Archivbild: Der Kuenstler Christo steht am Mittwoch (17.06.15) im Berliner Reichstag hinter einem Modell des verhuellten Reichstages.
Audio: Inforadio | 01.06.2020 | Maria Ossowski | Bild: imago/epd

Zum Tod des Verhüllungskünstlers Christo - Er schuf ein Wunder an der Spree

Erst war die Idee umstritten, dann waren alle fasziniert: Im Sommer 1995 verhüllte Christo den Berliner Reichstag – es war eine seiner spektakulärsten Aktionen. Der Verhüllungskünstler ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Von Maria Ossowski  

Mit einer Postkarte des Amerikaners Michael Cullen aus Berlin hatte alles begonnen. Er schickte Christo und seiner Frau Jeanne-Claude ein Bild des Reichstags und fragte: "Wollt Ihr den nicht mal verhüllen?"

Beide waren in ihrem New Yorker Atelier fasziniert. Christo zeichnete, malte, und dann stürzten sie sich für 23 Jahre in die Überzeugungsarbeit. Sie besuchten alle Bundestagspräsidenten. "Wir gingen zu Dr. Carstens, zu Herrn Stücklen, zu Herrn Jenninger, zu Rita Süssmuth, und - nicht zu vergessen - zu Annemarie Renger", erinnerte sich Christo im Gespräch.

Hartnäckige Überzeugungsarbeit

Immer wieder musste das Künstlerpaar Rückschläge verkraften. Aber Christo war ein unverwüstlicher Optimist. 60 Mal reisten beide nach Berlin. "Wir mussten mit fast 400 Abgeordneten des deutschen Parlaments sprechen. Oft hatten sie nur 15 Minuten Zeit. Viele von ihnen sprachen auch kein Englisch, so dass wir einen Übersetzer brauchten."  

Maßstabsgerecht entwarf Christo ein kleines Modell, mit dem er immer wieder den Zauber beschwor, den der Koloss, von ihm verhüllt, ausstrahlen könnte. "Letztendlich wurde dieses Modell in den frühen Achtzigern entworfen, um das ganze Projekt entscheidend voranzubringen. Auch kam Willi Brandt damals nach New York, um unsere Moral zu stärken."

Nur recyclebare Materialien

Wichtig: Christo finanzierte alles selbst durch den Verkauf seiner Zeichnungen, und er verwandte nur recyclebares Material. Rita Süssmuth gehörte zu seinen besonderen Fans. Als Bundestagspräsidentin leitete die CDU-Politikerin die Debatte am 25. Februar 94 im Bundestag. Ohne sie, so Christo, hätte es nie geklappt.

Ein Gegner des Projekts war damals ihr Parteikollege Wolfgang Schäuble. Sein Argument: Das Projekt würde polarisieren. "Nachdem diese Debatte jetzt notwendig geworden ist, sollten wir entscheiden. Und jedes Mitglied des Hohen Hauses sollte nicht nur an seinen persönlichen Geschmack, sondern vor allem daran denken, was das Beste für unser Gemeinwesen ist."

Positive Energie, die Berlins Mitte verzauberte

Die Mehrzahl stimmte für die Verhüllung. Und so begann am 24. Juni 1995 für zwei Wochen ein Sommermärchen. 100.000 Quadratmeter dickes Polypropylengewerbe, beschichtet mit Aluminium, gehalten von 15.600 Metern Spezialseil umhüllten das historische Reichstagsgebäude und verwandelten es je nach Tageszeit und Wetter: Es schimmerte und glänzte hell in der Morgensonne, abends eher rötlich, und es schien bei Wind zu atmen. Fünf Millionen Menschen pilgerten hin, schauten, musizierten, manche schliefen sogar dort. Eine ungeheure positive Energie verzauberte die Mitte Berlins

Viele ehemalige Skeptiker wie Wolfgang Schäuble änderten ihre Meinung. Lediglich der damalige Kanzler Helmut Kohl wollte sich damit nicht anfreunden und besuchte das Wunder an der Spree auch nicht. Nach 14 Tagen trauerten alle, die den verhüllten Reichstag gesehen hatten. Christo und Jeanne Claude waren vorher abgereist, sie wussten, dass ihre Kunst immer in der Erinnerung weiterleben würde. 

Sendung: Inforadio, 01.06.2020, 9 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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5 Kommentare

  1. 5.

    Lieber Dad, deswegen sind Sie ganz und gar nicht ein Kulturbanause. Sie sahen und sehen vielleicht in anderen Dingen etwas Künstlerisches wo andere Menschen wieder sagen...oh Gott. Geschmäcker sind in jeder Sichtweise nun mal verschieden. LG

  2. 4.

    Vielleicht bin ich ja ein Kulturbanause, aber ich konnte der Verhüllung nichts abgewinnen. Ich kenne auch niemanden aus meinem Bekanntenkreis der sich das nun unbedingt anschauen musste. Ruhe in Frieden Christo.

  3. 3.

    Es waren nur des Kaisers neue Kleider, nichts weiter.

  4. 2.

    Es ist ja neuerdings viel von "Aktivisten" die Rede. Christo war ein wirklich solcher. Er hat mit seiner Verhüllung des Reichstages perfekt den damaligen Zeitgeist getroffen.

  5. 1.

    Den positiven Gefühlen beim Anblick des verhüllten Reichstages lässt sich nicht hinzufügen. Das war ähnlich beeindruckend wie 2009, als "Die Riesen in Berlin" waren.
    So viele Menschen, die zu solchen Ereignissen gingen, konnten sich nicht irren.
    Ich finde es sehr bedauernswert, dass dieser visionäre, hartnäckige Künstler diese, oft sehr triste, Welt verlassen hat.

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