Der Schauspieler Elmar Roloff am Lyriktelefon des Schauspiels Stuttgart (Bild: Björn Klein)
Audio: Inforadio | 03.06.2020 | Cora Knoblauch | Bild: Björn Klein

Kritik | "Lyriktelefon" des Schauspiels Stuttgart - Hölderlin am Telefon

Das Schauspiel Stuttgart entdeckt, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, das Telefon als künstlerisches Medium. Am "Lyriktelefon" lesen Schauspieler und Schauspielerinnen live Gedichte vor, zum Beispiel von Hölderlin. Von Cora Knoblauch

"Hier ist das Lyriktelefon vom Staatstheater Stuttgart. Sie hatten sich eine Lesung gewünscht und diesen Wunsch würde ich Ihnen gerne erfüllen", meldet sich eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt ruft Elmar Roloff an. Der Schauspieler schenkt mir 20 Minuten Hölderlin und Nelly Sachs. Die Slots werden online vergeben. Kostenlos.

Publikum am Telefon

Die Zeit ohne Publikum ist vielen Schauspielern in der Corona-Krise lang geworden. Und da die Zuschauer weiterhin nicht in die Theatersäle dürfen, hat das Schauspiel Stuttgart beschlossen, sein Ensemble telefonisch zum Publikum zu schicken. Jede Woche wechseln die Vorleser und die Lyrik. Mich ruft einer der bekanntesten und dienstältesten Schauspieler aus Stuttgart an. Vergangenes Jahr wurde Elmar Roloff, mittlerweile 76 Jahre alt, vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium zum Staatsschauspieler ernannt. Heute Abend liest er mir unter anderem Hölderlins Gedicht "Die Heimat" vor.

Ein beinahe privates Gespräch

Als das Gedicht beendet ist, entspinnt sich zwischen Vorleser und Zuhörerin ein beinahe privates Gespräch über den Sommerabend als möglicherweise positive Metapher für das Lebensende. Man schaue an manchen Abenden eben manchmal in den Himmel und sehe noch den Abglanz des Tages, sinniert Roloff am Telefon. "Es ist jetzt Abend. Morgen gibt es einen neuen Tag und eines Tages gibt es dann keinen neuen Tag mehr." Dieses Hölderlin-Gedicht sei für ihn eine Aufforderung, den sprichwörtlichen Lebensabend mal anders zu sehen. Ohne Verbitterung.

Lyrik kommt oft zu kurz

Die Zeit drängt ein bisschen. Für Nelly Sachs und zwei sehr düstere Gedichte aus ihrem Zyklus "In den Wohnungen des Todes" bleiben uns noch knapp zehn Minuten. Im letzten Gedicht überlegt eine junge Frau, was ihr sterbender Bräutigam denn im Augenblick des Todes überhaupt gesehen habe. Privat liest Roloff übrigens selten Lyrik, sondern lieber amerikanische Romanautoren wie Paul Auster, erzählt er. In seinem Alltag käme die Lyrik meistens zu kurz. Darum habe er sich sehr gefreut über die Idee des Staatstheaters Stuttgart, seine SchauspielerInnen Lyrik lesen zu lassen.

Experimente mit alternativen Formaten

Theater per Telefon zum Publikum zu bringen, das gab es übrigens schon einmal. Anfang des 20. Jahrhunderts übertrug das Pariser Théâtrophone Opern- und Theateraufführungen live in die Salons des Pariser Bürgertums.

Auf der Bühnen zu stehen und im Kontakt mit dem Publikum zu sein, vermisse er sehr, sagt Elmar Roloff. Doch auch wenn das Schauspielern vor Publikum demnächst wieder erlaubt sein sollte – Roloff wird aus gesundheitlichen Gründen vorerst nicht in vollen Häusern proben und spielen dürfen. Darum sei er sehr glücklich, dass sein Theater mit alternativen Formaten experimentiere und er weiterhin beschäftigt sei.

Am Ende bedankt sich der Stuttgarter Publikumsliebling sehr höflich und bescheiden dafür, dass er mir die Gedichte vortragen durfte. Ich habe zu danken! Und höchste Zeit, mal wieder die angestaubten Lyrikbände aus dem Bücherregal hervorzuholen.

Beitrag von Cora Knoblauch

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