Symbolbild: Musiker auf Warschauer Brücke (Quelle: dpa/Fischer)
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Audio: Inforadio | 29.07.2020 | Laf Überland | Bild: dpa/Fischer

Onlineportal "berta.berlin" - Die Berliner Musikszene lebt – als Wundertüte im Internet

Mit strengem Kuratorenblick präsentiert das Portal "berta.berlin" Berliner Künstler, Bands oder Projekte zwischen den Genre-Grenzen – und das nicht erst seit Corona. Laf Überland hat sich durchgeklickt.

Streamingportale für Pop-, Jazz- und Rockkonzerte sind in den vergangenen Monaten dank der Corona-Abgeschiedenheit aus dem virtuellen Boden des Internets geschossen wie Pfifferlinge bei schlechtem Wetter aus dem Boden. Und es war viel die Rede von der kulturellen Vielseitigkeit gerade dieser Stadt Berlin, die durch gestreamte Events betont werden sollte in dieser schlimmen Zeit.

Früher gab es Programmzeitschriften

Portale, die regelmäßig Konzertvideos streamen, gab es allerdings auch vorher bereits. Ein spezielles ist "berta.berlin". Seine beiden Macher haben es 2019 gegründet, um eine Leerstelle im Berliner Musikbetrieb zu füllen, die dort nach und nach entstanden ist.

Denn früher mal, vor vier, fünf Jahrzehnten, gab es in großen Städten meist ein Soziotop, das Musikszene genannt wurde und zu dem mehr oder weniger alle Rock-, Folk- und Jazzmusiker der Stadt gerechnet wurden. Wer sich nun für Musik interessierte und vor allem auch gern mal über den Genre-Tellerrand hinaus hörte, der konnte sich in den lokalen Programmzeitschriften meist einen guten Überblick verschaffen, wer neben den gastierenden überregionalen Stars gerade wann in welcher Kneipe auftrat. Und so hatte man stets einen recht vollständigen Überblick über die interessanten Musiker seiner Stadt.

Viele Nischen, schwieriger Zugang

Als aber dann immer mehr Menschen öffentlich Musik machten und immer mehr Stil-Schubladen auftauchten - und als dann auch noch das Internet all diese neuen Musiker, die in ihren Schlafzimmern Stücke aufnahmen, in die Öffentlichkeit rückte - da verloren die Musikfreunde allmählich den Zugang zum bunten Treiben in den zig unüberschaubaren Mini- und Spezialistenszenen. Wer sich für Rock interessierte, kam mit anderen Sparten gar nicht mehr in Berührung, ganz zu schweigen von Musikern und Musikerinnen, die sich in Nischen betätigen und mehr oder weniger experimentieren.

Um diese Nischen nun für die große Stadt Berlin wieder hör- und sichtbar zu machen, gründeten also zwei Männer diese Streaming-Plattform mit dem seltsamen Namen - "berta.berlin". Beide kommen sozusagen vom Fach: Beat Halberschmidt war Mitgründer der bemerkenswerten Veranstaltungsempfehlungssite "Ask Helmut" und ist Bassist mit unzähligen Drähten in die Musiklandschaft, Jean-Paul Mendelsohn hat das XJazz-Festival und Bands gemanaget. Und ihre Plattform "berta.berlin" ist - darauf legen sie Wert - unabhängig, nicht-kommerziell und eigenfinanziert.

Und so liest sich das dann auf der Seite:

Wir haben "berta.berlin" an den Start gebracht, um einen authentischen Blick auf herausragende Auftritte in Berlin zu geben. Gleich, in welchem Genre oder welcher Disziplin – wir suchen nach Sinn, Blut, Schweiß und Tränen. [Übers. aus dem Englischen]

"berta.berlin" kuratiert, wählt also sorgsam aus, welche Künstler, Bands oder projekte aus den Nischen des Musiklebens präsentiert werden sollen. Die nehmen sie dann unter besten Bedingungen auf – mit High-Fidelity-Ton und als High-Definition-Videos. Darüber hinaus kümmern sie sich um die Urheberrechte der Aufführenden und betätigen sich obendrein als Agentur, indem sie die Aufnahmen unter die Fachleute bringen. Zu diesem unkommerziellen Non-Profit-Ansatz passt dann auch, dass die Spender, durch die "berta.berlin" sich finanziert, auf der Homepage die prozentuale Aufteilung der Spende zwischen Künstlern und Berta festlegen können.

Eine wahre stilistische Wundertüte

Die Künstler auf "berta.berlin" öffnen eine wahre stilistische Wundertüte: neben der Ukulele spielenden Modern-Jazz-Sängerin Mirna Bogdanovic finden sich die aus Uganda stammende Nakibembe Xylophone Troupe, die deutsch-arabische R’n’B-Sängerin Dalee oder das Ensemble Karpov not Kasparov, das ursprünglich aus Bukarest stammt und 1980er-Jahre-Dance-Pop nach Schachregeln und –strategien spielt.

Die Noise-Künstler Dani Ghal und Ghazi Barakat arbeiten in ihrer Performance mit Radioempfängern und originalen Aufnahmen der Störsender am Eisernen Vorhang. Zum Angebot gehören Acts wie die mächtig groovende Band des neuseeländischen Pianisten Aron oder das zeitgenössische Ensemble Mosaik, der finnische Gitarrengott Kalle Kalima oder solche Kuriosa wie die elektronische Jamband Lychee Lassi – oder die analoge Technoband Komfortrauschen, die Techno auf altmodisch Instrumenten wie Gitarren, Bass und Schlagzeug mit Batterien von Effektgeräten alchemiert.

Berta und Gretchen arbeiten zusammen

"Es ist ein bisschen komisch, ein Konzert zu spielen und keinen Applaus zu bekommen", sagt die Sängerin und Multiinstrumentalistin Derya Yıldırım von der Bühne des Kreuzberger Gretchen-Clubs in die Kamera hinein. "Es ist gerade eine interessante Erfahrung hier." Seit dank Corona keine Publikumskonzerte mehr stattfinden konnten, haben die Bertas sich mit dem Gretchen zusammengetan und dort Konzerte für ihre Kameras und Mikrophone stattfinden lassen.

Auch hier sind die meisten Mitschnitte nur zwischen einer Viertel- und einer halben Stunde lang. Aber das reicht durchaus, um Freude zu bereiten - und um Neugier auf die Musik zu wecken. Für später, wenn irgendwann wieder normale Konzerte stattfinden dürfen.

Beitrag von Laf Überland

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