Berlin Alexanderplatz
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Berlin Alexanderplatz | Bild: eone

Interview | Regisseur Berlin Alexanderplatz - "Der Film wird zu heftigeren Diskussionen führen"

1929 ist Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" erschienen. In der Film-Interpretation von 2020 ist der Held ein Flüchtling aus Afrika, der ins Drogenmilieu gerät. Regisseur Qurbani erzählt im Interview über den Vorteil der Corona-Verschiebung und große Fußstapfen.

Burhan Qurbanis Verfilmung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" ist die Geschichte eines neuen Franz Bieberkopfs, eines schwarzen Flüchtlings im heutigen Berlin. Der Film wurde auf der Berlinale im Februar vorgestellt, gehörte zu den Favoriten beim Deutschen Filmpreis und hätte ursprünglich schon im April in die Kinos kommen sollen. Coronabedingt startet das fast dreistündige Werk erst diese Woche.

rbb: Burhan Qurbani, Ihr Film wurde auf der Berlinale gefeiert, beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet – der Start in den Kinos findet wegen Corona erst jetzt statt. Wie hat sich diese ganze Zeit angefühlt?

Burhan Qurbani: Ich muss ehrlich sagen: Für mich war die Zeit vor und während der Berlinale absolut großartig. Der Film wurde so schön aufgenommen, er hat sein Publikum auf eine tolle Art gefunden und wir haben Applaus und Feedback bekommen. Aber ich war direkt nach der Berlinale auch erschöpft. Ich war müde nach den Jahren der Arbeit und der Vorbereitungen für den Film. Dazu kam plötzlich diese globale mediale Aufmerksamkeit, wo man ständig gucken muss, was und wie man was sagt. Jedes Wort wird auf die Waagschale gelegt.

Da kam der Moment, wo ich nicht mehr konnte und das war just auch der Moment, wo plötzlich die ganze Welt angehalten hat. Ich war kurz davor, in eine Art Melancholie zu fallen – da war dieser Stillstand der Welt willkommen und heilsam. Auch wenn ich weiß, wie schlimm es für die Welt war, für mich war es wichtig.

Dass der Film jetzt verzögert rauskommt, freut mich insofern, ihn jetzt auch außerhalb der Berlinale und der Filmpreis-Jury den Zuschauern zeigen zu können. Und das in Zeiten von 'Black Lives Matters' und einer neuen Sensibilisierung, was die Themen Rassismus und strukturelle Diskriminierung in der Gesellschaft angeht. Der Film bietet jetzt auf eine andere Art und Weise Diskussionsmaterial und wird auch zu härteren Diskussionen führen.

Wie werden diese Diskussionen aussehen?

Dazu habe ich noch keine Fantasie. Aber ich glaube, dass wir eine neue Sensibilität haben und mit Hautfarbe, mit Herkunft, mit dem migrantischem Hintergrund, den ich oder meine Figuren haben, anders umgehen und vielleicht neue Werkzeuge haben, um uns damit auseinanderzusetzen. Das kann für eine Film-Diskussion nur gut sein.

Ich hatte den Eindruck, dass Berlin Alexanderplatz beim Deutschen Filmpreis noch besser abgeschnitten hätte, wenn er schon im Kino präsent gewesen wäre.

Ich glaube, dass wir sehr gut abgeschnitten haben mit der Silbernen Lola für den Film und Auszeichnungen für meine Teammitglieder Yoshi Heimrath, Silke Buhr und Dascha Dauenhauer. Das letzte Mal, als ich mit einem Film für den Deutschen Filmpreis nominiert war, hat 'Victoria' von Sebastian Schipper alles abgeholt. Dagegen bin ich jetzt froh, dass wir überhaupt was mitnehmen durften. Die Präsenz macht natürlich was aus. Wenn der Film, der fürs Kino gemacht wurde, leider nur auf Bildschirmen gestreamt wird, wie es eben bei der Deutschen Filmakademie für die 2.000 Mitglieder wegen Corona gemacht werden musste, dann hat das natürlich einen anderen Impact. Aber die andere Sache ist, dass 'Systemsprenger' von Nora Fingscheidt einfach so stark ist, dass er jeden Preis, den wir nicht gewonnen haben und denen sie gewonnen hat, auch verdient hat.

Annabelle Mandeng als Eva und Welket Bungue als Francis in einer Szene "Berlin Alexanderplatz" (Quelle: dpa/ Entertainment One)
Bild: dpa/Entertainment One

Die Diskussion um den Wert des Kinos ist zurzeit wichtig – wie ist das für Sie und Ihre Filme?

Ich habe zum ersten Mal in dieser Zeit, in der wir nichts tun konnten, außer Mediencontent zu konsumieren, gemerkt, dass wir Geschichtenerzähler eine systemrelevante Aufgabe haben. Wir haben große Teile der Bevölkerung durch Serien, durch Filme, durch die Sachen, die man online anschauen konnte, irgendwo vom Wahnsinn abgehalten. Als Wesen brauchen wir Geschichten und als soziale Wesen gibt es eine Sehnsucht danach, diese Geschichten gemeinsam anzuschauen. Man kann sich betäuben, es gibt einen Eskapismus, und man kann dem Corona-Alltag entfliehen. Aber die Sehnsucht danach, gemeinsam Filme anzuschauen, ist geblieben. Das hat sich gezeigt, wenn Filme an Häuserleinwände projiziert wurden oder wenn Menschen in einem Haushalt gemeinsam Filme angeschaut haben.

Das Kino ist ein sozialer Ort. Ich lache lauter und ich weine heftiger im Kino, weil ich es gemeinsam mit anderen Menschen mache. Und mein Prozess im Kino ist intensiver, weil es nichts Schöneres, Ursprünglicheres gibt als gemeinsam um ein Feuer zu sitzen und sich Geschichten von morgen und von gestern zu erzählen. Das Kino ist für uns Filmemacher zwar ein luxuriöser Ort, weil es erstmal gebaut und bespielt werden muss. Aber es ist ein unbedingt nötiger Ort, weil es gibt das vor dem Film und das nach dem Film. Und für mich ist als Filmemacher ist der Moment wichtig, nach dem Kino über Filme zu reden. Wenn ich eine Serie auf Netflix acht Stunden durchgeguckt habe, bin ich meistens nicht in der Lage, noch jemand anzurufen und zu sagen, was das mit mir gemacht hat.

Was war der Reiz, an einen Stoff wie Berlin Alexanderplatz heranzugxehen, der so viel Gepäck aus Schulzeit-Lektüre oder die Serie von Fassbinder hat?

Das hat immer mit einer initialen Ignoranz zu tun, selbst nicht zu wissen, was man sich da eigentlich antut. Ich habe am Anfang nicht begriffen, was für ein Monster dieser Roman ist. Ich dachte nur, ich erinnere mich an die Geschichte und die kann ich so schön umlegen auf die Geschichte von den Jungs im Park. Du hast eine gesellschaftliche Randfigur, die aus einem Kleinkriminellenmilieu heraus versucht, in die Mitte der Gesellschaft zu kommen. Die Parallelität war für mich klar und einfach. Aber die Umsetzung vom Roman zum Drehbuch hat drei Jahre in Anspruch genommen. Irgendwo im zweiten oder dritten Jahr fragt man sich: Fuck, ist das jetzt gerade Karriere-Selbstmord? Natürlich setzt man den Film im Vergleich zu Fassbinder und mit Fassbinder den Ring zu steigen, ist selbstmörderisch. Dann merkt man im vierten oder fünften Jahr: Fuck, wir kommen mit dem kalkulierten Geld nicht klar und müssen sparen. Ich habe mich von einem Tag zum nächsten gehangelt damit, wie wir den Film umsetzen können. Irgendwann steht man da, es ist Premiere und die Zuschauer warten auf einen Film. Das ist das Tolle und das Erschreckende im Film. Man weiß halt nie, bei welchem fuck man aufhört.

Welket Bungué in "Berlin Alexanderplatz"
Welket Bungué in "Berlin Alexanderplatz" | Bild: eone

Was ist Ihr Herz in diesem Film, was gehört Ihnen?

Ich kann das gar nicht sagen. Ich will es auch gar nicht sagen, weil ich dem Zuschauer das gar nicht als Gepäck mitgeben will. Mir ist wichtig, dass wir das als Familie gemacht haben. Das klingt so abgedroschen und so kitschig, wenn man sagt, wir sind eine große Familie und waren alle immer so lieb zueinander. Aber wir haben uns beim Machen dieses Films auf dem Set und beim Drehen ineinander verliebt und viel von dieser Liebe in diesen Film reingesteckt. Wenn ich den Film anschaue, spüre ich, dass jeder zu jedem Zeitpunkt - ob nun Schauspieler oder Praktikant - das Äußerste gegeben hat, um den Film so gut wie möglich zu machen.

Sendung: Inforadio, 15.07.2020, 10:45 Uhr.
Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Form des Interviews, das Alexander Soyez mit Burhan Qurbani für Inforadio geführt hat. Das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag als Audio hören.

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2 Kommentare

  1. 2.

    Es wäre schön gewesen, wenn sich mal wieder jemand an den Stoff heran getraut hätte, aber es in der Ursprungszeit gelassen hätte. Ich finde es ziemlich effekthascherisch einen Flüchtling aus Afrika als Bieberkopf zu inszenieren und auch ziemlich einfallslos so einen Stoff einfach in die Gegenwart zu transportieren. Ist dasselbe als würde man den zerbrochenen Krug in einem Späti spielen lassen. Die Elbphilharmonie hat ja auch die Fledermaus in die Gegenwart transportiert. Da sind dann alle in Bademänteln rumgerannt. Aber zu solch einer Inszenierung gehören Frack, Abendkleider und Glitzer. Ist jedenfalls meine Meinung. Berlin Alexanderplatz bedeutet auch Mundart und Lokalkolorit. Dennoch werde ich mir den Film anschauen. Den Vergleich mit der Fassbinder-Version braucht der Film auf jeden Fall nicht zu scheuen. Dies kann ich ungesehen beantworten. Denn bei der Fassbinder-Version wusste man nicht welche Verfilmung man überhaupt sieht. Ton und Bild waren eine einzige Katastrophe ;-)

  2. 1.

    Selten hier in einen Artikel so oft das Wort fuck gelesen. Gut, habe diesen Film noch nicht gesehen. Gibt mir aber den Anreiz, nochmal R.W.Fassbinders Berlin Alexanderplatz in aller Ruhe anzuschauen.

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