Dorothee Oberlinger (Quelle: dpa/Karlheinz Schindler)
Audio: Inforadio | 18.06.2020 | Vis a Vis mit Dorothee Oberlinger | Bild: dpa/Karlheinz Schindler

Interview | Dorothee Oberlinger - "Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder nah miteinander spielen können"

Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci sollten eigentlich ein "Flower-Power"-Sommer werden. Wegen Corona bleibt es nun bei einem Alternativprogramm auf Abstand. Intendantin Dorothee Oberlinger über kurzfristige Planänderungen und neue Ideen.

rbb: Die steinernen Figuren im Park Sanssouci und auf den Schlössern sind es gewohnt, Abstand zu halten. Wir Menschen haben es jetzt auch lernen müssen. Wie bitter war es eigentlich für Sie und für Ihr Team entscheiden zu müssen: Dieses Jahr gibt es keine Musikfestspiele?

Dorothee Oberlinger: Das ist alles Schlag auf Schlag gekommen, und die Ereignisse überschlugen sich. Und plötzlich standen wir wirklich vor der Entscheidung: Kriegen wir überhaupt die internationalen Künstler nach Potsdam? Alle Flüge waren abgesagt, sie hätten in Quarantäne gemusst und so weiter. Irgendwann haben wir gesehen, dass das so nicht durchführbar sein wird. Am Ende war es doch eine Erleichterung, weil man die ganze Zeit in der Luft hing. Dann wussten wir: okay, wir verlegen das Ganze aufs nächste Jahr. Und wir haben es auch geschafft, alle Künstler wiederzubekommen - oder zumindest 99 Prozent. Dann fingen wir auch schon an nachzudenken: Was könnte man denn als kleine Alternative planen in diesem Jahr?

Wie sehr hat die Corona-Unterbrechung von drei Monaten die Existenz von Solisten-Ensembles beeinträchtigt?

Extrem beeinträchtigt. Gerade für Freiberufler ist es eine sehr schwierige Lage geworden – und die Alte-Musik-Szene besteht eigentlich fast zur Hauptsache aus Freiberuflern. Die wenigsten haben vielleicht noch eine feste Anstellung als Lehrbeauftragte oder haben eine Professur. Da stehen Existenzen auf dem Spiel, da müssen Familien ernährt, Mieten bezahlt und Instrumente gewartet werden. Deswegen war die Forderung auch sehr schnell, dass man gesagt hat, wir brauchen eine Grundsicherung oder irgendetwas. Es ist nur zu hoffen, dass das jetzt einen guten Weg geht. Man weiß nicht, wie lange die Situation noch andauert. Wenn jetzt in Brandenburg zum Beispiel tausend Leute wieder eine Veranstaltung besuchen können, dann geht das nur in großen Hallen, wo die Abstandsregeln beachtet werden können. In Potsdam gibt es aber überwiegend sehr kleine und sehr feine Räume, in die sie vielleicht noch zehn oder zwanzig Leute reinlassen dürfen. Da wird es schon sehr exklusiv, wenn sie internationale Künstler einladen wollen.

Zu den Besonderheiten Ihres Festivals gehören neben großen Open Airs diese Intimität bei Aufführungen in kleinen Räumen. Warum spielen Sie gerne in solchen Räumen?

Wenn man auf der Bühne einer großen Philharmonie steht, hat man eine enorme Distanz. Da ist man der kleine Stecknadelkopf für die Leute, auch wenn die akustisch gut gebaut sind. In einem historischen Raum mit diesem ganzen Holz in der Vertäfelung oder auch am Boden als Resonanzkörper hat die Musik eine ganz andere Wirkung hat. Ich war gerade im Schlosstheater und habe mal ein paar Töne auf der Flöte gespielt. Ich habe festgestellt, man kann an jedem Ort in diesem kleinen Theater jeden Ton hören. Und man ist ganz direkt dran. Man kann fast zupacken bei dem Geschehen, und das ist einfach eine andere Situation: Man ist in dem Geschehen drin.

Haben Sie sich in den letzten Wochen gefragt, warum habe ich ausgerechnet Blockflöte als mein Instrument entdeckt? Da muss ich jetzt über Aerosole nachdenken. Bei einer Harfe hätte ich das Problem nicht.

Das habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Es gibt sehr unterschiedliche Studien zu diesem Thema. Zum Beispiel aus Bamberg, von den Bamberger Symphonikern oder auch aus Freiburg von der Musikhochschule, wo man geschaut hat, wie gefährlich ist das eigentlich wirklich? Und da kann kamen eigentlich relativ beruhigende Ergebnisse heraus. Aber trotzdem gibt es jetzt diese Regeln: Ein Sänger muss vom Publikum sechs Meter Abstand haben, die Musiker untereinander 1,5 Meter. Das ist schlecht für den Kontakt. Normalerweise steht man in der Kammermusik näher beieinander. Man muss sich gut spüren und sich gut sehen. Da hoffe ich einfach, dass wir irgendwann wieder ganz normal nah miteinander spielen können.

Ganz fallen die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2020 nicht aus. Es gab am letzten Wochenende zwei Frischluft-Konzerte im Park Babelsberg und in Sanssouci. Es war sehr frisch, oder?

Sehr frisch. Die zwei Familientouren am Vormittag haben noch ohne ein Tröpfchen stattgefunden, und die Kinder waren ganz glücklich. Mein Sohn war auch als Versuchskaninchen mit dabei. Und wenn der schon sagt, es war ganz toll, dann ist das ein Gütesiegel. Am Nachmittag hatten wir denn eigentlich eine große Wanderung durch den Park Sanssouci geplant, mit sehr besonderen Orten wie der Grotte und der Frosch-Fontäne. Das ist dann ordentlich ins Wasser gefallen. Also spätestens bei dem dritten Durchlauf gab es einen schlimmen Sturm und Gewitter, dass die Musiker und die Noten nass geworden sind und alle haben sich dann in die Orangerie hereingeflüchtet. Das war ein sehr abenteuerlicher Abschluss.

Am Sonntag findet ein dreistündiges Konzert aus dem seit sieben Jahren geschlossenen und nun wieder sanierten Schlosstheater im Neuen Palais. Wir dürfen nicht rein, aber die Musik kommt wenigstens raus. Mit welchem Programm wollen sie die Wiedereröffnung feiern?

Das Programm des Abends ist verbunden mit einem anderen Projekt. Wir haben uns überlegt, was können wir als Kondensat der Festspiele mit ihrem größten Kooperationspartner, der Stiftung Schlösser und Gärten, Berlin-Brandenburg, festhalten? Die Idee war, einen Film mit dem Schweizer Regisseur Fosco Dubini zu produzieren, der unter anderem den Bayerischen Filmpreis erhalten hat. Fosco Dubini war jetzt viele Tage hier bei uns in Potsdam und hat in den bedeutenden Musiksälen mit Musikern gedreht. Die Räume werden als Einspieler zu sehen sein, wie zum Beispiel der Raffaelsaal im Orangerieschloss. Dann haben wir in den Neuen Kammern die Ovid-Galerie, die an den Wänden die Metamorphosen nacherzählt, oder den Palmen-Saal, in dem König Friedrich Wilhelm II. selbst Cello gespielt hat. Diese Säle können wir sehen, aber dazwischen wird auf der Bühne Live-Musik passieren.

Diese Säle sind dann hoffentlich 2021 wieder Austragungsorte unter dem Motto "Flower Power“. Wenn jetzt alle Menschen ihre Eintrittskarten von diesem Jahr behalten, hätte ich dann eigentlich noch eine Chance, eine zu kriegen?

Es gibt zum Teil sehr kleine Säle, da ist das Kontingent dann schnell weg. Aber wir haben ja auch größere Veranstaltungen wie die Open Airs und diese Tickets kann man auch weiter kaufen. Die meisten Leute haben wirklich ihre Tickets behalten, gesagt, dann gehen wir einfach im nächsten Jahr.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Dorothee Oberlinger hat Harald Asel für Inforadio geführt. Dieser Text ist eine gekürzte und redgierte Fassung des Gesprächs, das Sie in voller Länge oben im Beitrag im Audio hören können.

Sendung: Inforadio, 18.06.2020, 10:45 Uhr.

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