Eine der drei Darstellerinnen, die Schauspielerin und Sängerin Celina Muza
Bild: Morlok/imago-images

Kulturmarkthalle Berlin - Plädoyer für umfassende Liebe und unsterbliche Schauspielkunst

Was die Pandemie monatelang verhindert hat, soll jetzt wieder möglich sein: Drei Schauspielerinnen treffen sich, um ein Theaterprojekt zu besprechen. Wie sie zueinander finden, erzählt der deutsch-polnische Theaterabend "Szenario für drei Schauspielerinnen". Von Ute Büsing

Im entlegenen Plattenbauviertel an der Hanns-Eisler-Straße im Berliner Bezirk Pankow weht ein eisiger Ostwind. Die kleine aus Holz und Plexiglas-Trennwänden zusammengezimmerte Open-Air-Bühne im Garten der Kulturmarkthalle droht fast davonzufliegen. Doch an die 70 gut gemischt durchhalterprobte deutsch-polnische Besucher - wie die drei Darstellerinnen und das Regieteam auch - halten die Uraufführung von Przemyslaws Wojcieszek "Szenario für drei Schauspielerinnen" zusammen und befeuern sie.

Und es gibt einiges zu sehen und zu hören in dieser losen zeitgenössischen Szenenfolge, die ihren Ausgangspunkt in der Corona-Pandemie hat. Drei sehr unterschiedlich geartete Typen von Schauspielerinnen - Novizin, erfahrene Diva und Powerpaket - treffen sich, um endlich nach monatelanger Abstinenz und Absenz wieder ein Theaterprojekt gemeinsam zu stemmen.

Doch ach, der Text ist leider schlecht, die Damen mehr oder minder allesamt indisponiert oder frustriert, der Regisseur eh ein verzichtbarer Idiot, die Gage unterirdisch. Da besteht Handlungsbedarf.

Tragikomische Typen prallen aufeinander

In Miniaturen, die wie Improvisationen wirken, aber natürlich genau einstudiert sind, erobern sich die Theaterfachfrauen jetzt parlierend und manchmal auch singend ("Hallelujah") die Bühne zurück. Die Novizin hat kleine Aussetzer und möchte am liebsten den britischen Nachfolge-Royals Harry und Megan zu Komödienehren verhelfen. Die Diva will Strindberg: Drama, große Emotion, Tiefe. Das Powerpaket ist auf "Revolution" abonniert und hat den ganzen Shakespeare auf Frauenrolle getrimmt. Es ist toll, wie sich die drei Darstellerinnen Nell Pietrzyk, Celina Muza und Mariam Kurth gegen die Kälte und den anbrandenden Verkehrslärm durchsetzen und ihre tragikomischen Typen feinzeichnen. Am Ende steht ein Plädoyer für umfassende Liebe – und: die unsterbliche Schauspielkunst.

Grundstein für ein deutsch-polnisches Gegenwartstheater

Nur drei Wochen Probenzeit hatten die drei Schauspielerinnen für dieses deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekt, erzählt Co-Regisseur Andreas Visser. Er hat auch den Text von Przemyslaw Wojcieszek ins Deutsche gebracht. Bereits vor Corona haben die beiden für das Stück "Svetlana" zusammen gearbeitet. Es war in Berlin im Club der Polnischen Versager zu sehen und in Breslau im renommierten Teatr Laboratorium von Jerzy Grotowski.

Przemyslaw Wojcieszek hat sich seit seinem Leinwanddebüt "Tötet sie alle" (1999), später "Lauter als Bomben" oder "Der perfekte Nachmittag", als Independent Filmer einen Namen gemacht. Regelmäßig sind seine so anrührenden wie kritischen Spiegelungen der zerrissenen polnischen Gegenwartsgesellschaft auch im Forum der Berlinale zu sehen. Seit er sein Filmdrehbuch zu "Made in Poland" 2004 für die Bühne adaptierte, widmet sich der 46jährige Autorenfilmer auch dem zeitgenössischen Theater.

"Szenario für drei Schauspielerinnen", der kurzweilige No-Budget-Open-Air-Theaterabend in der Kulturmarkthalle hat Tiefe, überraschende Wendungen und wird in Kürze auch auf Polnisch in Breslau zu erleben sein. Da hat Regisseur und Textdichter Przemyslaw Wojcieszek seine Homebase und auch das polnisch-deutsche Künstler-Paar Celina Muza und Andreas Visser ist dort gut verbandelt. Dem "Szenario für drei Schauspielerinnen" sollen also weitere Szenen folgen – idealerweise in Berlin und Breslau, als Urgrund eines neuen deutsch-polnischen zeitgenössischen Theaters.

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