Halle, Am Wriezener Bahnhof_Foto tamtam
Video: rbb24 | 15.07.2020 | Anna-Maria Deutschmann | Bild: tamtam

Kulturkritik | Soundinstallation in Friedrichshainer Kesselhalle - Der Sound einer längst vergangenen Industrie-Brachialität

Das Künstlerduo "tamtam" will die alte Kesselhalle neben dem Berliner Berghain in einen dynamischen Klangraum verwandeln. Hendrik Schröder hat sich das Ganze angesehen - und in der Kesselhalle interessante, aber eher unspektakuläre Momente erlebt.

Erst mal ist es ziemlich düster in der alten Friedrichshainer Kesselhalle. Man geht durch eine schwere Tür und steht gleich mitten in der monumentalen Halle, im Untergeschoss. Es gibt kaum Beleuchtung, keine Hinweisschilder. Und so irren einige Besucher erst mal durch die Gegend, auf der Suche nach dem Sound. Es klackert auf der Metalltreppe in den zweiten Stock, aber das sind nur die Schritte der anderen Besucher. Dann hört man ein leises Wummern und weiß nicht genau, parkt draußen ein Lkw oder geht es los? Das Wummern wird lauter, es geht los.

Der Raum als Instrument

Die Klanginstallation besteht aus wechselndem Rumpeln, Zischen, Zwitschern, Donnern. In der ganzen Halle sind Boxen aufgestellt, manche liegen mit den Lautsprechern nach unten auf dem Boden. All das auf beiden Etagen, so dass man herum gehen kann und dem Klang bei seiner Entfaltung zuhört.

Manchmal sind die Bässe so druckvoll, dass Gegenstände in der Halle vibrieren: Fensterscheiben, Rohre. Das ist durchaus beeindruckend, aber der Überbau, den sich Sam Auinger und Hannes Strobel alias "tamtam" gegeben haben, will noch mehr. Die Künstler wollen "Klang und Raum verschmelzen", sie wollen "einen auditiven Dialog mit den atmopshärischen Qualitäten des Ortes eröffnen", sie wollen "die ganze Halle zum Instrument werden lassen". So steht es in der Ankündigung.

Halle, Am Wriezener Bahnhof_Foto Roman März
| Bild: Roman März

Die Halle ist zunächst mal imposant. So viel Beton, so viel massiver Industrie-Charme, die 20 Meter hohen Pfeiler, die alten Kohleschütten an der Decke. Ich schließe die Augen und versuche, den auditiven Dialog zwischen Klang und Halle zu spüren, aber es kommt... nichts. Da ist einfach eine geile, alte Halle und verschiedene Sounds aus richtig guten Boxen, die genau an den richtigen Stellen stehen. Was die anderen Besucher empfinden - viele ganz in Schwarz, Künstlertypen - kann ich nur raten, denn die Masken verdecken die Mimik. Aber die meisten scheinen es ganz gut zu finden und bleiben lange.

Halle, Am Wriezener Bahnhof_Foto Roman März
| Bild: Roman März

Spannend, aber nicht spektakulär

Die Soundinstallation ist eine wirklich spannende Sache und für nur acht Euro Eintritt kann man so lange man will in interessanter Architektur rumlaufen und sich von der Installation in eine vielleicht längst vergangene Industrie-Brachialität hineinziehen lassen. Starke Bilder entstehen im Kopf, als würde die verlassene Halle noch einmal belebt. Der ganz große Budenzauber aus Dialog zwischen Klang und Raum ist es aber nicht, muss es ja vielleicht auch nicht sein. Vielleicht habe ich es aber auch einfach nicht verstanden.

"11 Songs", die Soundinstallation in der Halle am Berghain läuft noch bis zum 2. August, immer mittwochs bis sonntags von 14 bis 20 Uhr.

Sendung: Inforadio, 16.07.2020, 7:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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1 Kommentar

  1. 1.

    Industrie-Brachialität trifft es, finde ich, ganz gut. Ein Klassik-Konzert bspw. wäre hier vollkommen fehl am Platze, ebenso wie umgekehrt eine filigran gestaltete Maschinenhalle des frühen und mittleren 19 Jh.s mit Lautstärke übertönen zu wollen.

    Eine Gruppe hat mal in dem Kölner Wasserwerk Severin - nach der Renovierung und vor der Neuflutung - Töne mit langem Nachhall eingespielt. Klang gibt es im übertragenen und unvermutet auch im direkten Sinn, die Orte dazu sind meistens noch unentdeckt.

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