Yorck-Kino in Berlin-Kreuzberg vor der Öffnung am 2. Juli 2020 (Quelle: Imago/Ritter)
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Interview | Christian Bräuer - "Mit der Eröffnung sind die Sorgen nicht vorbei"

Wenn diese Woche in Berlin endlich wieder die Kinos öffnen, stehen Betreiber wie Publikum vor einer "neuen Normalität", sagt AG-Kino Verbandschef Christian Bräuer. Im Gespräch mit rbb|24 gibt er sich dennoch vorsichtig optimistisch.

rbb|24: Herr Bräuer, in dieser Woche öffnen endlich wieder die Berliner Kinos. Wie ist die Stimmung unter den Kinobetreibern?

Christian Bräuer: Wir sind alle sehr froh, wenn endlich wieder Kino und Kultur Teil unseres Lebens werden. Das ist auch das, was Berlin als Stadt ausmacht. Die letzten Monate waren für uns sehr herausfordernd, vor allem wirtschaftlich. Die Erlöse sind von heute auf morgen weggebrochen, während viele Kosten wie Mieten oder Personalkosten weitergelaufen sind. Es war keine einfache Zeit. Aber es gab glücklicherweise in der Region durch Medienboard und den Berliner Senat, aber auch durch die Kulturstaatsministerin und nicht zuletzt durch unser Publikum viel Unterstützung für die Kinos.

Kommt jetzt das große Aufatmen?

Mit der Eröffnung sind die Sorgen nicht von heute auf morgen vorbei. Wir haben sehr hohe Abstandsauflagen, an die wir uns halten müssen. In Berlin und Brandenburg wie in den meisten deutschen Bundesländern gilt ein Abstand von 1,50 Meter zwischen einzelnen Gruppen, das sind zwei Kinositze. Zudem muss jede zweite Reihe komplett freibleiben. Damit kommt man dann auf eine Auslastung von 20 im besten Fall vielleicht 25 Prozent. Davon kann man kein Kino wirtschaftlich betreiben.

Warum?

Kino hat durch Personal und Mieten sowieso eine hohe Kostenstruktur. Den Kinobesuch noch sicherer zu machen, heißt außerdem, die Abstände zwischen den Vorstellungen zu entzerren, damit es im Foyer und in den Gängen nicht zu Menschenansammlungen kommt. Dafür müssen die Mitarbeiter länger im Haus bleiben, vielleicht braucht man sogar zusätzliches Personal – und das bei viel weniger Publikum. Bei der aktuellen Regelung würde der Verlust fast höher sein, als wenn man einfach geschlossen bliebe.

Sie fordern deswegen einen geringeren Abstand von einem Meter. Wenn ich mit Freundinnen ins Kino gehe, wäre also nur ein Sitzplatz zur nächsten Gruppe frei. Genügt das?

Kino ist ein sehr sicherer Ort. Die Kinosäle sind sehr hoch, es wird desinfiziert, man sitzt nebeneinander, guckt nach vorne, man spricht während des Films nicht. Deswegen sagen wir: Ein freier Sitzplatz rechts und links neben einer Personengruppe genügt. Das ist etwa ein Meter. So ist das auch in vielen anderen Ländern geregelt, wie Frankreich, Österreich, Italien, Schweiz, Großbritannien. Uns geht es darum, dass man den Gesundheitsschutz, der uns extrem wichtig ist, mit den realen Gegebenheiten im Kino zusammenbringt. Und wenn man auf einem Meter geht, hätten die Kinos eine Auslastung, die zumindest die operativen Kosten trägt.

Wie stehen die Chancen, dass die Abstandsregeln verändert werden?

Ich hoffe, dass sich der Senat bald mit uns in Verbindung setzt, und dass man zu einer Reduzierung kommt. Dann hätten wir auch wieder ein vielfältigeres modernes Leben. So wie es jetzt ist, können auch Theater, Bühnen, Zirkusse nicht wirtschaftlich öffnen.

Die Region hat eine hohe Kinodichte: Laut Filmförderungsanstalt 2019 gibt es in Berlin 96 Spielstätten, 63 sind es in Brandenburg. Das Colosseum in Berlin und auch ein Kino in Eisenhüttenstadt mussten dieses Jahr schließen. Schaffen es denn die Kinos, ohne weitere staatlichen Hilfen zu überleben?

Kinos brauchen in der Anlaufzeit weitere Unterstützung. Dafür gibt es jetzt sowohl vom Berliner Senat das Soforthilfeprogramm als auch von der Bundesregierung das Konjunkturpaket und das Programm Neustart Kultur, bei dem wir jetzt natürlich hoffen, dass das zielgerichtet auch auf Kino angepasst wird. Wir sind sehr dankbar dafür. Das große Risiko für uns Kinos – aber das gilt für alle Kulturorte – wird natürlich sein: Wie lange dauert die Corona-Pandemie noch? Worauf müssen wir uns einstellen?

Aber es ist wichtig, dass wir erstmal aufmachen, auch wenn die Kapazitäten sehr eingeschränkt sind. Wir können froh sein, dass wir in Deutschland und in Berlin eine Politik haben, die sich sehr für Kulturorte einsetzt. Das ist nicht selbstverständlich. Auch das Publikum hat uns ideell wie finanziell toll unterstützt: durch Liebeserklärungen auf Social Media, den Kauf von Gutscheinen, Spenden. Das macht man für Orte, die Teil des eigenen Lebens sind. Das gibt uns Zuversicht. Und jetzt wollen wir etwas zurückgeben. Und dann hoffen wir natürlich sehr, dass die Disziplin da ist, dass die Infektionszahlen weiterhin beherrschbar bleiben. Dass man einen weiterhin zu noch mehr Normalität kommt.

Die großen Gewinner der Pandemie scheinen die Streamingdienste zu sein. Graben Netflix & Co. den Kinos künftig die Kunden ab?

Es gab während des Lockdowns natürlich eine massive Verdichtung, weil die Streamingdienste ein Angebot hatten, das besonders gefragt war. Aber sich Filme zuhause anzuschauen, ersetzt nicht das gemeinsame Erleben, das Kino bietet. Deswegen bin ich optimistisch. Ich glaube, wir alle haben in der Krise gesehen, was wirklich fehlt. Das sind oft selbstverständliche Dinge: ein Bar- oder Restaurantbesuch, der Club, das Theater oder eben Kino. Dieses kulturelle Leben macht uns auch als Stadt aus. Das können Online-Dienste nicht einfach so ersetzen.

Auf welche Kinofilme können wir uns denn im Herbst oder im nächsten Jahr freuen – nach einer langen Zeit, in der weder gedreht wurde noch Festivals stattfanden?

Für die Programme der Arthouse-Kinos sind Festivalfilme durchaus entscheidend für das zweite Halbjahr. Allein im letzten Jahr hatten wir mit "Parasite", "Burning" und "Shoplifters" drei großartige asiatische Filme, die zuvor allesamt im Wettbewerb in Cannes liefen. Ob solche Filme auch ohne Festivals den Weg zum Publikum finden, müssen wir abwarten.

Andererseits wurden generell über die letzten Jahre mehr und mehr Filme produziert. Manchmal hat sich ein guter Film nicht durchsetzen können in diesem Wettbewerb, auch weil er nicht das hinreichende Marketingbudget hat. Vielleicht ist das jetzt anders.

Setzen Sie jetzt auf einen annähernd normalen Kinosommer?

Mit diesen Auflagen haben wir natürlich eine sehr neue Normalität. Aber wir hoffen, dass das Publikum entdeckt, dass Kino sichere Räume sind und weiter zu uns kommt. Soviel verreisen kann man im Moment sowieso nicht. Jetzt freuen wir uns erstmal auf die Neustarts der beiden Berlinale Wettbewerbsbeiträge "Undine", gleich am 2. Juli, und etwas später "Berlin Alexanderplatz". Und vielleicht sagen Menschen: Heute lass ich mich einfach mal ein auf das Abenteuer eines kleineren Films.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Christian Bräuer sprach Ula Brunner, rbb|24.

Sendung: Abendschau, 01.07.2020, 19:30 Uhr

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