Spectrum Concerts Berlin spielen am 14.6.2020 im Teldex-Studio ein Online-Konzert. (Bild: Adil Razali)
Audio: Inforadio | 15.06.2020 | Hans Ackermann | Bild: Adil Razali

Streamkritik | Spectrum Concerts Berlin - Brahms nach allen Regeln der Kunst

"Global Concert Hall" - unter dieser Überschrift veranstaltet ein Berliner Klassik-Streamingdienst seit Mai eine neue Reihe mit Internet-Livekonzerten. Am Sonntag spielte das Ensemble "Spectrum Concerts Berlin" die beiden Streichsextette von Johannes Brahms. Von Hans Ackermann

Bei den dunklen Klängen ganz am Anfang des ersten Sextetts spielen nur die beiden Celli und eine Bratsche. Erst bei der Wiederholung des Themas kommen die beiden Geigen und die zweite Bratsche dazu - nun strahlt die Musik in ihrer ganzen sechsstimmigen Schönheit.

1862 hat Brahms diesen großen "Gesang" für sechs Streicher komponiert. Die feierlichen Klänge aus dem ersten Satz verwandeln sich im zweiten Satz in dunkles Moll. Wieder stellen die tiefen Streicher ein musikalisches Thema vor, das dann nach allen Regeln der Kunst durch alle Stimmen hindurch variiert wird.

Erstklassige Musiker

Die sechs vorzüglichen Streicher gehören zum Ensemble "Spectrum Concerts Berlin". Eine Kammermusikvereinigung, die vor mehr als 30 Jahren vom Cellisten und künstlerischen Leiter Frank Dodge in Berlin gegründet wurde. In wechselnden Besetzungen spielen hier erstklassige Musiker zusammen: Professoren der beiden Berliner Musikhochschulen, Konzertmeisterinnen renommierter Orchester oder Solistinnen wie die Geigerin Clara-Jumi Kang.

Intensive Musik, visuelle Überlastung

Clara-Jumi Kang bildet an diesem Abend mit dem russischen Geiger Boris Brovtsyn das "Geigenduo" des Ensembles. Dazu kommen die beiden Bratscher Gareth Lubbe und Nimrod Guez sowie die beiden Cellisten des Sextetts, Claudio Bohórquez und Jens-Peter Maintz.

Besonders im Gesicht des in Hamburg geborenen Maintz spiegelt sich das intensive Mitfühlen der Musik wider, eingefangen in vielen Nahaufnahmen mit zwei Kameras und einer aufwändigen Bildregie. Die vielen schönen Bilder aus der Nähe und der beinahe pausenlose Wechsel der Perspektiven drohen aber nach einer gewissen Zeit vom schönen Raumklang im vorzüglichen Studiosaal abzulenken - visuelle Überlastung in einer geistig-emotional ohnehin schon sehr anregenden akustischen Umgebung.

Höchste Präzision im Zusammenspiel

Das Ensemble bleibt in jedem Fall hochkonzentriert, denn auch das zweite Sextett fordert höchste Präzision im Zusammenspiel. Hier hört und sieht man, dass die sechs Musiker mit ihrem künstlerischen Leiter Frank Dodge drei Tage intensiv im Teldex Studio in Lichterfelde geprobt haben. Schließlich spielt man hier nun auch kein kostenloses Wohnzimmerkonzert, sondern im Livestream eines kommerziellen Anbieters.

Und so haben die Zuschauer dieses Abends für das besondere Bildschirmerlebnis auch richtiges Eintrittsgeld bezahlt. Diese 9,90 Euro sind die 100 Minuten Brahms aber von Anfang bis Ende wert. Denn man erlebt Livemusik in hochaufgelösten Bildern und mit allerbester Tonqualität - sofern die häusliche Internetverbindung über die notwendige Bandbreite verfügt.

Sendung: Inforadio, 15.06.2020, 7 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Dunkle, voll Depri Musik. Passt in die Zeit. Dabei hat Johannes Brahms so viel schöne Musik geschrieben.

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