Billie Eilish während eines Konzertes in den Niederlanden (Bild: dpa/Hollandse Hoogte)
Audio: Inforadio | 01.06.2020 | Henrike Möller | Bild: dpa/Hollandse Hoogte

Jugendkulturelles Phänomen - Vom Ende der Genres in der Musik

Immer häufiger liest man in englischen und amerikanischen Medien, Musikgenres hätten ausgedient. Aber was bedeutet das überhaupt? Und wie könnte eine Musikwelt aussehen, in der Genres überhaupt keine Rolle mehr spielen? Von Henrike Möller

Sie hätten lange Zeit Schwierigkeiten gehabt ein Plattenlabel zu finden, erzählt Matt Healy, Frontmann von The 1975, einer der heute erfolgreichsten Bands Großbritanniens. Und als Begründung führt er aus: "Wir haben nämlich kein Genre."

The 1975, die im Oktober auch in Berlin spielen wollen, klingen in einem Song nach Alternative Rock, im nächsten nach R'n'B oder Funk. "Ihr wisst nicht, wo ihr hinwollt", hätten die Plattenlabels kritisiert, sagt Healy. Doch sie hätten ein Ziel gehabt. Genau dorthin zu kommen: zu einem genrelosen Sound.

Für den Anfang-30-Jährigen haben Genres etwas von einer Mitgliedschaft bei einem Stamm: "Das bedeutet, du wurdest kulturell so konditioniert, dass du dich von anderer Musik bedroht fühlst. Du kannst aber nicht nur auf eine Art von Musik stehen. Das ist unmöglich", sagt Healy.

Ende der Subkulturen

Genre als Subkultur, als etwas, über das man sich als junger Mensch identifiziert - wie die Punk-Bewegung in den 1970ern oder die Grunge-Bewegung in den 1990er Jahren - diese Funktion haben Genres für jüngere Generationen heute kaum noch. Das zumindest beobachtet der Berliner Musikjournalist Daniel Koch, ehemaliger Chefredakteur der Musikzeitschrift Intro: "Genres sind nicht mehr so aufgeladen mit Bedeutung wie früher", sagt er. "Matt Healy oder auch Billie Eilish sagen zum Beispiel auch immer: 'Wir sind nicht diese Generation, wir haben das nicht so gelernt.'"

Es gibt viele Studien zur sogenannten Generation Z. Damit sind junge Menschen gemeint, die in den 2000er Jahren geboren sind. Traditionelle Ordnungskriterien interessieren sie nicht, heißt es darin oft. Dazu gehört auch die Kategorie Genre. Das bedeutet nicht, dass es Genres nicht mehr gibt, sagt Musikjournalist Koch, der Umgang mit ihnen hat sich seiner Beobachtung nach aber geändert: "Es gibt keine Berührungsängste mehr. Keiner hat mehr Skrupel irgendwas zusammenzuwerfen." Die Webseite "Every Noise at Once" listet inzwischen mehr als 1.500 verschiedene Genres und Subgenres. Einer der erfolgreichsten Tracks 2019 war "Oldtown Road" von Lil Nas X, ein wildes Genre-Mashup aus Country und Rap.

Neue Offenheit

Der Musikjournalist Daniel Koch beobachtet eine neue Offenheit, was sich auch in der Festivallandschaft zeigt. Selbst Festivals wie Rock am Ring, die sich traditionell einem Genre verschrieben hatten, holen nun Rap- und Popkünstlerinnen und -künstler ins Line-up. Dass auf Berlins größtem Festival, dem Lollapalooza, Besucher erst zu EDM (elektronischer Tanzmusik) abfeiern und dann zu Hip Hop steilgehen, ist inzwischen das Normalste der Welt.

Genauso Genre-offen funktionieren viele der meistgeklickten Playlisten auf dem Musik-Streamingdienst Spotify. Sie ordnen Songs nicht nach Genre, sondern nach Stimmung oder Kontext: "Feel Good Friday", "Songs to sing in the Shower", "Coffee Break".

Es zählt die Musik

Als Justin Bieber, einer der aktuell erfolgreichsten Popstars, 2015 einen gemeinsamen Song mit den beiden Produzenten Skrillex und Diplo veröffentlichte – also mit zwei Künstlern, die aus einem komplett anderen Genre kommen als er – schrieb er auf Twitter: "Let's make it about the music." Welches Genre sie hat, scheint Künstlerinnen und -künstlern sowie Konsumenten zunehmend egal.

Der Berliner Popexperte,  Marcus S. Kleiner, Professor für Medienwissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences, sieht diese Entwicklung kritisch: "Weil zu sagen, 'Ach komm, lass uns nicht drüber quatschen, lass uns einfach dazu tanzen, alle Musik ist irgendwie gleich und man mag sie oder man mag sie nicht', ist eine Nicht-Ernsthaftigkeit für das, was Musik ist."

Generationenfrage

Oder – wie so oft – eine Generationenfrage. Denn Musik muss nicht zwangsläufig unbedeutender werden, nur weil sie kaum noch identitätsstiftende Subkulturen hervorbringt. Zumindest gibt es keine Studien, die belegen würden, dass Musik bei jungen Menschen an Relevanz verloren hätte. Ganz im Gegenteil: Die in der Shell-Jugendstudie 2019 am häufigsten genannten Freizeitaktivität ist mit 57 Prozent Musik hören. Eine neue Offenheit gegenüber Genres könnte also genauso gut ein Befreiungsschlag sein. Für Künstler und für Konsumenten.

Sendung: Inforadio, 01.06.2020, 10:30 Uhr

Beitrag von Henrike Möller

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