Kirill Gerstein. (Quelle: M. Borggreve)
Audio: Inforadio | 02.06.2020 | Hans Ackermann | Bild: M. Borggreve

Porträt | Pianist Kirill Gerstein - Elastisch spielen

Der Pianist Kirill Gerstein arbeitet immer wieder mit Thomas Adès zusammen, einem der bekanntesten Komponisten der zeitgenössischen Musik. In diesen Tagen erscheint mit dem Album "In Seven Days" ein Dokument für eine einzigartige Künstlerfreundschaft. Von Hans Ackermann

Normalerweise ist für Kirill Gerstein kein Klavierstück zu schwer. Scheinbar mühelos spielt er Stücke mit höchstem Schwierigkeitsgrad: Schumanns "Carnaval", den "Totentanz" von Franz Liszt oder die "Fantasia" von Ferrucio Busoni - wahre "Klaviergebirge". Zu denen zählt auch das Klavierkonzert "In Seven Days" von Thomas Adès: Ein Werk in sieben Sätzen, bei dem Gerstein über viele Takte mit der rechten Hand in aberwitzigem Tempo allerhöchste Tonfolgen zu spielen hat. "Am Anfang habe ich eine halbe Stunde dagesessen und in die Noten geschaut. Und es war mir überhaupt nicht klar, wie das funktioniert."

Kirill Gerstein. (Quelle: M. Borggreve)
Kirill Gerstein | Bild: M. Borggreve

Jazz und Klassik vereint

Einfach nur extrem schwere Noten einzustudieren, wie bei "Stars - Sun - Moon", dem vierten Satz aus dem Klavierkonzert, würde für Kirill Gerstein allerdings keinen Sinn machen. Doch wenn hinter komplizierten Rhythmen, rasanten Harmoniewechseln und unspielbar scheinenden Solopassagen eine faszinierende Herausforderung wartet, dann lohnt sich die Mühe: mit nie gehörten Klängen schildert der Komponist hier nichts geringeres als die Entstehung der Welt - vom ersten Satz "Chaos - Light - Darkness" bis zu den "Creatures of the Land" und der abschließenden "Contemplation".

"Thomas ist 'triple thread', ist Komponist, Pianist und Dirigent", so fasst Kirill Gerstein die dreifache Meisterschaft des 1971 in London geborenen Freundes zusammen. Gerstein selbst ist Jahrgang 1979 und hat auch mindestens zwei künstlerische "Seelen" in seiner Brust: Klassik und Jazz. Geboren im russischen Woronesch und als Kind in der Tradition der russischen Klavierschule ausgebildet, hat Gerstein in Boston am Berklee College of Music zunächst Jazzklavier studiert, sich dann an der Manhattan School of Music auf die klassische Musik festgelegt. Mühelos verbindet er in seinem einzigartigen Spiel heute die Freiheit des Jazz mit der Präzision des klassischen Pianisten.

In Boston sind auch die Aufnahmen für das gemeinsame Album "In Seven Days" entstanden - nicht irgendwo, sondern im holzgetäfelten Seiji-Ozawa-Saal des Tanglewood Music Centers. Dort hat schon Leonard Bernstein dirigiert. Jetzt ist hier mit Thomas Adès am Pult und Kirill Gerstein am Flügel ein Livemitschnitt entstanden, der künstlerisch und klanglich seinesgleichen sucht.

Die sieben Sätze des Klavierkonzerts "In Seven Days" sind auf dem neuen Album allerdings erst am Ende zu hören. Zu Beginn spielen Gerstein und Adès auf zwei gegenüberstehenden Flügeln die "Konzertparaphrase über Powder her face". Seine gleichnamige Oper hat Thomas Adès bereits 2015 uraufgeführt, später noch einzelne Themen für sich und Gerstein zu einem höchst anspruchsvollen viersätzigen Klavierwerk verarbeitet.

Unterricht im "elastischen" Klavierspiel

Beide Flügel werden bei diesem Stück derart beansprucht, dass man sich fragt, wie die Instrumente einer solchen extremen Belastung überhaupt standhalten können. "Wenn ein Flügel gut ist", erklärt Kirill Gerstein, "der Pianist gut ist, der Klavierstimmer gut ist, dann passiert da nichts Gewaltiges. Wenn man elastisch spielt, dann verstimmt sich ein Instrument auch nicht!"

Sein "elastisches" Klavierspiel" unterrichte Kirill Gerstein seit zwei Jahren auch als Professor an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Mit den Studierenden im Unterricht über Repertoire, Ausdruck und Spieltechnik zu sprechen, sei "wichtig, produktiv und fruchtbar", sagt Gerstein. "Auch für mich selbst, als Musiker und Konzertpianist".

Keine Langeweile trotz Corona-Pandemie

Trotz der Pandemie sei er im Moment "unglaublich beschäftigt", erzählt der Pianist und Professor, "weil diese Online-Sachen so viel Zeit in Anspruch nehmen". Denn Gerstein unterrichtet nicht nur am Bildschirm, sondern veranstaltet per Videokonferenz auch ein wöchentliches Online-Seminar.

Überschrieben ist die Reihe mit "Kirill Gerstein invites". Zuletzt war der renommierte amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau eingeladen - zugeschaltet aus Amsterdam per Videostream. "Da haben wir 900 Teilnehmer gehabt", erzählt Gerstein, "die nicht nur zuschauen, sondern auch Fragen stellen. Das macht viel Spass, ist aber auch viel Arbeit."

So wichtig die Aktivitäten im Internet auch sein mögen, Gerstein vermisst das gemeinsame Musikerlebnis im echten Konzert. "Das ist schmerzvoll und traumatisch, dass uns das im Moment nicht möglich ist." Musik gäbe es "ohne Ende", in Aufnahmen, im Rundfunk und Online. "Aber das gemeinsame Zuhören ist das, was nicht digitalisierbar ist."

In Berlin, wo der frühere Chefdirigent Simon Rattle im Jahr 2002 mit einem Stück von Thomas Adès seinen Dienstantritt bei den Berliner Philharmonikern gefeiert hat, haben auch Gerstein und Adès immer wieder zusammengearbeitet. Hier ist auch die Idee für eines der Solowerke auf dem neuen Album entstanden, die "Berceuse from The Exterminating Angel".

"Ich habe damals in Berlin 'Totentanz' von Liszt gespielt", erinnert sich Gerstein, "Thomas hat das Rundfunk-Sinfonieorchester dirigiert. Da habe ich ihm erzählt, das ich seine neue Oper liebe und er hat gesagt, 'Okay, ich kann das für dich als Klavierstück bearbeiten'. Drei Wochen später hat er mir die Noten geschickt." Mit tiefen Tönen und entschwebenden Harmonien bringt diese "Berceuse" eine wohltuende Ruhe in das aufwühlende Album, das sich anschließend bei den "Drei Mazurken für Klavier" wieder langsam belebt.

Eine einzigartige Künstlerfreundschaft

"Ich finde, dass die Musik von Thomas Adès im besten Sinne traditionell ist", sagt Gerstein über einen Komponisten, der radikal modern, aber trotzdem durchaus verständlich schreibt. Dies gelingt Thomas Adès, indem er den Zuhörern immer wieder Anknüpfungspunkte aus vergangenen Epochen bietet, Rachmaninoff durchschimmern lässt oder Frederic Chopin. Die "Mazurka Nr. 2" von Thomas Adès spielt Kirill Gerstein besonders gern. "Das ist ein Zitat aus einer Mazurka von Chopin. Welche genau, das ist schwer zu erkennen, in dieser Prismatik von Thomas Adès. Aber verankert ist das in einer Mazurka von Chopin. Unglaublich schwer zu spielen."

Wer die Musik der großen Klavierkomponisten von Schumann und Chopin bis Rachmaninoff mag, wird auch dem britischen Avantgardisten kaum widerstehen können. Kirill Gerstein und Thomas Adès dokumentieren mit ihrem gemeinsamen Album eine einzigartige Künstlerfreundschaft. Aufregender kann zeitgenössische Musik derzeit nicht komponiert und interpretiert werden.

Sendung: Inforadio, 02.06.2020, 15:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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