Henrik von Coler (Quelle: Dirk Rose)
Audio: Inforadio | 01.06.2020 | Hans Ackermann | Bild: Dirk Rose

Elektronisches Orchester Charlottenburg - Hören, wie Gurken, Zitronen und Melonen schmecken

Musik aus lebenden Pflanzen oder Geschmack von Lebensmittel hörbar werden lassen: Seit vielen Jahren erforscht die Technische Universität Berlin die Sounds der Zukunft. Herzstück ist dabei das "Elektronische Studio" mit dem Elektronischen Orchester Charlottenburg. Hans Ackermann

Gurken, Kaki oder Melonen zeigt die Partitur, die das Elektronische Orchester Charlottenburg beim Stück "Discount" in Klänge verwandelt. Die Idee, Obst und Gemüse auf musikalische Stimmen zu verteilen, sei entstanden, nachdem sein Briefkasten regelmäßig mit Werbeprospekten von Lebensmitteldiscountern vollgestopft gewesen sei, sagt Orchesterleiter Henrik von Coler.

Die ausgeschnittenen Bilder von Bananen, Äpfeln und Zitronen hat der Orchesterleiter für seine Musiker - acht Männer, zwei Frauen - als Spielanweisungen in ein vertikales Zeitraster eingetragen. Bei der Arbeit mit dem Orchester sei immer deutlicher geworden, wie gut sich geschmackliche Eigenschaften von Lebensmitteln mit Klängen beschreiben lassen "Da gibt es Sachen, die schmecken vielleicht sauer oder es gibt Sachen, die sind fleischig - das lässt sich alles in Klangeigenschaften übertragen."

Partitur "Discount" (Quelle: Henrik von Coler)
Partitur "Discount" | Bild: Henrik von Coler

Lustvoll schmatzende Klänge

Geschmack in Klang zu übertragen: Diese reizvolle wie schwierige Aufgabe lösen die zehn Orchestermitglieder mit modularen Synthesizern. Die können im Prinzip jeden Klang erzeugen, sofern man an den richtigen Knöpfen dreht und mit Unmengen von farbigen Kabeln die richtigen Verbindungen zwischen den Modulen herstellt. "Die Kabel gehören zu den Instrumenten", sagt von Coler, "und fügen eine gewisse Ästhetik mit dazu. Diesen Kabelsalat, den zeigen wir gerne!"

Sein Ensemble seien musikbegeisterte Techniker und technisch interessierte Musikerinnen aus der freien Szene. Bei Proben und Auftritten sitzen die Musiker mit ihren elektronischen Oszilllatoren, Klangfiltern, Rauschgeneratoren und Ringmodulatoren an großen Tischen nebeneinander und erzeugen grollende, knisternde, bei "Discount" auch mal lustvoll schmatzende Klänge. 

modularer Synthesizer (Quelle: Adam Gunnerson)
Modularer Synthesizer | Bild: Adam Gunnerson

"In diesen Kisten ist ohne Ende Kreativität drin"

Als moderner Dirigent verteilt Henrik von Coler die synthetischen Sounds dann auf bis zu zwölf Audiokanäle im Raum - Spatialization ist der Fachbegriff für diese Verräumlichung von Klang, die von Coler auch in seiner Dissertation untersucht. Die fast abgeschlossene Forschungsarbeit könnte am Ende sogar neue Instrumente zur gezielten Steuerung von "Klängen im Raum" hervorbringen, erzählt der aus 38-jährige Studioleiter und Elektrotechnik-Ingenieur. Musikerinnen dann ein solches Instrument in die Hand zu drücken - davon sei man tatsächlich nicht so weit entfernt.

Während solche Zukunftsinstrumente aber gerade erst entstehen, hat sich der modulare Synthesizer in den letzten fünf Jahrzehnten vom teuren und zentnerschweren Gerät für Spezialisten zur handlichen und erschwinglichen digitalen Klangmaschine für experimentierfreudige Künstler entwickelt. "In diesen Kisten ist ohne Ende Kreativität drin", sagt Henrik von Coler. "Die Namen, die Optik, was diese Module können, ist faszinierend, und deswegen hat das auch diesen Boom ausgelöst."

Mit Frequenzen die DNA reparieren

Aus den vorgefertigten Modulen, die Bitrazer, Dronebank oder Rampage heißen, bauen sich seine Orchestermusiker ihre Instrumente dann selbst zusammen. "Das erfordert eine Menge technisches Verständnis, aber das machen viele von den Modularkünstlern."

Eine dieser Modularkünstlerinnen ist die 1972 geborene Komponistin Miriam Siebenstädt. Sie hat sich erst vor einigen Monaten dem Elektronischen Orchester angeschlossen. Davor war sie als Saxophonistin überwiegend mit kommerzieller Musik befasst.

Wie Hendrik von Coler ist Miriam Siebenstädt wegen der Pandemie derzeit im Home-Office, das auch bei ihr Tonstudio und Elektronikwerkstatt zugleich ist. Auf der Suche nach den Klängen der Zukunft, meint die Berlinerin, könne man durchaus auch in die Vergangenheit schauen. Zu Hildegard von Bingen und ihren heilenden Frequenzen - wobei diese Schwingungen  im 21. Jahrhundert von modularen Synthesizern erzeugt werden. "Es gibt 'healing frequencies', zum Beispiel 528 Hertz, die kann DNA reparieren. Wenn die durcheinandergeraten ist, kann man sie damit wieder in Ordnung bringen."

Elektronisches Orchester-Charlottenburg (Quelle: Dirk Rose)Elektronisches Orchester Charlottenburg

Musik aus lebenden Pflanzen

Verdrehte DNA-Stränge mit synthetisierten Klängen reparieren, das klingt tatsächlich ein wenig esoterisch, wie Miriam Siebenstädt einräumt. Doch gerade in der bioakustischen Welt finden sich viele Klänge der Zukunft. "Etwas Neues ist, dass Menschen Musik aus lebenden Pflanzen machen. Man kann diese Schwingungen, diese Erregungen der Pflanzen mit moderner Technik in Programme übertragen, und die wandeln das dann in Sound um."

Musik aus lebenden Pflanzen, Partituren, die den Geschmack von Lebensmittel hörbar werden lassen - an der Berliner TU ist die Zukunft des Klanges erstaunlich naturnah und mehr, als nur eine technische Problemstellung. Man müsse "von der Natur lernen, von echten Instrumenten", sagt Henrik von Coler, "um ihre Mechanismen aufzunehmen und zu verfremden".

Mit Bands wie Kraftwerk hat sich die elektronische Musik in Deutschland schon vor Jahrzehnten  erfolgreich in der Popkultur etabliert. Dort sind - über die TU hinaus - auch seine Musiker aus dem Elektronischen Orchester aktiv, erzählt von Coler. "Die Studenten und Studentinnen, die haben alle noch irgendwelche Techno-Projekte am Laufen. Die ich noch nicht alle gehört habe - aber ich weiß, wie die klingen."

Sein eigenes, zuletzt 2019 aufgeführtes "Discount"-Projekt, will der Studioleiter mit dem Orchester möglichst bald fortsetzen. Dafür sammelt Henrik von Coler schon wieder fleißig Werbeprospekte. "Für die nächsten Versionen. Da suche ich dann Hilfe beim Ausschneiden, am besten eine Schulklasse."

Sendung: Inforadio, 01.06.2020, 09:25 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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