Berlin-Mitte. Die Suhrkamp Verlag AG (Quelle: dpa/Sven Braun)
Audio: Inforadio | 02.07.2020 | Nadine Kreuzahler | Bild: dpa/Sven Braun

70 Jahre Suhrkamp Verlag - "Wir verlegen Autoren, nicht Bücher"

Sein Markenzeichen sind Bücher in Regenbogenfarben und viele schwergewichtige Autoren. Am 1. Juli 1950 wurde der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main gegründet. Vor zehn Jahren zog er nach Berlin und ist derzeit trotz Corona guter Dinge. Von Nadine Kreuzahler

Wie ein Schiff aus Beton und Glas liegt das Suhrkamp-Haus in Berlin-Mitte, die Volksbühne ist gleich nebenan, der Fernsehturm in Sichtweite. Nach zwei Jahren Bauzeit konnte der Verlag im August 2019 in das vom Architekten Roger Bundschuh entworfene Ensemble einziehen.

Verleger Jonathan Langdrebe wirkt entspannt. Freundlich lächelnd schließt er die Tür zum Sitzungsraum im Erdgeschoss auf. Hier, wie im ganzen Haus, füllen Bücher die deckenhohen Regale. Berühmt sind die bunten Einbände der "Edition Suhrkamp". Ja, tatsächlich stünden hier im Haus alle Bücher, die in den letzten 70 Jahren bei Suhrkamp und in den dazugehörigen Verlagen – Insel, Klassik Verlag, Jüdischer Verlag – erschienen sind. Wie viele es genau seien, wisse er nicht, sagt Jonathan Landgrebe. "Es müssten so um die 150.000 Bücher sein. Wir haben hier 5.000 Regalmeter, die allerdings nicht komplett voll sind."

Jonathan Landgrebe, Vorstandsvorsitzender der Suhrkamp Verlag AG. (Quelle: dpa/Suhrkamp Verlag)
Verleger Jonathan Landgrebe | Bild: dpa/Suhrkamp Verlag

Krisenerprobt und guter Dinge

In diesen Tagen ist es ruhig im Haus. Nicht etwa, weil es nichts zu tun gäbe - im Gegenteil. Aber wegen Corona arbeiten auch hier die meisten im Home-Office. Wie maneuvriert man das alte Verlagsschiff Suhrkamp durch diese Krise? "Wir haben natürlich sehr darunter gelitten, dass der Buchhandel teilweise und zwischenzeitlich geschlossen hatte", räumt Verleger Jonathan Landgrebe ein. "Man muss aber auch sagen, dass jetzt die Entwicklung wieder eine sehr positive ist, die Buchhändler leisten zum Teil Erstaunliches, was die Buchverkäufe und die Umsätze angeht. Wir sind guter Dinge."

Krisen kennt man bei Suhrkamp schon, die letzte und schwerste ist erst 2015 zu Ende gegangen. Ein jahrelanger Gesellschafterstreit hatte fast das Aus für den Traditionsverlag gebracht. Suhrkamp ist heute eine Aktiengesellschaft, Jonathan Landgrebe, schon seit 2008 im Verlag, neuer Chef und unterwegs in großen Fußstapfen.

Siegfried Unseld und die Suhrkamp-Kultur

43 Jahre lang stand Siegfried Unseld an der Spitze. 1959, nach dem Tod von Verlagsgründer Peter Suhrkamp, übernahm er die Leitung. Suhrkamp wurde zur literarischen und intellektuellen Institution und prägte Debatten. Sogar Bundeskanzler Helmut Schmidt fragte 1977, auf dem Höhepunkt des Deutschen Herbstes, den Verleger und die Autoren Siegfried Lenz, Max Frisch und Heinrich Böll um Rat. Er lud sie direkt nach der Frankfurter Buchmesse in den Kanzlerbungalow nach Bonn ein.

Siegfried Unseld gelang es, wie zuvor schon Peter Suhrkamp, wichtige Autoren langfristig an den Verlag zu binden: Max Frisch, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Friederike Mayröcker.

Ein literarischer Verlag sei definiert durch den Umgang mit seinen Autoren, erklärt Siegfried Unseld 1966 in einem Fernsehinterview und erzählt von einem prägenden Erlebnis mit Peter Suhrkamp: "Es war 1953, wir diskutierten das Manuskript eines jungen Autors, er war in den Verlag bestellt und am Abend vorher trafen wir uns und überlegten, wie macht man das. Und ich sagte: 'Na gut, wir gehen sofort mit der Kritik in medias res'. Und das stoppte aber Suhrkamp und sagte: 'Kritik, das ist nur ihm überlassen'. Und dann sagte er jenen Satz, der mir auch für mein Leben und für meine Arbeit entscheidend geworden ist: 'Merken Sie sich eins. Jeder Autor, und sei er noch so jung, steht als schöpferische Persönlichkeit turmhoch über uns wie wir hier sitzen.'"

Unselds Leitspruch gilt heute noch

Dem Leitspruch von Unseld "Wir verlegen Autoren, nicht Bücher" fühlt sich Jonathan Landgrebe auch heute noch verpflichtet. Auch wenn sich in 70 Jahren viel verändert hat – der Markt, das Lesen, die Art der Debatten, das Verlegen. "Ganz bestimmt haben wir es heute mit einer sehr viel fragmentierteren Gesellschaft und öffentlichen Wahrnehmung zu tun", sagt der Verleger. "Das heißt, dass man sich heute bei jedem Buch wieder neu darüber klar werden muss, für wen das ist und wie wir das so vermitteln können, dass es diejenigen, die es interessiert, auch erreicht." Vor einigen Jahrzehnten sei das sicher deutlich einfacher gewesen, so Landgrebe. "Man konnte mit einigen wesentlichen Medien und mit dem Buchhandel dafür sorgen, dass alles was man tat auch Resonanz fand."

Hohes Ansehen und Vielfalt

Der Name Suhrkamp, die Suhrkamp-Kultur, das Image und vor allem die Bücher bedeuten auch heute noch etwas. Für die Krimi-Autorin Zoe Beck ist es ein besonderes Glück, hier zu erscheinen. Sie hätte sich das niemals vorstellen können. Gerade hat sie ihren neuen Thriller "Paradise City" veröffentlicht. Sie gehöre noch zu der Generation, die ihre Bücher im Regal nach Verlagen sortierten, sagt sie. "Und die meisten, wirklich, sind Suhrkamp-Bücher. Das ist bis heute so, dass dieser Verlag ein Programm hat, das mich stark interessiert."

Bücher von Durs Grünbein, Peter Handke, Sybille Lewitscharoff, Elena Ferrante, Annie Ernaux und Jürgen Habermas erscheinen bei Suhrkamp. Wissenschaft, Lyrik, Sachbücher, Krimis und - seit 2018 - auch wieder Kinderbücher. Wenn es nach Jonathan Landgrebe geht, soll das auch die nächsten 70 Jahre noch so weitergehen. "Vor 20 Jahren wurde uns das Ende des gedruckten Buches angekündigt", sagt er. "Davon hat sich bis heute wirklich gar nichts realisiert und das wird auch so bleiben, da bin ich ganz sicher."

Sendung: Inforadio, 01.07.2020, 14:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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2 Kommentare

  1. 2.

    Das Vorlesen ist eine Funktion Ihres Browsers (z.B. Firefox) oder Ihres Smartphones. Darauf haben wir leider keinen Einfluss. Es handelt sich dabei auch nicht um Vorleser/innen, sondern um eine automatische Stimme.

  2. 1.

    Wollte mir den Artikel vorlesen lassen und bin entsetzt. Die sowieso schon schwer zu verstehende Stimme, liest in breitesten englischen Slang ein nicht verständliches Kauderwelsch vor. Das ist kein Rassismus sondern nur völlig unverständlich. Kann man dafür nicht eine gut deutsch sprechende Vorleserin oder einen Vorleser nehmen? Haben Sie sich das mal selbst angehört ohne den Text zu kennen?

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