Kunstobjekte der Sammelausstellung 48 Stunden Neukölln werden abgefilmt. (Quelle: rbb/Kultur)
Audio: rbbKultur | 18.06.2020 | Interview mit Martin Steffens | Bild: rbb/Kultur

Interview | Festiavalleiter Martin Steffens - Wie man "48 Stunden Neukölln" digital erleben kann

Jedes Jahr im Juni ist das Berliner Kunstfestival "48 Stunden Neukölln" ein fester Termin. Dieses Jahr muss allerdings alles anders sein. Aber die Festivalmacher haben sich einiges einfallen lassen, damit man nicht nach Neukölln kommen muss, hat Martin Steffens erzählt.

rbb: Herr Steffens, die zentrale Ausstellung "Collapse" zeigt Werke von 18 Künstlern im Umspannwerk Neukölln. Hingehen darf man nicht. Wie funktioniert der Ausstellungsbesuch stattdessen?

Martin Steffens: Die Ausstellung haben wir für die Kamera gebaut. Es handelt sich quasi um eine digitale Kunstvermittlung. Es ist eine sehr schöne Ausstellung geworden, die auch den Besuch lohnen würde in persona, was aber nicht möglich ist aufgrund der Einschränkungen, die wir erleben.

Wir haben ein Team von Kunstvermittlern, die auf unterschiedliche Art und Weise die Ausstellung darstellen wollen. Wir haben uns gefragt, was möchten wir eigentlich von einer Ausstellung haben, wenn wir sie live besuchen könnten und haben versucht technische Mittel zu finden, das zu simulieren. So gibt es einen ganz tollen Ausstellungsfilm, der sich mit viel Ruhe den einzelnen Kunstwerken nähert. Wir haben Menschen vor Ort, die man über einen Videocall anrufen kann und mit denen man durch die Ausstellung gehen kann. Man kann beispielsweise sagen, ob man sich die Arbeiten von vorne oder hinten anschauen möchte oder ein besonderes Detail näher betrachten will. Man kann also den Raum mit Hilfe eines lebendigen Avatars erforschen, der vor Ort ist.

Muss man vorher einen Termin ausmachen?

Genau – das macht man über unsere Website. Wir haben unsere Homepage umgestaltet, um ganz unterschiedliche Formate zeigen zu können. Kuratorenführungen werden beispielsweise gestreamt.

Und welche Kunst sieht man da?

Es sind 18 Positionen relativ abstrakter Kunst, die sich mit Ausdehnung und Zusammenbruch beschäftigen. Das ist eigentlich eine klassische 48 Stunden Ausstellung, zusammengestellt aus Bewerbungen zum Festival. In diesem Jahr haben wir Glück gehabt, dass es sehr, sehr gut zusammenging, womit Menschen sich beworben haben. Im Umspannwerk Neukölln, wo man ja leider nicht rein kann, aber wo es schöne atmosphärische Räume gibt, werden vor allem Installationen gezeigt, aber auch Zeichnungen, Skulpturen und Videos. Und das ist natürlich ganz spannend, diese sehr schwierig zu vermittelnden Formate zu erleben.

Das Festival "48 Stunden Neukölln" steht auch für gesellschaftspolitische Diskurse. "Boom systemrelevant", das ist der Titel in diesem Jahr. Wie bringen Sie das Thema diesmal rein?

Wir haben ein Diskurs-Programm, das heißt fünf Beiträge von Menschen, in denen es um unterschiedliche Themen geht, wie beispielsweise politische Kunst und künstlerische Form politischer Arbeit. Wir haben verschiedene Stakeholder der Gesellschaft eingeladen, sich zu unterhalten. Und viele Künstlerinnen und Künstler haben sich in ihren Arbeiten natürlich jetzt auch mit Corona und Social Distancing unterhalten, darunter auch eines unserer Signal Kunst im öffentlichen Raum, die wir hier trotz aller Einschränkungen realisieren können.

Auf dem Richardplatz hat eine Künstlergruppe quasi den Ort stillgelegt, die früher im 19. Jahrhundert wenn man in die Sommerfrische gefahren ist und die Möbel mit einem weißen Tuch abgedeckt hat, wurde jetzt ein Laken genäht, ungefähr 150 Quadratmeter, dass die Stadtmöbel abdeckt und quasi die soziale Distanz und das Nichttreffen thematisiert.

Kunst auf der Straße findet auch Stadt – aber auch in Schaufenstern auf öffentlichen Werbeflächen und bei Installationen. Was steht dahinter?

Wir laden Menschen nicht ein, nach Neukölln zu kommen. Wir sagen: stay home. Bleibt Zeit sicher zu Hause. Wir haben das Festival als digitales Format angelegt. Aber für Menschen, die in Neukölln Leben und in der Nachbarschaft unterwegs sind, die können in rund 50 Schaufenstern Kunst hinter Glas erleben. Die Räume sind nicht geöffnet. Wir haben keinen einzigen Raum, der offiziell zu besuchen ist, sondern es ist alles quasi auf Distanz und auf Sicherheit gerechnet. Trotzdem haben wir die Hoffnung, dass etwas bei den Besucherinnen und Besuchern rüberkommt.

Sie planen auch ein Musikprogramm mit der Neuköllner Oper. Wie kann man sich da etwas anschauen, auch im Internet?

Die Neuköllner Oper ist unser Gastgeber und hat uns den Saal zur Verfügung, der auch gerade für Livestreams optimiert wurde. Die Kuratorin Nadine Rose hat drei Bands eingeladen, Musik zu machen und das ist eine Kooperation mit der Fete de la Musique, die am Sonntag - auch digital - stattfindet. Da werden wir also sehr unterschiedliche und sehr tolle Bands haben. Und das kann man sich auch über unsere Webseite erschließen, wie man dahin kommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Martin Steffens führte Carolin Pirich für rbbKultur.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 18.06.2020, 09:45 Uhr

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