Ausstellung „Swim City“ im DAZ (Quelle: DAZ/Leon Lenk)
DAZ/Leon Lenk
Audio: rbbKultur | 30.06.2020 | Anke Schaefer | Bild: DAZ/Leon Lenk

Ausstellung über Schweizer Flussbadkultur in Berlin - Mit dem Schwimmsack ins Büro

Was in Berlin seit Jahren diskutiert wird, gehört in der Schweiz zur Kultur: Flussbaden. Dabei geht es nicht nur ums Baden, sondern auch um Stadtentwicklung, wie eine Ausstellung im Deutschen Architektur-Zentrum zeigt. Von Anke Schaefer

Wer in einem Fluss baden will, braucht doppeltes Vertrauen: Vertrauen in die Wasserqualität und das Vertrauen darauf, dass man trotz Strömung heil wieder ans Ufer kommt. Die Schweizer haben es raus. Wie machen sie das? Das will der Direktor des schweizerischen Architekturmuseums, Andreas Ruby, in der Berliner Ausstellung "Swim City" zeigen. Im Mittelpunkt der Schau stehen Basel, Bern, Zürich und Genf, die mit ihren jeweiligen Fluss-Badekulturen vorgestellt werden.

Boje regelt den Verkehr

Ruby ist in Basel schon des Öfteren mit einem wasserdichten Schwimmsack ins Büro geschwommen, indem natürlich auch der Rechner Platz findet. "Das habe ich relativ häufig gemacht, und der Rechner hat es überlebt, und das Handy ist sowieso immer drin", erzählt Ruby weiter. Die Jugendlichen nutzen sogar Bluetooth-Speaker, um auf dem Fluss Musik zu hören.

Das ist in Basel besonders bemerkenswert, weil auf dem Rhein auch sehr große Schiffe fahren. "Diese großen Schiffe, die nach Rotterdam fahren, die fahren dort weiterhin. Und trotzdem kann man dort schwimmen. Das ist in Deutschland verboten. Ab dem Moment, wo es Schifffahrt gibt, kann man nicht mehr baden. In der Schweiz hat man das durch dieses Stück Infrastruktur gelöst". Andreas Ruby tätschelt in der Ausstellung eine große rote Boje. "Diese Boje zeigt eindeutig, links darf ich schwimmen, rechts darf ich nicht schwimmen. Und das funktioniert. Und es ist erstaunlich, dass das letztlich so einfach geht."

Auf deutscher Seite undenkbar

Derselbe Fluss, dasselbe Wasser. Was in Basel aber erlaubt ist, ist im nahen Weil am Rhein (Baden-Württemberg) undenkbar. Wie kommt es, dass die Schweizer so gern und so mutig im Fluss baden? "Es gibt in der Schweiz eine Kultur der Akzeptanz von Gefahr in der Erfahrung von Freiraum. Das hat vielleicht mit den Alpen zu tun. Alle Schweizer gehen gerne in den Alpen wandern und allen ist klar, dass es gefährlich ist", erklärt Andreas Runy. "Also versteht man, ich mache das auf eigene Gefahr, wenn ich den Berg besteigen will. Das ist eine tolle Erfahrung. Aber es ist auch nicht ganz ungefährlich. Ich muss mich darauf vorbereiten. Ich muss mich informieren."

. POOL IS COOL, Guerilla-Schwumm / Guerilla swim © Paul Steinbrück / POOL IS COOL POOL IS COOL, Guerilla-Schwumm / Guerilla swim © Paul Steinbrück

Verein will Flussbaden in Berlin etablieren

Und genau das Gleiche gilt für das Baden im Fluss. Dabei gehe es, sagt Andreas Ruby, aber um viel mehr als das Vergnügen. Es gehe darum, wie wir in Zukunft gut in unseren Städten leben können. Das ist eine Frage, die auch Charlotte Hopf umtreibt. Sie ist zweite Vorsitzende des Berliner Vereins Flussbad e. V., der das Schwimmen in der Spree möglich machen möchte. "Man hat früher Marktplätze gebaut, heute findet das im Internet statt. Aber nichtsdestotrotz brauchen wir auch heute Räume, wo die Gesellschaft zusammenkommen kann und gemeinsame Werte teilt. Und unser Vorschlag dafür ist halt das Flussbad", so Charlotte Hopf.

Problem in Berlin: Mischwasserkanalisation

Besonders in der Corona-Zeit hält sie das für wichtig. "Jetzt sieht man es sehr deutlich, dass es eben viele Menschen gibt, die nicht mal so ins Landhaus flüchten können und es sich dort schön machen können, sondern die vielleicht zu sechst in einer Zweizimmerwohnung wohnen und in dieser schwierigen Zeit irgendwie auch damit umgehen müssen."

Da könnte ein Bad in der Spree im heißen Sommer Abkühlung schaffen. Die Wasserqualität, sagt Charlotte Hopf, sei auch gar nicht schlecht. Das Problem sei in Berlin aber die Mischwasserkanalisation. "Wir leiten selber ungeklärte Abwässer ein, nämlich bei besonders starken Regenfällen. So wie es jetzt in den letzten Wochen sehr häufig der Fall war. Das ist also ein hausgemachtes Problem diese starken plötzlichen Verschmutzung und das ist das, womit wir zu kämpfen haben."

1.Berliner Flussbad Pokal (Quelle: Annette Hauschild/ Ostkreuz)1.Berliner Flussbad Pokal

Erster Schritt wird bereits umgesetzt

Seit 2012 gibt es den Verein Flussbad e V., dem mittlerweile etwa 500 Mitglieder angehören. So soll der Spreekanal-Abschnitt schwimmbar gemacht werden, der an der Museumsinsel vorbeiführt, auf dem keine Touristenboote schippern. Eine Filteranlage aus Kies und Pflanzen soll in diesem Bereich das Wasser besonders gut säubern. Ein erster Schritt wird schon umgesetzt: Eine große Freitreppe soll gebaut werden am Humboldt-Forum hin zur Spree. 2023 soll sie fertig sein. Und auf längere Sicht könnte man beispielsweise nach dem Besuch im Humboldt-Forum schwimmen gehen, meint Hopf.

Auch in der Seine in Paris soll Schwimmen bald möglich sein. 2024, wenn hier die Olympischen Spiele stattfinden sollen. "Hier sehen wir, was der strategische Sinn des Flussschwimmen ist. Es geht hier nicht einfach nur um Baden, das kann ich auch in der Ostsee oder im Schwimmbad. Hier geht es darum, einen Raum, der bisher für die Infrastruktur kolonialisiert wurde, in die Stadt zurück zu holen, zu sagen, der ist nutzbar für uns alle. Der darf auch nicht mehr überbaut werden", so Andreas Ruby.

Sendung: rbbKultur, 30.06.2020, 17:10 Uhr

Beitrag von Anke Schaefer

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11 Kommentare

  1. 11.

    Welche Art von Flüsse vergleichen Sie hier mit einem innerstädtischen, mit (14 auf 1,9 km) Mischkanalisationsüberläufen versehenen Kanal? Ihr Satz verbreitet wieder Hoffnung, bitte aber auf was? Wie wollen Sie das Problem lösen?

  2. 10.

    Wenn es so hübsch heißt:...Aber nichtsdestotrotz brauchen wir auch heute Räume, wo die Gesellschaft zusammenkommen kann und gemeinsame Werte teilt.", dann wäre es m.E. hilfreich gewesen, diese "gemeinsamen Werte" ein wenig konkreter zu benennen: Die "gemeinsamen Werte" jedenfalls, die, insbesondere an lauen Sommerabenden, in den Berliner Parks geteilt werden, brauche ich nicht auch noch an der Museumsinsel.
    Ein Bad an dieser Stelle ist gleichermaßen albern wie überflüssig.

    Abschließend: Ein Flussbad zum Indikator der Fortschrittlichkeit einer (Stadt-)Gesellschaft zu erklären, ist schlicht abwegig.

  3. 9.

    In den Spreekanal fließen ca. 30 - 50mal/Jahr kloakehaltige Abflüsse und Regenabschwemmungen ungeklärt hinein. Der Verein Flussbad e.V. verschweigt den Politikern, der Bevölkerung, was an pathogenen Stoffen im Wasser tatsächlich enthalten ist. Der Kanal ist kein Badegewässer, das nach EU-Badegewässerrichtlinie von 2006 beurteilt werden darf. Nährstoffmengen bewirken jährlich das Wachstum von Blaualgen/Cyanobakterien, die bis heute die geplanten Filter verstopfen. Wegen der Cyanobakterien werden reihenweise Bäder geschlossen, weil sie sehr gefährliche Toxine produzieren. Das Problem träfe für die halbe Badesaison in diesem Kanal zu. Nach Millionen verschlingender Machbarkeitsstudie liegt bisher kein funktionierender Entwurf für die Filteranlage vor, zumal mehrfach im Jahr das Wasser im Kanal steht oder sogar durch Wehrregulierung wegen Wassermangel rückwärts läuft. Ein Vergleich mit anderen Flussbädern lässt sich schon aus diesem Grunde nicht ziehen. Eine nicht realisierbare Vision.

  4. 8.

    Es gibt inzwischen eine Reihe von Kritikern, die das green washing Flussbad-Project gründlich hinterfragen. 22 Jahre nach Projektbeginn kann weder ein schlüssiges technisches Konzept vorgelegt, noch ein Eröffnungstermin benannt werden. Es ist unsinnig und unlogisch, Abwasser erst in ein Gewässer einzuleiten, um es dann mit einem orbitanten Aufwand (noch dazu mit einem ungeeigneten Verfahren) wieder herauszufiltern zu wollen. Die Kosten explodieren von Jahr zu Jahr und dürften nach 54 Mio. 2016 nun bei 150-200 Mio. Euro liegen. Sämtliche Denkmalschützer der Stadt, also die Oberste Denkmalschutzbehörde, der Landeskonservator und der Denkmalrat sind gegen das Projekt und versuchen, Schaden vom Weltkulturerbe abzuwenden. Die von den Initiatoren vorgelegten Unterlagen sind trotz 5 Mio. Euro Förderung völlig unzureichend und werden z.T. auch noch geheim gehalten.

  5. 7.

    Was Frau Hopf und die Ausstellung verschweigt: die Kosten, die man sich im Verein so für ihre 190 m schwimmen im Kanal vorstellt. Der Spreekanal soll unter Jungfernbrücke bis Wehr tief ausgeschachtet werden, darauf wird reichlich Beton gekippt, klar man brüstet sich ja auch mit einem Betonpreis, darauf soll ihre nicht funktionierende Schilfkläranlage so tun, als wäre alles super. Der "Spaß" liegt wohl derzeit bei Kosten von ca 200.000.000! Nicht erzählt sie ebenso, dass sie das Weltkulturerbe gefährden, sämtliche Ergebnisse, die Flussbad, die bereits Millionen an Steuergeldern bekamen, hätten vorlegen müssen, das trotz Behördenaufforderungen nicht machten. 200.000.000 für 190 m in einem tiefen Schacht mit dem Argument, die Gegend müsse belebt werden. Für 200.000.000 könnte man übrigens die Spree von der Elsen bis Jannowitzbrücke von Einleitungen befreien und könnte dort überall Badestellen einrichten - das geht übrigens auch in Berlin, trotz Schiffverkehr. Der Bezirk Treptow-Köpenick plant das derzeit. Das Projekt Flussbad ist ein Steuerverschwendungsprojekt, das es inzwischen ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler gebracht hat. Verantwortlich wäre, es zu beenden und die nächsten Millionen dafür auszugeben, die Berliner Gewässer vor Einleitungen zu schützen, allen voran den Landwehrkanal, dem Gewässer mit dem schlechtesten Zustand in Deutschland. Dann kann man übers Baden reden und wer will auch mitten im hochtouristenbeton.

  6. 6.

    .. der Plan bei den Projekten in Berlin, New York, London etc. ist ja, auch die Wasserqualität in den Griff zu bekommen.

  7. 5.

    Schon klar, wir sind nicht fortschrittlich und stecken in Diskussionen fest. Erleuchten Sie uns mit Ihrer Weisheit, die aus jedem Buchstaben Ihres Textes tropft und die man als Einwohner einer rückständigen Stadt so leicht mit Arroganz und Schwurbelei verwechselt.
    Falls Sie im Gegensatz zu mir noch nie in Zürich oder Basel waren und deshalb keinen direkten Vergleich machen können, schauen Sie sich mal im Beitrag das Bild aus Basel an und das aus Berlin. Merken Sie den Unterschied?
    Aber: Bei uns könnten Alle, die vom Humbold-Forum kommend gleich in den Spreekanal hüpfen, später ihre Badesachen am Freiheits- und Einheitsdenkmal (gleich über den Fledermäusen) zum Trocknen aufhängen.

  8. 4.

    Als Norddeutscher bin ich vor einigen Jahren nach Zürich und nun nach Berlin gezogen. Es ist richtig, die Menschen in den Schweizer Städten schwören auf ihre Flüsse und die kristallklaren, großen Seen in der Umgebung. Und das ist evtl auch der Unterschied: in der Limmat oder dem Rhein kann man in der Schweiz problemlos 4-5m tief schauen. Spree oder Elbe? 50cm. Wer möchte in der Brühe schwimmen?

  9. 3.

    Eine ganz wunderbare Ausstellung. Sie bietet Anschauung dazu, wie aus der Phase der Geringschätzung der Flüsse - und des sauberen Wassers eine neue, sehr breite Bewegung entstehen konnte. Der Gebrauch des Wassers in diesem Sinne, so scheint es, ist ein neues Bewusstseins- und Statussymbol, was sich zunächst in reichen Gegenden und Gesellschaften (Schweiz, Dänemark,..) etabliert. Ob die anderen hier gezeigten Projekte gelingen, hängt also davon ab, wie fortschrittlich diese Gesellschaften sein können. New York, London und Berlin laborieren noch unentschlossen mit ihren alten Kanalsystemen und die Diskussionen (siehe Frank Stein) stecken noch fest an der Stelle, wo die Bedeutung der Verbindung zwischen Naturerlebnis(-möglichkeit) und Stadtentwicklung nicht selbstverständlich ist, und wo Repräsentation von gesellschaftlichen Werten im Format rekonstruierter Barockfassaden stattfinden darf. Ich wünsche den Protagonisten aus New York, Brüssel und auch Berlin alles Gute und viel Ausdauer!

  10. 2.

    Vielleicht kann man ja in der Spree unter Wasser eine Ausstellung "Versunkene Welten" machen und Kombi-Tickets anbieten. Glaubt Frau Hopf ernsthaft daran, dass Besucher des Humbold-Forums ihre Schwimmsachen mitbringen? Mit wie vielen rechnet sie denn da, abzüglich der Aktivisten, mit drei?
    Und leider wanzt sich das Projekt mit dem Argument "Kolonialisierung des Raums für Infrastruktur" an das Humbold-Forum an, wo es ja bereits jetzt um Kolonialismus geht. Was bitte hat der Spreekanal mit z.B. "Deutsch Süd-West" gemeinsam?

  11. 1.

    Es gab - und das völlig zu Recht - ein Gutachten zum Schutz der Fledermäuse. Und jetzt baut man direkt neben deren Quartieren ein Schwimmbad? Mit Infrastruktur zum „strategischen Umziehen“ und „strategischem Curry-Wurst Essen“, und ganz allgemein für „strategisches Hally-Gally“?
    Die Menschen, die „vielleicht zu sechst in einer Zweizimmerwohnung wohnen“ werden sich bestimmt schon jetzt sehr freuen, wenn sie 2023 in Mitte schwimmen können. Wer braucht schon Liegewiesen. Und bestimmt wohnen sie ja auch gleich um die Ecke.
    Das ganze Projekt scheint mir selbst für Berliner Verhälnisse sehr verschwurbelt und verquast. Immerhin ist an seltsamen Argumenten kein Mangel. Dass das Wasser gereinigt wird, ist natürlich sehr gut. Funktioniert aber offensichtlich auch ohne Schwimmbad recht gut.

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