Zitty - Schriftzug einer Berliner Zeitschrift (Quelle: imago images/Steinach)
Bild: imago images/Steinach

Nach 43 Jahren - Berliner Stadtmagazin Zitty wird eingestellt

"Tip" oder "Zitty" - das war für viele Ausgehfreudige in (West-) Berlin über Jahrzehnte eine Glaubensfrage. Nach 43 Jahren wird die "Zitty" nun eingestellt - der DJV spricht vom ersten Corona-Opfer der Berliner Medienlandschaft.

Das traditionsreiche Berliner Stadtmagazin "Zitty" stellt nach 43 Jahren sein Erscheinen in gedruckter Form ein. Das bestätigte Geschäftsführer Robert Rischke von der GCM Go City Media GmbH am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Der Berliner DJV-Vorsitzende Christian Walther sprach vom "ersten Opfer von Corona in der Berliner Medienlandschaft".

Nach Informationen des Berliner Journalistenverbandes wurden die Beschäftigten in dieser Woche von der Geschäftsleitung über den Schritt informiert. Die festangestellten Redaktionsmitglieder hätten sich bereits seit einiger Zeit in Kurzarbeit befunden. Kündigungen seien vorerst nicht geplant, berichtet der DJV. Er sieht aber vor allem Pauschalisten und freie Mitarbeiter des Blattes akut gefährdet.

"Tip" soll weitergeführt werden

Der Berliner DJV-Vorsitzende Christian Walther sagte: "Der Zusammenbruch des Kulturbetriebs, der Einbruch des Anzeigengeschäftes und das Desinteresse der Leser an einem gedruckten Veranstaltungskalender ohne Veranstaltungen haben Zitty die Existenzgrundlage entzogen."

Die "Zitty" war 1977 in West-Berlin von einer Gruppe junger und politisch interessierter Blattmacher gegründet worden. Vor allem in den 1980er und 90er Jahren ging im Berliner Nacht- und Kulturleben kaum etwas ohne die Stadtmagazine, die Kino- und Veranstaltungsprogramme abdruckten, dazu Kritiken lieferten und einen bunten Anzeigenmarkt. Wobei der "Tip" etwas bunter und hochglänzender war und die "Zitty" auch einen politischen Anspruch hatte.

Doch spätestens mit der Ausbreitung des Internets war die große Zeit der Stadtmagazine vorbei, seit 2016 erschienen die beiden ehemaligen Kontrahenten sogar gemeinsam bei der GCM Go City Media. Der "Tip" soll nach DJV-Informationen indes auch in gedruckter Form weitergeführt werden, und zwar im Sommer monatlich, ab September wieder 14-tägig.


Sendung: Kulturradio, 19.06.2020, 15.00 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Naja, schade. Noch in den 2000ern habe ich kaum eine Zitty ausgelassen. Was sie für mich gekillt hat waren aber das Internet und das Alter (meins) und nicht Corona. Schüss und Danke!

  2. 10.

    Ja, ja, Corona ist schuld ... Wie fast immer, wenn ein Unternehmen strauchelt, sind dafür eklatante Managementfehler verantwortlich. "Zitty", einst selbstverwalteter Betrieb und Teil einer blühenden Alternativszene, wurde seit zwanzig Jahren teils mit konfusen Konzepten, teils ohne Konzept von wechselnden Eigentümern gegen die Wand gefahren. Am Ende war es ein dünnes Blättchen, dessen Inhalt weitgehend identisch mit dem des "Tip" war, und mit lückenhaftem Veranstaltungskalender (das ursprüngliche Konzept des Blattes war: hier findet ihr alles). Anscheinend war weder Verlag noch Redaktion klar, wozu es die Zeitschrift überhaupt noch gab und wer sie kaufen sollte. Was Wunder, wenn es immer mehr Lesern ebenso ging (die verkaufte Auflage sank von über 70.000 auf rund 10.000).

    Corona hat dieser Zombie-Existenz bestenfalls den Gnadenschuss gegeben. Wären Sinn und Substanz nicht längst aufgebraucht gewesen, hätte das Blatt die Krise überstanden.

  3. 9.

    Oh nein!

  4. 8.

    Wenn Sie sich da mal nicht gewaltig irren. Berlin hat schon immer eine Alternative Szene besessen und davon partizipiert. Siehe Clubkultur, Freie Kunst und nicht zu vergessen die kreativen Theatergruppen und ebenso Musiker*innen die gerne hier leben und arbeiten. Nein, dazu gehört schon mehr als Corona. Oder wollten Sie auf einen zukünftigen Senatswechsel hinweisen? Auch hier bin ich sehr Optimistisch was das betrifft.

  5. 7.

    Ich schließe mich als Ossi auch an. Leider muss ich gestehen, dass ich Stadtmagazine in den letzten Jahren nicht mehr gekauft habe. :(

  6. 6.

    Ach, die Zitty gab es noch?

  7. 3.

    Für wahr. Finde ich sehr,sehr schade. Ich habe immer die Zitty den Vorzug gegenüber die Tip gegeben. Danke auch an @Mühli für den zutreffenden Kommentar.

  8. 2.

    Ja, traurig, ein Stück Alt-Westberlin ist weg..

  9. 1.

    Traurig! Ausgerechnet die "Zitty" und "natürlich" die Zitty: Genau das ist die Corona-Tragik. Als erstes trifft es die alternativen, die indie-lastigen, die wilderen, ungebügelten, que(e)rgestrickten Einrichtungen. Die Zitty ist ein Mahnmal des Verlustes, der über diese Stadt hereinbrechen wird. Schade drum.
    Ausgerechnet die spießigere "Tip" hat den längeren Atmen. Sei ihm natürlich gegönnt, aber wirklch typisch, wen es als erstes trifft. Danke allen Autoren, die mich seit Jahren so hervorragend über die Szene informiert haben!
    Mühli

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