Archivbild: Zuschauer stehen am 21.07.1990 auf dem ehemaligen Todesstreifen auf dem Potsdamer Platz und warten auf die Roger-Waters-Inszenierung des Pink-Floyd-Erfolgs "The Wall". (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: Abendschau | 21.07.2020 | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Interview | 30 Jahre "The Wall" in Berlin - "Es war heiß, man saß im Staub und irgendwo fand das Event statt"

Vor 30 Jahren erfüllte sich Roger Waters einen Traum. Er führte Pink Floyds "The Wall" am 21. Juli 1990 zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor auf. Ein deutsch-deutsches Konzert mit Starbesetzung, Anja Caspary erinnert sich, nicht viel Musik gehört zu haben.

rbb: Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 wurde The Wall am 21. Juli 1990 am Potsdamer Platz nochmals aufgeführt. Das Konzert wurde von Roger Waters geleitet, der die Rechte an "The Wall" hat. Radioeins-Musikchefin Anja Caspary war damals dabei – aber nicht ganz alleine, oder?

Anja Caspary: Nein, so 300.000 andere Menschen waren auch noch da. Alle kamen in Erwartung einer gigantischen Show, die, so hörte ich danach, anfangs von Stromausfällen und Soundproblemen geprägt war. Menschen, die backstage dabei waren, sprechen noch heute von den wütenden Ausrastern des HB-Männchens Roger Waters. Aber immerhin konnte er für sein Vorhaben große Namen und Stars nach Berlin holen, die das alles umsonst gemacht haben: Leute wie Cindy Lauper oder Van Morrison, Joni Mitchell, Bryan Adams und - nicht zu vergessen - die Scorpions. Dann wurde auch die Mauer aus Styropor-Backstein zum Schluss niedergerissen, wie im wahren Leben acht Monate zuvor bei uns in Berlin geschehen. "The Wall came down" – endlich! Das versprach ein Riesenspaß zu werden, deswegen bin ich auch hin gepilgert.

Anja Caspary © rbb, Jim Rakete
Radioeins-Musikchefin Anja Caspary | Bild: rbb, Jim Rakete

Kostete das Konzert eigentlich Eintritt?

Zumindest hatten sich wohl viele Menschen eine Karte für 35 Mark gekauft. Ich hoffe, dass die auch alle was gesehen haben. Aber es tanzten dann doppelt so viele an. Dann wurden schnell die Zäune zur Seite geräumt, damit nichts passierte. 300.000 Menschen, das war Wahnsinn und für die meisten dann kostenfrei. Für die Sicherheit sorgten 400 West-Beamte und 1.600 Volkspolizisten. Die haben einen guten Job gemacht. Ich habe keinerlei Erinnerung daran, irgendwo einen Polizisten gesehen zu haben. Aber ich habe eigentlich überhaupt nicht viel gesehen und noch weniger gehört. Denn es war so knackevoll an diesem heißen Tag auf diesem absolut staubigen Gelände. Man war total eingekeilt. Es ging weder vor noch zurück, und nur manchmal, wenn der Wind gutstand, habe ich ein paar Musikfetzen hören können. Wer nicht vor der Bühne stand wie schätzungsweise 10.000 bis 20.000 von 300.000, hat gar nichts mitbekommen. Es gab natürlich keine Monitore oder Sound-Verstärker. Es gab auch keine Wellenbrecher. Es hätten Leute wütend werden können, weil sie nichts gesehen haben oder panisch, weil, es so voll war. Man nahm es aber wie so ein lustiges Happening. Es war heiß, man setzte sich in den Staub und lernte so seine Nachbarn kennen, unterhielt sich, und irgendwo da vorne fand das Event statt.

Als Pink Floyd die Mauer zu Fall brachten

Immerhin haben wir auch hinten alle eine Maske abbekommen, so Pappdinger, die man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt aufsetzen sollte. "The Wall" wurde damals auch fürs Fernsehen gedreht und live übertragen. Das haben wohl mehr als eine Milliarde Menschen weltweit gesehen. Die haben alle viel mehr gesehen als ich. Die Maske sollte man aufsetzen, um Teil einer Armee in einem autoritären Staat zu werden. Das ist die Fantasie des Hauptdarstellers Pink bei "The Wall". Die Maske war ein pinkes Gesicht mit Gummizug und hinten stand auf Englisch ein Datum drauf und zu welchem Song man es aufsetzen soll. Das war schon ein nettes Andenken, das ich dann vor ein paar Jahren auf Ebay für viel Geld versteigert habe. Das sind meine subjektiven Erinnerungen an das große Pink-Floyd-Event, das zum Glück völlig friedlich ablief, trotz der Menschenmassen. Ich habe noch nicht mal einen Merchandising-Stand gesehen und auch keine Stände für Getränke. Es war einfach viel zu voll.

Das Konzert

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 wurde "The Wall" am 21. Juli 1990 am Potsdamer Platz aufgeführt. Alle Mitwirkenden verzichteten auf die Gage. Der Erlös in Höhe von sechs Millionen DM wurde an die Stiftung World War Memorial Fund for Disaster Relief gespendet. Die Lieder wurden teilweise anders interpretiert als auf dem Album. Einige Arrangements waren sehr aufwändig, so kreisten zu den Hubschraubereffekten, die auf dem Album zu hören sind, echte Helikopter seitlich über den Zuschauern. Während des Konzertes kam es durch Probleme mit der Stromversorgung zum zeitweiligen Ausfall eines Großteils der Beschallungsanlage. Mit sieben Megawatt war die Beschallungsanlage die größte, die je für ein einzelnes Konzert gebaut worden war. Bis heute ist The Wall das einzige Konzert, das durch den Veranstaltungsort auf der innerdeutschen Grenze mit einer Bühne gleichzeitig in zwei Staaten stattgefunden hat.

Sendung: Radioeins, 21.07.2020, 09:38 Uhr. Dieses Interview ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Gesprächs, das Tom Böttcher und Marco Seiffert mit Musikchefin Anja Caspary für Radioeins geführt haben. Das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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29 Kommentare

  1. 29.

    „PSB sind nicht Deine Band? Geht ja überhaupt nicht“. Markus, was meinst Du wie oft ich mir diese Vorhaltung( im Ernst) schon von Schwulen anhören mußte. Einer flippte sogar fast völlig aus. Nein Lieber Markus, in erster Linie bin ich ein durch u.durch ein großer Blues und Soulfan. Ich mochte Schwarze Musik schon immer sehr, sehr gerne. Und Tanzen ist eine große Leidenschaft von mir. Noch heute. Bin zwar schon alt, hab’s aber immernoch in den Beinen;-) Wo ich schon dabei bin, auch Afrikanische Musik fasziniert mich total. In jungen Jahren, als die Diskomusik ihren Höhepunkt hatte, da waren es die Funkysongs, die mich nicht stillsitzen ließen. Du hättest mich mal als DJ in den Schwulendiskos wie das alte KC oder das Trokadero erleben sollen. Da ging die Luzie ab, kann ich Dir nur sagen. Aber den Rock habe ich im Teenageralter verinnerlicht. Gar keine Frage.

  2. 28.

    Ja, Dave Stewart als Songwriter und Annie Lennox als Interpretin haben m. E. Jahrhundert-Popmusik musik erschaffen, wenn ich mal etwas "pathetisch" werden darf. ;-)

  3. 27.

    Da sind wir ja fast in einem Alter. Mich haben vor allen die britischen Pop Bands der 80er geprägt, die ja auch immer starken Bezug zu den 60er Bands hatten. Der Electro Pop/New Wave Sound war natürlich neu, aber von der Melodik her häufig sehr an den Beat Bands orientiert. Tolle Musike!

  4. 26.

    Hallio Lothar, volle Zustimmung zu den Eurythmichs. PSB sind nicht Deine Band? Geht ja überhaupt nicht.... ;) Das "alte" Metropol hätte ich auch gerne mal gesehen... David Bowie und heul... (bis heute)

  5. 25.

    Hier komme ich schon wieder. Annie Lennox und Dave A. Stewart einfach genial. Den besten DJ Mix zu“ Sweet Dreams“ habe ich einmal des morgens im alten Metropol gehört. Dort hatte ich oft Stunden mit Abtanzen zugebracht. PSB sind nicht meine Band, obwohl ich einige Songs recht gut finde.

  6. 24.

    Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Die Eurythmics mit Annie Lennox fand ich auch immer geil! P.S.: Bin Baujahr 70.
    Grummel: Rummelige Songs bei den PSB? Pfui! :)

  7. 23.

    Na ja, was die 60 Jahre betrifft, liegen wir wohl nicht auf einer Welle. Die PSB finde ich aber auch gut; allerdings eher die alten Singles als die doch etwas "rummeligen" späteren Songs. Meine Band waren aber eher die EURYTHMICS. ;-)

  8. 22.

    Ich fasse mal zusammen: Unser Musikgeschmack ist zumindest....unterschiedlich. :)) Jetzt hab ich schon eine Lanze für den Mick Jagger gebrochen und nun kommen Sie. Ich geben Ihnen jetzt den Rest: Ich bin ein RIESIGER Fan der Pet Shop Boys! ;))

  9. 21.

    Zitat: "Dann kann ich ja noch hinzufügen, dass The Who auch nicht mein Ding ist."

    Das wird ja immer schlimmer mit Ihnen - Kopfschüttel! Schauen Sie sich z. B. mal das Video des '66er Songs "Substitute" an. So cool war damals keine andere Band. Rolling Stones . . . pah! :-)

  10. 20.

    Ja natürlich - THE WHO sind für mich das Synonym für den wirklich rebellischen "Rock'n Roll-Pop Sound", der bis heute extrem nachwirkt und auch in Zukunft sehr einflussreich bleiben wird. Cool, sexy und auch anspruchvoll; für mich einfach unvergleichlich.

  11. 18.

    Danke, dass Sie mir verzeihen.. ;)) Dann kann ich ja noch hinzufügen, dass The Who auch nicht mein Ding ist. Ich ducke mich schon mal, falls Sie was nach mir werfen...:) --> Lothar: Deinen Beitrag fand ich mal wieder sehr interessant. Nee, mit LSD kenne ich mich nicht aus; meine Droge ist Bier. Mit den Stones kann ich noch was anfangen; Wahnsinn, wie Mick Jagger noch auf der Bühne rumspringt. Und das die Stones kürzlich auf Platz 1 der deutschen Charts waren, finde ich phänomenal. Die muss man wohl irgendwann von der Bühne runtertragen.

  12. 17.

    Mmh, mein Kommentar wurde auch nicht veröffentlicht. Dabei hatte ich nur in etwa geschrieben, dass ich Ihnen "verzeihe" - so halbwegs zumindest. ;-) Vielleicht lags auch an dem youtube Link, den ich eingesetzt hatte - aber das ist hier doch nicht generell unerwünscht, oder? Dann schreibe ich es einfach nochmal aus: The Beatles "And your bird can sing" ist ein feiner 2-Minuten-Hit, der einfach toll gespielt ist und Spaß macht. Hören Sie mal rein, Markus.

    Aber hier gehts ja um Pink Floyd, die ich auch gut finde; sich aber bei mir z. B. noch hinter den BEATLES und den WHO anstellen müssen. Sorry Fans.

  13. 16.

    Hallo Markus. Und ob da Menschen sitzen;-) Oft mit unterschiedlichen Ansichten zu den hier geposteten Kommentaren. Mein Antwortkommentar an Dich viel derart harmlos aus, sodass ich schon überrascht war. Ich schrieb Dir von meiner Liebe zu den Beatles und insbesonders zu George Harrison und das ich gleichzeitig auch ein Fan der noch anfänglichen Stones war mit Brain Jones, der leider im Drogenrausch verstarb. Du kannst es Dir sicherlich nicht vorstellen, aber es gab an LSD soviele verschiedene Sorten und es gehörte sich einfach bei den oftmals 3 tägigen Konzerten einfach high dabei zu sein. Und da wurde noch nicht herumgepanscht mit Drogen, so wie es heute geschied. Und wer’s versuchte, flog sofort auf. Doch das gehört alles der Vergangenheit an. Heute würde ich sowas nicht wiederholen wollen. Schon Woodstock gesehen. Ein Muss. LG.

  14. 15.

    Vielen Dank. Das nenne ich mal eine sehr gute Info. Wollte immerschon mal ins Planetarium am Insulaner. Jetzt habe ich einen doppelten Grund dazu. Ich weiß ja nicht, ob Sie noch zu denen gehören, die schon in den 70er Jahren eine sehr gute Stereoanlage hatten, doch ich erinnere mich noch gut, denn es war der absolute Höhepunkt die Kopfmusik von: Pink Floyd, King Crimson, Softmaschine u.v.a. Bands unbedingt auf Kopfhörer zu lauschen. Kann sich heute kaum einer mehr vorstellen. Nochmals vielen Dank.

  15. 14.

    Geht mir auch ab und zu so. Ich will dem rbb aber nichts unterstellen; da sitzen (vermutlich) auch nur Menschen. ;)) Einfach noch mal schreiben; bei mir klappt es dann meistens...

  16. 13.

    Hallo Lothar,
    bestimmt nicht ganz so atemberaubend wie die von Ihnen sehr fesselnd beschriebene Performance von Pink Floyd seinerzeit in San Francisco, aber vielleicht doch auch etwas für Sie (oder natürlich auch alle anderen, die hier mitlesen):
    Im Planetarium Berlin (Zeiss und Insulaner) gibt es im August ebenfalls wieder die "Dark Side of the Moon" zu hören und natürlich auch etwas dazu zu sehen:
    https://www.planetarium.berlin/veranstaltungen/pink-floyd-dark-side-moon

  17. 12.

    Das Konzert war einfach grandios! Superlative an Stars und Showaufwand! So etwas hatten wir noch nie in unserer Stadt gesehen. Unsere neu vereinte Stadt! Wir aus dem Osten mit maximaler Sehnsucht nach Musik aus dem Westen... Als Fans von Pink Floyd, als Fans von den dort arrangierten Künstlern, die das großartige Gesamtwerk auf eine neue, beeindruckende Art präsentierten. Live Pannen... Technik Versagen... Na und? Ist doch live und mega gigantisch gewesen. Ich hatte Glück mit meinem Verlobten damals, alles gut gesehen und gehört. Wir haben es geliebt! Der Einsturz der riesigen Kunstmauer und das größte Feuerwerk unseres Lebens zum Abschluss bleiben unvergesslich! 1990...mein Konzert T-Shirt werde ich nie versteigern, ab und an trage ich es :-)

  18. 11.

    Mein Antwortkommentar an Dich wurde leider( wiedereinmal )weggeschrubbt;-( Warum weiß ich nicht.

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