Die Schauspielerin Stefanie Reinsperger hockt beim Hof-Theater des Berliner Ensemble bei der Aufführung des Stücks <<Bussi BaBaal - einmal Baal To Go>> auf der Bühne. (Quelle: dpa/B. Pedersen)
Video: Abendschau | 10.06.2020 | Sabrina Wendling | Gespräch mit Monika Grütters | Bild: dpa/B. Pedersen

Theaterkritik | Open-Air an BE und DT - Endlich wieder ein bisschen Theater!

Drei Monate lang lag das Theaterleben in Berlin weitgehend brach. Am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble gibt es nun seit Mittwoch unter strengen Corona-Vorgaben wieder Open-Air-Vorstellungen - sehr unterschiedlicher Art. Von Fabian Wallmeier

"Mein Gott, Berlin", schallt es über den Hof des Berliner Ensembles, "wir sind wieder da! Ist das nicht herrlich?" Es ist Stefanie Reinspergers Stimme, die da an diesem Mittwochabend den Wiedereinstieg ins Theaterleben feiert. Und wer wäre besser dafür geeignet gewesen, dass coronabedingte Schweigen der Berliner Bühnen zu brechen als sie, die Definition von Spielwut? Niemand.

Das Hof-Theater-Programm, in dem in den kommenden Wochen wechselnde Schauspielerinnen und Schauspieler kurze Solo-Abende gestalten, ist mit den Worten von Intendant Oliver Reese "ein Gruß aus der Küche, aber kein volles Abendessen". Das gilt natürlich auch für den Auftakt. Reinsperger gibt einen selbst entwickelten "Baal"-Abend, auf Grundlage der Inszenierung von Ersan Mondtag, die gerade wie alle anderen pausieren muss. Der Regisseur, lässt sie zu Beginn wissen, habe keine Ahnung, was sie da gerade mache.

Eine Frau, ein Zebra und ein Penis

Vom opulenten dreiteiligen Bühnenbild im Großen Haus ist hier draußen jedenfalls nur das tote Zebra geblieben, das drinnen sonst auf der Rampe hängt. Statt der 13 Kolleginnen und Kollegen hat Reinsperger nur einen überlebensgroßen Plastikpenis als Ansprechpartner. Und statt drei Stunden dauert der Abend nur 45 Minuten.

Abend ist aber eigentlich nicht das richtige Wort - denn als Reinsperger um 18 Uhr die Bühne betritt, ist der Sonnenuntergang noch weit entfernt. So spielt sie nun bei Tageslicht und begleitet von Vogelgezwitscher. Was genau sie sich nun eigentlich aus Brechts Drama um den Frauenhelden, Säufer und verkannten Dichter Baal herauspickt, wird da schnell zur Nebensache. Eine schiere Freude ist es, ihr dabei zuzuschauen, wie sie sich mit aller Kraft in Monologe und Dialoge wirft, von einem Stimmungsextrem ins nächste springt, Lieder singt und sich auf dem Zebra räkelt.

Zuschauer sitzen vor der Bühne beim Hof-Theater des Berliner Ensemble vor der Aufführung des Stücks <<Bussi BaBaal - einmal Baal To Go>>. (Quelle: dpa/B. Pedersen)

Ausgehungert nach Theater

Die Situation selbst bleibt ein wenig seltsam: Man sitzt, auf Einzelstühlen oder Stuhlpaaren, im Corona-Abstand von 1,50 Meter voneinander und fühlt sich seltsam herausgehoben, anstatt wie sonst in der Menschenmenge eines Theatersaals zu verschwimmen. Allerdings hat die Beinfreiheit schon auch etwas für sich. Dass hier wegen der Vorgaben nur "50 und ein paar Zerquetschte" vor ihr sitzen, greift Reinsperger immer wieder mit wohlmeinendem Spott auf. Doch die paar Zuschauenden jubeln am Ende, als hätten sie gerade statt des "Grußes aus der Küche" das "volle Abendessen" bekommen. So ausgehungert sind sie und so ausgehungert ist offensichtlich auch die breit strahlende Reinsperger. Endlich wieder Theater! Wenn auch nur ein bisschen.

Ganz anders ist der Wiedereinstieg ins Live-Theater vor Publikum dagegen später am Abend einen Steinwurf entfernt im Deutschen Theater. Hier wird eine Inszenierung gespielt, die im November 2019 Premiere feierte und seither ganz zufällig zum Stoff der Stunde mutiert ist: Albert Camus' "Die Pest". Die Inszenierung von András Dömötör war zwischenzeitlich auch schon als Livestream-Variante zu sehen und wurde nun für die Open-Air-Premiere auf dem Vorplatz des DT abermals angepasst.

Die Schauspielerin Stefanie Reinsperger steht beim Hof-Theater des Berliner Ensemble bei der Aufführung des Stücks <<Bussi BaBaal - einmal Baal To Go>> auf der Bühne. (Quelle: dpa/B. Pedersen)

Grandioses Solo von Božidar Kocevski

Naturgemäß haben weder Camus' Roman noch die Inszenierung irgendetwas von der heiteren Appetithappen-Sprunghaftigkeit, die zuvor im BE zu sehen war. Es geht um den Ausbruch der Pest in den 1940er Jahren in einer ostafrikanischen Hafenstadt, die daraufhin von der Außenwelt abgeriegelt wird. Im Mittelpunkt steht der Arzt Rieux, der erst zu retten versucht, später nur noch diagnostizieren und abwarten kann, bis die Epidemie vorbei ist.

Božidar Kocevski bestreitet den gut 70-minütigen Abend ganz allein - und macht das wirklich grandios. Mal erzählend, mal in Dialogform gibt er alle Hauptfiguren des Romans, vor allem dem verzweifelnden Humanisten Rieux verleiht er eine beeindruckende Dringlichkeit. Auch ein paar komische Noten sind dabei - aber die gehen in der Weite des Vorplatzes verloren.

Zuerst tritt Kocevski auf dem Balkon über dem Eingang, stellt sich ans Geländer und schaut skeptisch herunter. Dann ist aus den Lautsprechern zu hören, wie er in die düstere Geschichte einführt, untermalt von nicht weniger düsteren Soundscapes. Schließlich betritt er unten die Bühne, die in ihrer schwarzen Schlichtheit der Box nachempfunden ist: schwarzer Bühnenboden, eine schwarze Rückwand und ein Stapel mit schwarzen Stühlen.

Vogelgezwitscher und Massensterben

Die Stühle verteilt er auf der Bühne - und lässt sie, zur Illustration des fortschreitenden Dahinsiechens - nach und nach umkippen. Als er schließlich einen weiteren, viel kleineren Stuhl mit seinem Mikrofonkabel nach vorne zieht und einige Augenblicke lang anklagend in die Höhe hält, ist klar: Die Pest macht auch vor Kindern nicht Halt.

Was im BE zur Leichtigkeit beiträgt, wirkt hier dagegen störend: Fröhliches Vogelgezwitscher und Massensterben sind einfach keine glückliche Kombination. Welche Intensität der Abend in der Box haben muss - ohne Vögel, mit düsterer Lichtstimmung und, wie auf Inszenierungsfotos zu sehen ist, mit Kocevski im Ascheregen - lässt sich in der Weite des Vorplatzes und bei, wenn auch schwindendem, Tageslicht nur erahnen.

Aber egal, denn: Mein Gott, Berlin: Drei Monate nach der letzten Premiere vor dem Lockdown ist das Theater wieder da! Ist das nicht herrlich?

Sendung: Abendschau, 10.06.2020, 19:30 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Mir ist der Inhalt des Stückes zwar nicht zu 100% geläufig aber ich finde für die ganzen Theaterfans hat sich die dreimonatige Wartezeit doch gelohnt, wenn die erste After-Corona-Prämiere mit so einem großen Pimmel und einem exotisxhen Tier aufwarten kann. Persönlich mag ich ja eher Opern, in denen Tiere drin vorkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Annemarie Bruentjen und Rufus Beck während des Theaterstückes "Vier Stern Stunden" am 31.01.2019 (Bild: dpa/Eventpress Hoensch)
dpa/Eventpress Hoensch

Coaching für Nicht-Muttersprachler - Aus dem Ausland auf die Bühne

Für Theatermacher aus dem Ausland ist es schwer, in Deutschland beruflich anzukommen, weil sie oftmals mit Akzent sprechen und das System hierzulande nicht kennen: Wie funktioniert ein Vorsprechen? Worauf soll man achten? Ein Coaching soll Abhilfe schaffen. Von Vera Block