Der verhüllte Reichstag 1995 © dpa/Wolfgang Kumm
Audio: Inforadio | 23.06.2020 | Interview mit Michael S. Cullen, Berater von Christo | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Fun Facts und mehr - So ziemlich alles über die Reichstags-Verhüllung vor 25 Jahren

Es gilt als wichtigstes Kunstprojekt von Christo und Jeanne-Claude: Vor 25 Jahren lockte der verhüllte Reichstag fünf Millionen Menschen nach Berlin. Der für zwei Wochen realisierten Aktion gingen Jahrzehnte Planung und Ablehnung voraus.

Langer Atem

Eine Postkarte mit der Abbildung des Reichstags lieferte 1971 die Initialzündung für eines der bekanntesten, am emotionalsten diskutierten Kunstprojekte der jüngsten deutschen Geschichte. Der Historiker Michael S. Cullen, der seit einigen Jahren in West-Berlin lebte, hatte auf die Rückseite geschrieben "Macht was daraus!". Die Realisierung des Projekts "Verhüllter Reichstag" dauerte dann aber 24 Jahre: Am 17. Juni 1995 wurden in Berlin die ersten Stoffbahnen verhüllt - das fertige Objekt war dann vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 zu sehen.

Berlin, Berlin

Obwohl Christo und seine Frau Jean-Claude nach eigenen Angaben sofort, nachdem sie die Postkarte mit dem Reichstag gesehen hatten, klar war, dass sie das geschichtsträchtige Gebäude verhüllen wollen würden, war Christo bis dahin noch nie in Berlin gewesen. Erst 1976 kam er mit Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in die geteilte Stadt und konnte sich alle Teile des Reichstages genau anschauen. In den Jahren, in denen sie sich für die Verhüllung des Reichstags eingsetzten, flogen die beiden Künstler 54 Mal nach Deutschland – stets getrennt, damit ein Projekt auch dann weitergeführt werden konnte, wenn einer verunglücken sollte.

Der amerikanische Künstler Christo Javacheff steht am 11.5.1994 in München hinter einem Modell des verhüllten Reichstages (dpa)
Der Künstler Christo steht im Mai 1994 vor einem Modell des verhüllten Reichstages. Wenige Monate nach der Zustimmung für das Projekt. | Bild: dpa

Freunde und Feinde

Erklärter Verhüllungsfeind war neben CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble auch Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der noch auf dem Höhepunkt des Andrangs bekannte: "Ich habe den verhüllten Reichstag nicht besichtigt und ich habe nicht die Absicht, es zu tun." Doch die Ablehnung geht noch weiter zurück: Karl Carstens war als Bundestagspräsident dagegen, sein Nachfolger Richard Stücklen auch, Philipp Jenninger lehnte das Projekt 1987 ein drittes Mal offiziell ab. Doch die Wahl von Rita Süssmuth zur Bundestagspräsidentin änderte alles. "Wenn Rita Süssmuth nicht gewählt worden wäre, hätte das Reichstags-Projekt nicht stattgefunden", so Christos Urteil.

Im Februar 1994 stimmte das Parlament dann ab. Es kam zu einer überraschend deutlichen Mehrheit von 292 gegen 223 Stimmen. Sowohl Wolfgang Schäuble als auch Angela Merkel (CDU), damals Umweltministerin, die die Umhüllung im Vorfeld abgelehnt hatten, waren dann aber begeistert.

Es ist, was es ist

Die Verpackung des Reichstags bestand aus über 100.000 Quadratmetern blaugrauem Polypropylengwebe, 15.600 Meter blauem Polypropylenseil und 200 Tonnen Stahl für die Unterkonstruktion. Das Gewebe war in einer Vakuumkammer mit insgesamt vier Kilogramm Aluminium bedampft worden – so spiegelte es Sonne und Himmelsfarbe wider. Das gesamte Verhüllungsmaterial wurde nach dem Abbau recyclet und für andere Zwecke wiederverwendet.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Christo war der Auffassung, dass schon der Prozess, der zur Verhüllung führte, Kunst sei. Deshalb waren sowohl Christo als auch seine Frau Jeanne-Claude dagegen, Kräne oder Gerüste zu verwenden. Die Verhüllungsarbeit sollte von Menschen durchgeführt wird. Daher wurden zusätzlich 90 professionelle Fassadenkletterer und 120 Montagearbeiter engagiert, die diese Arbeit erledigten. Zuvor hatten Feuerwehrleute die Stoffbahnen nach den Anweisungen gefaltet. Die Falten selbst wurden mit schweren Fahrzeugen eingebügelt. Hierfür wurde der Stoff in eine Halle gefahren, welche groß genug war, um die Stoffbahnen ganz auszurollen. Auf den Falten lag sowieso ein besonderes Augenmerk: "Nicht die Verpackung, sondern die Falten sind das Kunstwerk," sagte Christo selbst.

Teurer Spaß

Die Verhüllung des Reichstags kostete insgesamt stolze 13 Millionen Dollar. Diese wurden – wie bei allen anderen Projekten Christos und Jeanne-Claudes – ausschließlich aus deren eigenen Mitteln finanziert. Die Künstler akzeptierten keinerlei Fördermittel aus öffentlicher oder privater Hand. Das kam gut an in Berlin. Der SPD-Abgeordnete Peter Conradi rief am 25. Februar 1994 im Bundestag, er sei für das Kunstprojekt, weil es den Steuerzahler nichts koste. Bei der FDP fand man das damals "stillos".

Und alle, alle kamen

Insgesamt besuchten in den zwei Wochen seines Bestehens etwa fünf Millionen Menschen das Kunstwerk. Allein am letzten Tag sollen 500.000 Menschen da gewesen sein. Auf der Reichstagswiese herrschte in diesem Sommer Volksfeststimmung. Jeder wollte dabei gewesen sein. Angeblich sollen sogar Piloten bei der Bodenkontrolle die Erlaubnis erbeten haben, vom Kurs abweichen zu dürfen, um den Passagieren das einzigartige Kunstwerk von oben zeigen zu können.

Wir und die anderen

Nicht nur deutschlandweit, auch international fand die Reichstagsverhüllung große Beachtung. Die "New York Times" erklärte das Kunstwerk zum "Symbol für das neue Deutschland". "Le Figaro" schrieb: "Christo versöhnt die Deutschen mit dem Reichstag." Die Verhüllung fand sogar Erwähnung bei "Die Simpsons".

Was danach geschah

Nach Ende des Projekts verblieben die Entwürfe und Materialien zunächst im Besitz von Christo, bis der Unternehmer Lars Windhorst diese Anfang 2015 erwarb. Windhorst stellt die Exponate inzwischen dem Deutschen Bundestag kostenlos zur Verfügung. Hier dokumentiert die Ausstellung den Weg von der Idee bis zur Umsetzung. Auch Fotos und Originalteile gehören zu der insgesamt etwa 400 Exponate umfassenden Sammlung.

Mehr Christo

Zu den berühmtesten Christos anderer weltweit realisierten Projekte zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park ("The Gates"), die schwimmenden, mit Nylongewebe bezogenen Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei ("Floating Piers") sowie die verpackte Brücke Pont Neuf in Paris.

Einen lange gehegten Traum aber konnte sich Christo vor seinem Tod Ende Mai nicht mehr erfüllen: die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris. Schon 1962 fertigte er mehrere Fotomontagen des Denkmals an. Dieses Jahr im Herbst sollte es endlich soweit sein, doch Corona vereitelte das Projekt vorerst.

Sendung: Abendschau, 24.06.2020, 19:30 Uhr

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21 Kommentare

  1. 21.

    Hallo Heike,

    Ja, wir lesen mit. Das wir auch alles richtig machen: Wir schicken ihre Email Adresse an Lothar und Marcus?
    Beste Grüße

  2. 19.

    Wenn der RBB nichts dagegen hat dann gebe ich Dir und Markus auch gerne meine Adresse und sobald ich Eure Adressen habe, melde ich mich sehr gerne und wir machen ein Date klar.
    Vielleicht können wir die Kuppel im Herbst auch gemeinsam besuchen, im Moment wäre es mir ein wenig zu warm
    Liebe Grüße Heike an Euch beide.

  3. 18.

    Wäre dabei! Die Kantstr. ist ja sowieso eine kulinarische Meile. Da war ich leider schon lange nicht mehr.

  4. 17.

    Liebe Heike. Zuerst war da immer meine regelmäßige Nachtschicht, die mich daran gehindert hatte. Jetzt im Rentenalter schiebe ich es lässig vor mich her. Von wegen: die Reichstagskuppel läuft mir schon nicht davon;-) Aber eigentlich sollte ich es genau diesen Sommer tun. Denn jetzt sind in Berlin nur wenige Touristen anwesend. Da muß man vermutlich auch nicht lange anstehen. Und bitte Heike, lass uns doch wirklich mal zusammenkommen und sei es nur zu einen netten Besuch bei Hoeck. Markus ist auch jederzeit Willkommen. Bei Hoeck kann man auch gut Essen. Allerdings nicht ausschließlich vegetarisch. Darüber würde ich mich richtig freuen. Anfrage bei der rbb24 Redaktion und schon haste meine E-Mail Adresse. Mit meiner Erlaubnis. Liebe Grüße. Auch an Markus gerichtet.

  5. 16.

    Lieber Lothar, erstaunlich das wir beiden alt Wessis es bis jetzt nicht geschafft haben einen Rundgang zu machen.....aber mit Markus wäre es bestimmt schön. Und Dein Vorschlag vegetarisch essen zu gehen finde ich klasse. In der Kantstraße gibt es z.B. ein paar gute Läden.Liebe Grüße Heike

  6. 15.

    Ja Markus, Asche auf mein Haupt. Wie Du es hier so emotional beschreibst, ist mit Sicherheit was wahres dran. Und nichts gegen einen gemeinsamen Rundgang. Von mir aus sehr,sehr gerne. Anschließend vielleicht schön irgendwo vegetarisch Essen gehen.

  7. 14.

    Asche auf mein Haupt...als alter Wessi habe ich es bis jetzt nicht geschafft. Und alle die dort waren sind begeistert. Aber mit Euch beiden würde ich das gerne nachholen:-)

  8. 13.

    Ihr "alten Wessis" wart noch nicht in der Reichstagskuppel? Wie sträflich! ;) Wie Du es geschrieben hast: es ist wirklich eine architektonische Meisterleistung. Gerade dort in der luftigen Höhe habe ich die Einheit Deutschlands so richtig nachvollziehen können. Komisch, dass ich jetzt heulen muss... Im Notizbuch: mit Heike und Lothar in den Reichstag... :)

  9. 12.

    Lothar und Heike: Ich kann Euch die Kuppel wirklich empfehlen: Der Blick über Berlin ist grandios! Lustig fand ich, wie klein der Bundestag ist. Im Fernsehen sieht es immer ganz anders aus... Aber die Architektur ist wirklich beeindruckend,

  10. 11.

    Die Idee etwas zu verhüllen, um es für alle sichtbar zu machen finde ich genial. Das kam mir aber erst jetzt in den Sinn. Damals war es einfach eine fantastische Zeit in Berlin.

  11. 10.

    Hey Markus, schön von Dir zu lesen..es war eine tolle Zeit. Nein in der Kuppel war ich leider nie aber wenn ich morgens zur Frühschicht fahre und dort vorbei fahre, werden die Erinnerungen oftmals wach:-)

  12. 9.

    Hallo Markus. Die Kuppel auf den Reichstag zu betreten, nehme ich mir schon so lange vor. Bisher bin ich noch nicht dazu gekommen. Für mich eine architektonische Meisterleistung.

  13. 8.

    Genau. Liegt ja immer im Auge des Betrachters.... Und damit sind Sie sicher kein Kulturbanause.

  14. 7.

    Ich auch ;) Ein Glück, dass die Verhüllung erst nach der Wende erfolgte; so kam ich auch in den Genuss. Bist Du eigentlich oben mal in der Kuppel gewesen? Ich fand es dort phantastisch und den Ausblick sagenhaft...

  15. 6.

    Sie müssen kein Kunstbanause sein....Sie sehen dafür vielleicht in anderen Dingen Kunst.

  16. 5.

    Da oute ich mich mal als Kulturbanause. Ich konnte diesem sogenannten Kunstwerk damals wie heute nichts abgewinnen. Anderen hat es gefallen. Also so wie es jeder mag.

  17. 4.

    Ein "Kunstwerk" was mit seiner Aussage sehr gut in eine Zeit passt, in der einzelne Gurken in Plastik verpackt verkauft werden. Hier scheint der Verpackungswahn schon in der akademischen Bevölkerung so weit Anklang zu finden, dass sogar der Bundestag verpackt werden kann. Mit dem Argument, dass kostet uns ja nichts.
    Ein bisschen mehr Reflexion darf man von den Volksvertretern wohl erwarten.
    Wobei - Wäre schon schön gewesen, wenn sich Politiker wie der Herr Scheuer und andere ein Beispiel an der Politikrichtung "so wenig kosten wie möglich verursachen" genommen hätten/nehmen würden.
    Man kann es eben nicht allen Recht machen...

  18. 3.

    Dieses Erlebnis dabei gewesen zu sein ist eine wunderbare Erinnerung:)))) Danke

  19. 2.

    Sehr interessante Einblicke, ich habe es aufgrund meines Alters damals nicht gesehen. Auf den Bildern, da ich die Dimensionen nicht erlebe, wirkt es unspektakulär, aber ich kann mir gut vorstellen, welchen Eindruck es damals gemacht hat.

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