Musiker und Sänger der Komischen Oper stehen vor dem Operndolmuş (Quelle: Robert Recker)
Audio: Inforadio | 09.06.2020 | Oliver Kranz | Bild: Robert Recker

Kleines Konzert - große Wirkung - Komische Oper lässt den Operndolmuş wieder fahren

Als Dolmuş werden in der Türkei Sammeltaxis bezeichnet. Der Dolmuş der Komischen Oper bringt seit acht Jahren Musiker und Sänger in Altersheime, Cafés oder interkulturelle Zentren. Wegen Corona bekommt die Reihe nun ein neues Format. Von Oliver Kranz

Bisher fuhren die Musiker und Sänger der Komischen Oper öffentlichkeitswirksam mit einem Kleinbus vor, auf dem mit großen Buchstaben "Selam Opera" stand – übersetzt "Hallo Oper". Doch in Corona-Zeiten ist Abstand gefragt. Jeder kommt für sich, jeder trägt eine Maske – alles betont unauffällig, bis im Hinterhof die Musik losdonnert. Am Anfang steht der Can Can aus Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" – ein Stück mit Wumms, auch wenn es "nur" mit einer Geige, einem Akkordeon und einem Kontrabass gespielt wird.

Im Hinterhof in der Kreuzberger Friesenstraße gehen die ersten Fenster auf. Drei Kinder am Buddelkasten wippen im Takt. Ein Mann, der gerade sein Fahrrad angeschlossen hat, bleibt stehen. Die Akustik ist großartig, auch als kurz darauf Alma Sadé die Habanera aus der Oper "Carmen" singt – ein warmer, voller Klang, wie aus der besten Stereoanlage. Einige Zuhörer können es kaum glauben. "Wo ist das Mikro", flüstern sie. Doch es gibt keins. Der Hof wirkt als Resonanzraum. Man steht mitten in der Musik.

Konzert vom Fenster aus lauschen

Nur der Moderator spricht in ein Megafon. "Was Sie hier hören, ist das erste Live-Konzert der Komischen Oper seit drei Monaten. Da Sie im Moment nicht zu uns kommen können, kommen wir zu Ihnen." Das ist das Konzept des Operndolmuş‘ seit er im Jahr 2012 erfunden wurde. Das Haus möchte opernferne Milieus erreichen und bietet kostenlose Kurzkonzerte an – in der Regel an öffentlichen Orten. Da aufgrund der Corona-Gefahr Menschenansammlungen vermieden werden müssen, finden die Konzerte nun in Hinterhöfen statt.

Der neue Titel lautet: "Komşu Dolmuş". "Wir wollen betonen, dass es nicht nur um deutsche Hochkultur geht", sagt Julia Maier von der Komischen Oper. "Deshalb haben wir einen fremdsprachigen Titel gewählt. 'Komşu' ist türkisch und bedeutet 'Nachbar'. 'Dolmuş' bedeutet 'gefüllt'. 'Komşu Dolmuş' heißt also 'voll mit Nachbarn'" – was in Corona-Zeiten missverständlich ist, denn voll soll es bei den Konzerten gar nicht werden. Die Anwohner erhalten vorab Flugblätter, weitere Werbung gibt es nicht. Wer dabei sein möchte, soll in seiner Wohnung bleiben und vom Fenster aus zuhören.

"Viele gehen heute nicht mehr in die Oper"

Das Programm ist eine Zusammenstellung aus Opernhits, Chansons und Schlagern. Der Tenor Ivan Tursic schmettert eine Figaro-Arie aus Rossinis "Barbier von Sevilla" und gleich im Anschluss: "Einmal möcht' ich keine Sorgen haben" von Mischa Spoliansky. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man so mehr Zuschauer erreicht", sagt Julia Maier. "Man muss sich vor Augen halten, dass heute viele Menschen die Oper gar nicht mehr kennen. Sie kennen aber bestimmte Melodien, die in der Werbung genutzt werden – die Figaro-Arie zum Beispiel. Mit diesen Stücken holen wir die Leute ab und können dann auch etwas anderes bieten."

Etwa eine Version des türkischen Pop-Songs "Dağlar Dağlar" von Barış Manço, der von Alma Sadé und Ivan Tursic im Duett gesungen wird – hochemotional und hinreißend schön. "Der Titel heißt übersetzt 'Berge Berge'", erklärt Julia Maier. "Es geht darum, dass man dem Liebsten gerade nicht nah sein kann und sehr große Sehnsucht verspürt. Das haben wir ins Programm genommen, weil wir glauben, dass das viele Menschen in der Coronazeit, als wir quasi im Hausarrest waren, selbst erlebt haben. Das ist ein Gefühl, das spricht alle an, egal ob türkischsprachig oder nicht."

Hinterhof-Konzert mit großer Wirkung

Der Applaus im Hinterhof in der Friesenstaße gibt Julia Maier Recht. Als das Konzert nach einer knappen halben Stunde zu Ende geht, wird nach Zugaben gerufen. Die Musiker spielen noch einmal den Can Can, dann müssen sie weiter, weil sie am selben Abend noch in anderen Höfen spielen. "Ich habe lange nicht mehr so was Schönes erlebt", sagt eine dunkelhaarige Frau, die sichtlich gerührt im Hauseingang steht. "Diese Atmosphäre, diese Stimmen, das war Wahnsinn." Ihre Nachbarin fügt hinzu: "Es hat alles so gut gepasst." Sie sei zwar keine Operngängerin, "aber das hat echt Spaß gemacht."

Vielleicht werden die beiden in Zukunft ja doch die Oper besuchen. Das kleine Hinterhofkonzert hat eine große Wirkung hinterlassen.

Sendung: Inforadio, 09.06.2020, 08:55 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

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1 Kommentar

  1. 1.

    Was für eine rundherum wunderbare Idee! Freut mich sehr.

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