Die Sitzfigur mit dem historischen Titel „Hockende Negerin“ von Arminius Hasemann, nachdem ihr der Kopf abgeschlagen wurde (Quelle: Detlef Günther)
Bild: Detlef Günther

Zitadelle Spandau will umstrittene Plastik zeigen - Zerschlagene Skulptur soll auch ohne Kopf ins Museum

Unbekannte haben in Berlin-Zehlendorf einer Steinfigur aus den 1920er-Jahren den Kopf abgeschlagen. Der Bezirk hatte den Abbau schon beschlossen - die Skulptur sei rassistisch. Das umstrittene Werk soll nun in einer Ausstellung gezeigt werden.

Eine in Berlin-Zehlendorf am Mittwoch massiv beschädigte Steinskulptur soll nun Teil einer Ausstellung der Zitadelle Spandau werden - trotz des derzeit fehlenden Kopfes der Figur. Das teilte das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf dem rbb am Freitag mit.

Die Zitadelle Spandau habe erklärt, dass sie die nun beschädigte Skulptur in ihrer Ausstellung "Enthüllt" zeigen wolle. Auch "geköpft" könne die Figur in die dortige Ausstellung integriert werden: "Das Interesse ist weiter da, weil das natürlich auch ein Zeitdokument ist", teilte das Bezirksamt rbb|24 mit.

Künstler Arminius Hasemann umstritten

Der Figur trägt den Namen "Hockende Negerin" und steht in der Zehlendorfer Leuchtenburgstraße. Die Skulptur stammt vom Bildhauer Arminius Hasemann. Sie zeigt eine kniende weibliche Figur, mit gebeugtem Rücken, die Hände nach vorne gelegt. Der Figur war in der Nacht zu Mittwoch von Unbekannten der Kopf abgeschlagen worden. Der "Tagesspiegel.de" berichtete.

Nach Recherchen der Hochschule für Technik und Wirtschaft [bildhauerei-in-berlin.de] schuf der zuletzt nur noch wenig beachtete Berliner Künstler Arminius Hasemann die Figur im Jahr 1922. Hasemann und seine Arbeiten stehen auch aufgrund seiner Tätigkeit für die NSDAP in der Kritik. Nach dem 2. Weltkrieg war Hasemann in Ost- wie auch in West-Berlin für verschiedene Auftraggeber tätig, an verschiedenen Gebäuden in Berlin sind von ihm geschaffende Figuren oder Reliefs zu sehen.

Die Sitzfigur mit dem historischen Titel „Hockende Negerin“ (Quelle: Susanne Kähler)

"Stark geeignet, rassistische Stereotypen zu transportieren"

Die offiziell betitelte Figur "Hockende Negerin" hatte zuletzt aufgrund ihrer stereotypen Darstellung für Proteste gesorgt. Die HTW weist auf einer Info-Webseite auf eine "für die Kunst der 1920er Jahre nicht untypische, aus heutiger Sicht rassistische Tendenz" der Darstellung hin.

In der Folge der Debatten hatte die BVV im Januar beschlossen, die "rassistische Skulptur 'Negerin'" zu entfernen [berlin.de]. Zur Begründung hieß es unter anderem, die Figur stelle die "afrikanische Frau (...) einfältig" dar und sei "stark geeignet, rassistische Stereotypen zu transportieren". Weder die Skulptur noch die Vita des Künstlers seien "derart herausragend, dass sie eine Ausstellung und Würdigung in dieser Weise rechtfertigen würden".

Nun meldeten die Kuratoren der Dauerausstellung "Enthüllt" in der Zitadelle Spandau Interesse an, die Figur künftig in der Ausstellung zu zeigen. Der Untertitel dieser Schau lautet "Berlin und seine Denkmäler" und das Museum sieht sie als "kulturhistorische Ausstellung politischer Denkmäler, die einst das Berliner Stadtbild prägten, aber später daraus verschwunden sind". Unter anderem zeigt die Ausstellung den "Zehnkämpfer" von Arno Breker und den Lenin-Kopf des monumentalen Denkmals vom heutigen Platz der vereinten Nationen.

Bislang keine ähnlichen Fälle in der Stadt

Nach Angaben des Bezirksamts gibt es derzeit keine weiteren Fälle derartiger Gewaltakte an jüngeren oder älteren Denkmälern im Bezirk oder der Stadt. "Was es immer mal wieder gibt im Bezirk, ist, dass irgendwelche Gedenktafeln beschmiert werden", hieß es. Die nun beschädigte Skulptur sei der erste Fall einer derartigen Zerstörung.

Nachdem vor wenigen Wochen der Afroamerikaner George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis (Minnesota) in den USA ums Leben gekommen war, hatten Protestierende dort und nach wenigen Tagen auch in Großbritannien Denkmäler beschädigt, die Figuren würdigten, die als Unterstützer von Sklaverei und Rassentrennung gelten.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Obwohl seit der Ermordung von George Floyd bereits mehrere Denkmale mit rassistischer und kolonialistischer Tendenz zerstört wurden, ist das für mich noch kein schlagkräftiger Beweis dafür, dass es sich auch hierbei um eine solche Tat handelt. Es könnte ja auch die genau gegenteilige Motivation dahinter stecken. Denn bisher war die Zerstörung und Schändung von Denkmälern und Gedenktafeln eindeutig die Domäne von Rassisten und Rechtsradikalen. Leider bezweifle ich, dass die Ermittlungsbehörden das werden klären können. Sie waren ja nicht mal in der Lage, den Tatort so zu sichern, dass nicht anschließend der Kopf verschwindet... Mit oder ohne Kopf - die Skulptur sollte unbedingt in die Spandauer Ausstellung. Geschichte kann man nicht rückwirkend ausradieren. Aber man kann und muss sich mit ihr kritisch auseinandersetzen, damit sich ihre schlimmen Fehler wie rassistische Greuel nicht immer und immer wiederholen.

  2. 7.

    Ja wird langsam zeit darüber nachzudenken, ob die eigene Normalität und der eigene Komfort nicht doch auf dem Rücken anderer entstanden ist. Oder weiter nach dem Motto "das haben wir schon immer so gemacht"

  3. 6.

    " "für die Kunst der 1920er Jahre nicht untypische, aus heutiger Sicht rassistische Tendenz"

    tja, so wechseln die Ansichten im Lauf der Zeit , allein das Entfernen von Denkmälern stellt eben keine Befreiung von Schuld dar , nur ein Verdrängen , die Schuld bleibt , ebenso bei der Umbennenung von Plätzen oder Straßennamen ,
    Wer von den Passanten macht sich überhaupt Gedanken an wen oder was dort erinnert werden soll ?

  4. 5.

    die Skulptur sei rassistisch.
    mag ja sein, aber durch das Kopfabschlagen wird die Geschichte nicht revidiert , sie muß auch im jeweiligen Zeitgeist betrachtet werden , und damit sind alle Länder mit Kolonien betroffen. Einfach nur Denkmäler entfernen ist zu billig

  5. 4.

    Falls die Motivation eine antirassistische oder -kolonialistische war - das kopflose Ergebnis passt nicht so ganz zur Haltung, oder? Zudem wurde schon über ihre Demontage entschieden. Unnötig und unverständlich, so wenig eine solche verzerrte, überzeichnete, entwürdigende Skulptur in keiner Form in der Öffentlichkeit etwas zu suchen hat.

    Dass die HTW nicht geeignet ist, Rassismus oder Kolnilaismus zu bewerten, zeigt sie in der sehr bemühten und auch verharmlosenden Sichtweise. Die Skulptur ist nicht erst heute rassistisch. Antirassismus ist kein Zeitgeist, sondern Ausdruck von Humanismus - also genau das, wozu solche Skulpturen gerne selbst verklärt werden.

    Und zum Thema angeblich selten vorkommender Angriffe auf Denkmäler: Stolpersteine werden jedes Jahr herausgerissen, v.a. wenn Hess-Märsche geplant sind, Schmierereien und Parolen, Volksverhetzung passieren nicht selten genug in KZ-Gedenkstätten.

  6. 3.

    Und die Schokoladentafeln und die Reistüten und die Bücher und die Gemälde und die Fotografien und die Opern und, nicht zuletzt, die Bücher .. .

  7. 2.

    In deutscher Tradition wird die Kunst zerstört, die gerade politisch nicht korrekt ist

  8. 1.

    Es gibt keine beschädigten Denkmäler? Wie war das noch mal mit dem Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben?

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