mann und der Hesse haben auch alle drei kein Abitur gemacht. [Anm. d. Red.: Gemeint sind die Literaturnobelpreisträger Gerhart, Thomas Mann und Hermann Hesse.] Und da ich bei weitem nicht so begabt bin wie die kann ich erst recht keine Zeit mit der Schule verplempern", so Hochhuth.

An Selbstbewusstsein hat es Rolf Hochhuth nie gefehlt. Nach einer Buchhändlerlehre in Kassel erhielt er eine Stelle als Lektor beim Siegbert-Mohn-Verlag. "Siegbert Mohn war ein Bruder von Reinhard Mohn. Dann kam ich in den Lesering und fand einen Wohltäter in einem Mann namens Leonhardt, der mir überhaupt das größte Glück zuteilwerden ließ. Ich sagte, ich würde gern schreiben. Das kann ich aber nicht, wenn ich morgens früh Manuskripte anderer Leute lese. Könnte es so geregelt werden, dass ich erst um 13 Uhr komme, statt morgens um neun. Da sagte er: 'Selbstverständlich'."

Rolf Hochhuths erstes Stück war "Der Stellvertreter". Die Uraufführung in Berlin verlief noch ruhig, doch schon bei der zweiten Inszenierung, die in Basel herauskam, setzten die Proteste ein. "Es musste immer bei Licht gespielt werden. Immer war Polizei auf der Bühne, um die Schauspieler körperlich zu schützen. Um die 100 waren im Theater und 60 vor dem Haus! Und ähnlich war es auch in Paris", erinnerte sich Hochhuth.

Peymann gegen Hochhuth

Gegen Hochhuth wurde protestiert, doch widerlegt wurde er nicht. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung begann sein Ruhm zu verblassen. Er griff zwar immer noch brisante Themen auf, doch sein Schreibstil wurde kritisiert. Bei der Uraufführung des Stücks "Wessis in Weimar" am Berliner Ensemble kam es 1993 zum Eklat. Rolf Hochhuth versuchte, die Aufführung zu verbieten. Ohne Erfolg. "Das Stück fängt an wie eine Horde Halbwilder in deutschen Militärmänteln irgendwie auf der Bühne rum macht. Das hatte alles gar nichts mit meinem Stück zu tun. Das kommt dort gar nicht vor", so Hochhuth.

Damals beschloss Rolf Hochhuth, sich für die Aufführung seiner Stücke ein eigenes Theater zu verschaffen. Er sprach die Erben der Familie Wertheim an, der bis zur Enteignung durch die Nazis das Gebäude des Berliner Ensembles gehört hatte. Von ihnen konnte er das Haus billig erwerben. Seine Stücke wurden dort aber trotzdem nur äußerst selten gespielt. Der Intendant Claus Peymann weigerte sich einfach – ein Affront, den Rolf Hochhuth nur schwer verwunden hat. In Erinnerung bleibt er vor allem durch sein Stück "Der Stellvertreter", das nicht nur hierzulande, sondern auch international immer noch gespielt wird. Sein erstes Werk ist bis zu seinem Tod sein wichtigstes geblieben.

Sendung: rbbKultur, 14.05.2020, 11:00 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

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