Gojko Mitic als Tokei-ihto in "Die Söhne der großen Bärin" (Quelle: MDR/rbb/Progress Filmverleih/Waltraut Pathenheimer)
Bild: MDR/rbb/Progress Filmverleih/Waltraut Pathenheimer

DEFA-"Chefindianer" feiert 80. Geburtstag - Mein Blutsbruder Gojko

Der erste DDR-Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" machte Gojko Mitic zum Superstar. Als der Film 1966 Premiere feierte, begeisterte er neun Millionen Zuschauer. Auch Knut Elstermann war damals dabei. Am 13. Juni feiert sein Held der Prärie 80. Geburtstag.

Gojko Mitic steht am Beginn meines Lebens als Kinogänger. Er hat mich jahrelang begleitet wie ein guter, verlässlicher Freund. Auch wenn später andere Kinogestalten hinzukamen, auch wenn ich internationale Klassiker des Western-Genres kennenlernte wie die Meisterwerke von John Ford oder Sergio Leone, sieht in meiner Vorstellung der Wilde Westen immer noch so ORWO-Color-bunt wie in den DEFA-Indianerfilmen aus. Und ihr Hauptdarsteller Gojko Mitic ist für mich der größte Held der Prairie.

Zu meinem ersten Kinobesuch nahmen mich meine Eltern in eine Vorstellung von "Die Söhne der großen Bärin" mit. Der DEFA-Film entstand 1965 in der Regie des Tschechen Josef Mach. Im Februar 1966 kam er in die Kinos, während einer düsteren Zeit für die DEFA. Auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 war fast die gesamte Jahresproduktion verboten worden, darunter so aufrichtige, kritische Gegenwartsfilme wie "Spur der Steine" und "Karla". Man war froh, mit dem Indianerfilm einen unverfänglichen Publikumsmagneten zu haben, den man vorzeigen konnte.

Gojko Mitic und Knut Elstermann (Quelle: Knut Elstermann)
Knut Elstermann (rechts) und sein Held der Prärie, Gojko MiticBild: Knut Elstermann

"DDR-Western" als antikapitalistisches Genre

Nach der Romanreihe "Die Söhne der großen Bärin" von Liselotte Welskopf-Henrich (1901-1979), die auch das Drehbuch schrieb, erzählt der Film vom letzten großen Freiheitskampf der Dakota in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Konzipiert als Antwort auf die klassischen Western, in denen die Ureinwohner oft anonym, gefährlich und verschlagen erscheinen, wurde hier das Bild von tapferen, naturverbundenen Kämpfern etabliert, die von den weißen, betrügerischen, geldgierigen Eroberern brutal aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben werden. Gojko Mitic wurde zum Sinnbild dieser neuen, umgekehrten Sicht. Der "DDR-Western" war durchaus ein antikapitalistisches Genre, das sich bei aller Idealisierung der "Indianer" und ihres Widerstandes um historische Genauigkeit und ethnologische Detailtreue bemühte.

Aber all das wusste ich damals beim ersten Kinobesuch meines Lebens natürlich noch nicht, und es hätte mich auch nicht interessiert. Ich war einfach fasziniert von dieser fremden Welt, von dem ungleichen, mutigen Kampf der Indianer gegen die Bleichgesichter und natürlich von Gojko als Tokei-ihto, diesem edlen Helden, der die Stämme kompromisslos einen wollte, der keinen Verrat und keinen Eigennutz kannte, und Schmerz ohnehin nicht. 

Gedreht auf märkischen Sand

Mit Gojko Mitic wuchs der DDR einer ihrer wenigen echten Stars zu: Er zierte die Titelseiten und sein Ruhm steigerte sich noch als bekannt wurde, dass er auch gefährliche Stunts selbst ausführte. Der serbische Sportstudent mit der starken Ausstrahlung und dem blendenden Aussehen war zunächst Stuntman und hatte schon im Westen in einigen Karl-May-Verfilmungen mitgespielt. Seine größte Rolle hatte er in "Unter Geiern" (1964), wo er übrigens eingedeutscht als "Georg Mitic" im Abspann erscheint. Er hatte also schon ein "indianisches" Vorleben als die DEFA ihn ansprach.

Neun Millionen Menschen, darunter also ich auch, sahen "Die Söhne der großen Bärin". Ungeplant wurde der Film zum Beginn einer ganzen DEFA-Reihe mit Indianerfilmen aus Babelsberg, in denen die Ausstatter des Studios Erstaunliches leisteten, um den amerikanischen Westen glaubhaft im märkischen Sand, in den Studiohallen, in den tschechischen und rumänischen Bergen zu erschaffen. 

Besuch bei den Ureinwohnern

Es erschien mir und allen anderen begeisterten Zuschauern der "DEFA-Indianerfilme", die Jahr für Jahr zu den Sommerfilmtagen anliefen, völlig selbstverständlich, dass Indianer die wahren, ursprünglichen Helden Amerikas waren. Als epochemachende, amerikanische Filme wie "Der mit dem Wolf tanzt" (1990) in die Kinos kamen und die brutale Ausrottung der Indianer schilderten, waren Kenner der DEFA-Filme weitaus weniger überrascht als der Rest der Filmwelt, die eine Revolution feierte, die in Babelsberg längst stattgefunden hatte.

Nach der Wende zeigte Mitic in US-amerikanischen Reservaten einige dieser Filme vor dankbaren und überraschten Ureinwohnern, die es kaum glauben konnten, dass in einem winzigen Land in Europa solche Werke entstanden waren.

Exotisch und zugleich nahbar und vertraut

Mitic hatte einen Hauch von Welt in die Enge der DDR gebracht. Er erschien exotisch und zugleich nahbar und vertraut. Er war keineswegs nur in Indianerfilmen zu sehen, er spielte eindrucksvoll im Science-Fiction-Film "Signale – ein Weltraumabenteuer" (1970) oder in der großen Fernsehserie über deutsche Widerstandskämpfer "Front ohne Gnade" in den 80er Jahren.

Im DEFA-Kinderfilm-Klassiker "Der Lange Ritt zur Schule" (1981) schildert Regisseur Rolf Losansky einen verrückten Tag: Für den zehnjährigen Alex verschmelzen auf dem Schulweg Realität und Fantasie, der Drahtesel etwa wird zum feurigen Hengst. Der "DEFA-Chefindianer" Gojko Mitic parodierte in diesem witzigen Film lustvoll und selbstironisch sein Heldenimage, machte auch als Sportlehrer eine tolle Figur und zeigte seinen Sinn für Humor, der bei den Indianerfilmen naturgemäß nicht vorkam.

Der "DEFA-Chefindiander“ wird 80

Als "Winnetou" niemals vor der Kamera

Als ich Gojko Mitic nach der Wende kennenlernte und immer wieder interviewen durfte, erlebte ich einen freundlichen, offenen und bescheidenen Mann, der auf zurückhaltende Weise durchaus stolz auf seine Lebensleistung ist. Ende vergangenen Jahres erhielt er den Preis der DEFA-Stiftung für seine besonderen Verdienste um den deutschen Film. Sichtlich gerührt von minutenlangen Standing Ovations sprach er in seiner Dankesrede kaum über sich, sondern über sein Publikum, über Begegnungen mit seinen treuen Fans, über die vielen Briefe im Verlaufe der Jahrzehnte, die ihn immer noch beglücken und  bewegen.

Aus unerfindlichen Gründen wird Gojko Mitic bis heute gern der "Winnetou des Ostens" genannt, so wie der Showmaster Heinz Quermann als der "Kuhlenkampff des Ostens" bezeichnet wurde. Niemand käme etwa auf die Idee, Hanna Schygulla beispielsweise als "Angelica Domröse des Westens" zu bezeichnen. Die Kultur des Ostens braucht offenbar noch immer diesen Westvergleich, um ihre volle Wertigkeit zu erweisen.

Dabei spielte Gojko Mitic, nebenbei bemerkt, den Winnetou niemals vor der Kamera, er übernahm die Rolle allerdings bei den Karl-May-Festspielen von Bad Segeberg. 

Garant für Spannung, edle Größe und menschliche Werte

Seine Darstellung von fiktiven und historischen Führern der "Indianer" - oder wie man heute viel treffender sagt: der amerikanischen Ureinwohner - braucht den platten Vergleich gar nicht. Es sind eigenständige, originelle und ungewöhnliche Leistungen, die ein Millionenpublikum begeisterten. Die Filme hatten sehr verschiedene Regie-Handschriften und waren von unterschiedlicher Qualität. Es gab das klassische Erzählkino wie "Die Söhne der großen Bärin" und das filmische Experiment wie "Tecumseh": Immer aber stand Gojko Mitic als Garant für Spannung und Abenteuer, für edle Größe und unerschütterliche, menschliche Werte im Zentrum.

Er war mein erster Kinoheld, bewundertes Vorbild, ein Blutsbruder im Geiste und er wird es immer bleiben.   

Sendung: Brandenburg aktuell, 13.06.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

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9 Kommentare

  1. 9.

    So etwas nenne ich dann auch hier typisch Ostdeutsche Ignoranz. Für mich als Wessi war’s eben unser Winnetou, der all die Herzen der Kinder erfreut hatte. Aber niemals käme ich auch nur im Ansatz auf diese dumme Idee, diese schönen Filme ob Ost oder West als langweilig zu bezeichnen. Im übrigen ist es besonders der RBB Sender, welcher sehr häufig alte DEFA Filme sogar zur Primetime wieder aufleben läßt. Daran sollten Sie denken, bevor Sie hier solchen Unsinn Posten.

  2. 8.

    Richard ... Die Söhne der großen Bärin heute um 14.50 Uhr im RBB ;-)

  3. 7.

    Herzlichen Glückwunsch zum 80.Geburtstag. Entdeckt bei "Winnetou" avancierte er zum "Chef"-Indianer der DEFA mit seinem markanten Gesicht. Ich weiß noch, wie wir traurig waren, als "weitspähender Falke" von den Gangstern des "Schiefkopp" (Bashan) -gespielt vom unvergessenen Rolf Hoppe- erschossen wurde. Die DEFA-Produktionen waren keinesfalls schlechter in der Erzählweise und der filmischen Kunst. dennoch wird man alle Jahre wieder in zig Wiederholungen mit Winnetou gelangweilt. Soweit geht die deutsche Einheit dann doch nicht, uns auch die DEFA-Produktionen zu zeigen. Aber es gibt ja zum Glück einen Anbieter mit dem großen "A" im Namen, wo man derzeit zum 80. des Gojko diese Indianerfilme (alle ohne extra Gebühr) gucken kann. Tja, wie die Zeit vergeht. 80 Jahre issa nun...

  4. 5.

    "Der lange Ritt zur Schule" war als Kind tatsächlich einer meiner Lieblingsfilme. Herrlich schräg - und jeder halbwegs phantasiebegabte Schüler konnte sich damit identifizieren. :-) Leider reichte unser echter Sportlehrer kein bißchen an den "Roten Milan" heran. Alles Gute zum Geburtstag, Gojko Mitic!

  5. 4.

    Liebe Redaktion,
    ein echtes Kunststück, dass Gojko Mitic am 3. Juni 1940 als Sohn einer Bauernfamilie in Strojkovce (heute Republik Serbien) geboren wird und am 13. Juni seinen 80. Geburtstag feiert,

  6. 3.

    Herzlichen Glückwunsch. Gern gesehener Schauspieler. @rbb|24:bBitte im untersten Bild das Geburtsdatum ändern in 13.06.40 - danke.

  7. 2.

    Ja Tina, ich erinnere mich auch an diese Zeiten :-) Und das waren noch Männer ...
    Herzlichen Glückwunsch lieber Gojko und vielen Dank für die vielen schöne Filme.
    Bleiben Sie gesund !

  8. 1.

    Habe ich als Kind im Freiluftkino im Regattagelände Grünau geguckt, das war schön.

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