Symbolbild: Fusion Festival in Lärz (Quelle: Marcus Heep)
Video: rbb|24 | 18.06.2020 | Material: rbb SPEZIAL, Archiv | Bild: Marcus Heep

Berlin und Brandenburg - So fühlt sich ein Sommerleben ohne Musik-Festivals an

Keine Live-Musik, kein Camping-Feeling, kein Festival-Bändchen: Dieser Sommer stellt Festival-Fans und Musikszene auf eine harte Probe. Andererseits: Wer will sich schon in Hotpants zwängen, wenn die Welt total aus den Fugen ist. Oder? Von Raffaela Jungbauer

Als Teenager hing ich hauptsächlich mit Leuten ab, die nicht sonderlich verwöhnt vom Leben waren. Im Sommer waren keine großen Überseereisen geplant, wir waren auch nicht Mitglied eines teuren Sportvereins oder irgendeiner anderen elitären Gruppe. Wir hangelten uns eher von Tag zu Tag, definierten uns über unseren Musikgeschmack und kämpften mit allerlei Quatsch auf den Straßen unserer Kleinstadt gegen die Langeweile an.

Festivals schaffen Momente

Doch manchmal gab es ein großes Volksfest. Und wenn sich dann eine renommierte Band herabließ, bei uns in der Provinz zu spielen, dann waren wir diejenigen, die mit den Ohren an den Absperrgittern hingen und durch einen Schlitz in der Plastikplane einen Blick erhaschen wollten. Denn Geld für den Eintritt hatten wir nicht. Die ganz Mutigen von uns, versuchten einzubrechen und fielen dabei ordentlich in den Dreck.

Festivals schaffen Momente. Selbst, wenn man nicht reindarf.

Und um diese Momente hat uns 2020 bisher weitestgehend beraubt.

Lollapalooza Festival im Olympiastadion und Olympiapark. Berlin, 08.09.2019 (Quelle: dpa/Kubelka)
Publikum beim Lollapalooza 2019 in Berlin | Bild: dpa/Kubelka

Wie sieht’s aus bei Großveranstaltungen?

Großveranstaltungen dürfen auch weiterhin nicht stattfinden. Deswegen wird es diesmal das Lollapalooza in Berlin nicht geben, auf dem rund 140.000 Besucher ein wildes Septemberwochenende erlebt hätten.

Auch die legendäre Berliner Fête de la Musique [Externer Link], die in diesem Jahr ihr 25. Jubiläum feiern wollte, wird diesmal nicht für Musik an jeder Straßenecke sorgen. Sie wird zur Fête de la Haus-Musique: Kurator Björn Döring hat zusammen mit dem Organisationsteam und dem Berliner Senat ein Onlinekonzept erarbeitet, bei dem die Musikerinnen und Musiker am Sonntag, den 21. Juni, aus ihren Wohnzimmern und von ihren Balkonen auf die Website der Fête gestreamt werden.

Die Kleinen trifft es am härtesten

Besonderes Pech haben die kleinen, charmanten Indie-Festivals wie das Alinae Lumr Festivals in Storkow. Die Macher haben sich gleich ins nächste Jahr verabschiedet und die diesjährige Ausgabe schweren Herzens abgesagt. Und das, obwohl erlesene Indieacts wie Emiliana Torrini erwartet wurden.

Ob es diese kleine Festivalperle mitten in der Natur im nächsten Jahr überhaupt noch gibt, ist unklar. Hangeln sich doch gerade die kleinen Veranstalter finanziell von Jahr zu Jahr.

Fete de la Musique, "Top Shelf Brass Band" aus Los Angeles (LA) vor der Oberbaumbrücke (Quelle: dpa/Kriemann)
Fête de la Musique, "Top Shelf Brass Band" aus Los Angeles vor der Oberbaumbrücke | Bild: dpa/Kriemann

Letzte Rettung: Crowdfunding!

Deshalb denken sich viele gebeutelte Macher einiges aus, um zum Beispiel per Crowdfunding die nötigsten Einnahmen zu generieren.

Diesen Weg geht auch das für dieses Jahr abgesagte Sacred Ground Festival [Externer Link]. Wer seine bereits erworbenen Tickets spendet oder sich aktiv per Crowdfunding einbringt, kann helfen, das kleine Musikevent in der Uckermark zu retten.

Das Feel Festival [Externer Link] in der Niederlausitz geht sogar soweit, bei einem Spendenaufruf seine entstandenen Kosten in Höhe von rund 385.100,00 Euro offenzulegen. Es gibt in diesem Jahr kein Jenseits von Millionen Festival in Friedland und auch kein Artlake Music & Art Festival in Lichterfeld.

Eine komplette Branche liegt brach. Die staatlichen Unterstützungen für Mitwirkende des Veranstaltungsbetriebes, vor allem für die Künstler selbst, sind in der Regel mehr Hohn als Hilfe – was einen Schwall an verzweifelten Appellen zur Folge hat: "Bitte unterstützt mich via Patreon! Hier ist meine Bankverbindung! Da meine Crowdfundingkampagne!" Das hat den bitteren Beigeschmack des Bettelns – eine unerträgliche Situation für Kulturschaffende.

Gibt es Alternativen?

Eigentlich sind kleine Open Airs wieder möglich. Zumindest theoretisch. Doch die Unsicherheit der vergangenen Monate und Vorgaben wie 1,5 Meter Abstand machen es schwer.

Einen kleinen Hauch von Stadtfestivalcharakter erhält man bis zum 28. August beim Radioeins Sommergarten im Frannz Club. Der Bereich vor dem Frannz wird zum Open-Air-Studio und präsentiert unter anderem lokale Musikerinnen und Musiker. Um einen der wenigen Plätze vor der Bühne zu ergattern, ist eine zeitnahe Reservierung dringend erforderlich. Solche Konzepte könnten diesen Festival-Sommer retten. Aber: Diese kleinen Schauplätze ersetzen nicht die nackten Füße im Sand. Und Streamings sind kein Ersatz für die Lieblingsband vor der Nase, führen zu keinen bleibenden Erinnerungen und zu keinem Wir-Gefühl. Das können eben nur Festivals.

Beitrag von Raffaela Jungbauer

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3 Kommentare

  1. 3.

    Es geht nicht um Luxusprobleme sondern vor allem um 10.000 Tausende oder mehr von Jobs in dieser Branche die als erste betroffen war und die letzte die irgendwann wieder aktiv werden kann . Und viele andere Firmen und Selbständige in diesem Bereich sind dadurch genauso betroffen .

  2. 2.

    Auch wenn das in Europa oder Deutschland immer noch normal scheint, “Cultural Appropriation“ fördern indem man Kopfschmuck von Indianern als Festival Accessoire promoted is leider etwas rückständig. Raffaela, Kultur respektieren geht anders. You can do better!

  3. 1.

    Wie schön, dass es auch in diesen Zeiten noch Menschen mit echten Luxusproblemen gibt.

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