Kinositze, als Sitzgelegenheit im Kino Ufa-Kristallpalast in Dresden sind mit Flatterband teils abgesperrt. (Quelle: dpa/Robert Michael)
Bild: dpa/Robert Michael

Reportage | Programmkinos in der Krise - Nach dem Filmriss

Berliner dürfen wohl ab Ende Juni wieder ins Kino. Sehnsüchtig warten Programmkino-Betreiber darauf, denn sie fürchten eine Insolvenz. Erste Opfer hat der Lockdown gefordert, aber auch das Unmögliche geschafft: Konkurrenten warten aufeinander. Von Sebastian Voigt

 

Langsam wird es dunkel im Saal. Das Gemurmel der Besucher verebbt. Der Vorhang öffnet sich und eine kollektive Spannung entsteht. Eine ganz besondere Stille, die vielleicht nur ein voll besetzter Kinosaal hinbekommt. Die nächsten ein bis zwei Stunden wird man nicht nur einen Film sehen, sondern gemeinsam mitfiebern, lachen und weinen. So könnte eine gelungene Vorstellung aussehen, doch seit über zwei Monaten bleiben die Sitzreihen leer.

"Gehe an mein Erspartes, um die Leute bezahlen zu können"

Wie in vielen Kulturbetrieben gibt es auch bei den meisten Berliner Programmkinos kaum finanzielle Rücklagen. Ohne Einnahmen ist, schnell die Existenz bedroht. Im Gespräch mit rbb|24 sagt Andrea Stosiek, Betreiberin des Sputnik Kinos am Südstern, dass bei ihr momentan die Reserven bis zum Rest aufgebraucht werden.

Danach geht sie als Einzelbetreiberin an ihr privat Erspartes "um die Leute weiterbezahlen zu können". Drei Festangestellte hat sie. Viele Stammgäste und Freunde haben Gutscheine gekauft. Man darf nur nicht vergessen, dass ein Gutschein "quasi ein Kredit" ist, sagt sie. Irgendwann kommen alle Leute mit Gutschein und wollen diesen einlösen. Hoffentlich nicht in den ersten zwei Wochen nach Wiedereröffnung, dann "haben wir wieder keine Einnahmen".

Archivbild: Die Geschäftsführerin der Berliner Kinos Moviemento und Central, Iris Praefke, posiert am 24.07.2014 im Foyer des Moviemento in Berlin. (Quelle: dpa/Andrea Warnecke)
Iris Praefke, Geschäftsführerin des Programmkinos Moviemento | Bild: dpa/Andrea Warnecke

Ein Geschäft mit wenig Gewinn

Luft verschafft haben die Soforthilfepakete des Senats und der schnelle Einsatz des Medienboards Berlin-Brandenburg. Hier wurde über die jährlichen Kinoprogrammpreise zusätzliches Geld locker gemacht. Jedes Kino der Region, dass sich auf einen Preis beworben hatte, bekam 10.000 Euro Soforthilfe. Die Gewinnprämien wurden verdoppelt und die Veranstaltung aus dem Juni vorgezogen, um sofort zu helfen.

"Die Erhöhung hilft natürlich", sagt Iris Praefke, Geschäftsführerin des Moviemento in Berlin-Kreuzberg, "Aber auch im Normalbetrieb braucht man dieses Geld aus Kinoprogrammpreisen". Kino ist ein Geschäft in dem man wenig bis gar nichts verdient, so Praefke. Und dass es selbst Spielstätten treffen kann, die zu einem großen Unternehmen gehören, zeigt jüngst die Insolvenz des Colosseum in Prenzlauer Berg

Berlin hat den Wettlauf um Öffnungstermine beendet

In der Branche ist sowohl für Verleiher als auch für Kinobetreiber ein bundesweit einheitlicher Restart wünschenswert. Sonst ist "die Aufmerksamkeit des Publikums sehr zerfasert", wie es Stosiek vom Kino Sputnik sagt. Der Senatsbeschluss für eine Öffnung ab 30.06. stößt auch beim Interessenverband der deutschen Programmkinos (AG Kino) auf Gegenliebe, denn es "gibt den Lichtspielhäusern in der Hauptstadt die Möglichkeit, gutes und sicheres Kino zum Juli vorzubereiten" und genügend Vorlauf für "Hygieneauflagen sowie Programmplanung", so Verbandsvorsitzender Christian Bräuer.

In Brandenburg darf man schon vorher starten. Ab 6. Juni dürfen bis zu 75 Besucher mit Abstand ins Kino. "Dank Corona", so Stosiek, gebe es aber einen "regen Austausch von Kinobetreibern", die sagen "wir sitzen alle in einem Boot, auch wenn wir eigentlich Konkurrenten sind." Resultat: Brandenburger Kinos werden auf die Berliner warten.

1,50 Meter Abstand ist für den Kinobetrieb "eine Katastrophe"

So zufrieden alle mit dem Termin sind, so schwierig ist die Frage nach dem Abstand. An die Masken haben sich viele gewöhnt. Sobald man sitzt, darf man sie auch abnehmen. Doch gerade die aktuelle Abstandsregel von 1,50 Meter bereitet den Betreibern Kopfschmerzen.

Praefke vom Moviemento spricht hier sogar von "einer Katastrophe" für den Kinobetrieb. Sie sagt, "es bringt mir nicht so viel, wenn ich nur 5 Leute in den Saal lassen kann". Für Sie liegt die Grenze bei 50 Prozent Auslastung. Damit könne man anfangen, aber auf Dauer ist auch das zu wenig, denn "alle Kinos leben davon, dass es auch mal ausverkauft ist am Wochenende", so die Betreiberin. Ein Dilemma, denn gleichzeitig will man kein Risiko eingehen.

Der vielleicht ungünstigste Ort

Nach wie vor ist die Rolle der Aerosole nicht endgültig geklärt. Ein fensterloser Kinosaal, ist vielleicht der ungünstigste Ort, um viele Menschen zusammenzubringen. Stosiek sagt: "Eine zweite Infektionswelle wäre der Tod für viele Kinos", auch für ihr eigenes. Sie hat als Betreiberin des Freiluftkinos Insel im Sommergarten des Cassiopeia Friedrichshain immerhin schon die Chance nächste Woche zu starten. Open-Air-Kino lässt der Senat ab 02. Juni zu.

Für die Indoor-Kinos bleibt aus Sicht von Betreibern und Filmfans zu hoffen, dass die Pause bis Ende Juni eine weitere Lockerung der Abstandsregelung zulässt. Die Mitinitiatorin Praefke zeigt sich zuversichtlich, dass es alle 36 Programmkinos der Hauptstadt durch diese schwierige Phase schaffen.

Sendung: Inforadio, 2.6.2020, 9 Uhr

Beitrag von Sebastian Voigt

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1 Kommentar

  1. 1.

    "Wettlauf um Öffnungstermine" - @rbb: könntet ihr mal bitte etwas neutraler formulieren? Das grenzt an einen Kommentar. Vermischung von Meinung und Bericht darf nicht sein!

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